Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 11. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 11.-1903. Jüdisches Jahrg.XXVH. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und Juden betreffenden literarischen Er* acheinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie. Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Scholem, Berlin C., Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion, Inserate u. Beilagon an die Expedition franco einzusenden. Rahner’* ״Jüdische* Litteratur - Blatt“ erscheint monatlloh zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholem. Berlin, Rossstr. 3) vierteljährlich eins Mark. — Die Abonnenten dor in demselben Verlage erscheinenden ״IsraelltUehea Woohaaiohrlft4*. welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt'‘ als firatls-Beilage. — lessrate werden mit 20 Plg. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruok •inzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Au• Rahm er’s JOd. Litteratur-Blatt״ geetattet. Pharisäer und Sadducäer. Ein Vortrag von Bezirksrabbiner Dr. Landsberg-Kaiserslautern. W. A.! Ueberdie Pharisäer und Sadducäer will ich heut zu Ihnen sprechen — allerdings ein Vorwurf zur Besprechung, der mir leicht auch im anderen Sinne zum Vorwurf gereichen könnte. Fast fühlte ich mich gedrungen, vor allem andern ihnen die Wahl des Themas näher zu begründen, oder zu entschuldigen, da dasselbe wohl in der Tat in der Reihe der Gegenstände, die sonst hier besprochen zu werden pflegen, etwas befremdliches haben mag. Und doch nützt es wenig, etwas im voraus zu entschuldigen, was nicht hinterher sich selbst zu rechtfertigen vermag. Auch die beste Vorrede schützt den Verfasser nicht vor übler Nachrede, wenn das Buch sonst nichts taugt. Da indessen mein Thema an sich selbst auch dem Uneingeweihten schon auf den ersten Blick so weitabliegend erscheinen muss, da es sowohl historisch als geographisch Sie in ein so entlegenes, fremdes und fernes Gebiet einführen will, da es zudem einen solch’ entschiedenen Beigeschmack von tiefer Wissenschaft, von Philosophie und vor allem von Theologie hat, da es also alle diejenigen Ingredienzen vollständig besitzt, die jedes harmlose Gemüt leicht in einen leisen Schreck jagen kann, so beeile ich mich, zu ihrer Beruhigung Ihnen von vornherein wenigstens die Versicherung zu geben, dass ich Sie wahrscheinlich mit all’ dem verschonen werde, zu dessen Erwartung oder Befürchtung der Wortlaut des Themas selbst sie nicht ohne Grund berechtigen mag. In der Tat, welche Erwartungen auch möchte man wohl an eine Ueberschrift: Pharisäer und Sadducäer, nach dem was wir ungefähr davon wissen, knüpfen dürfen? Wer wüsste nicht, dass diese Parteien, die zur Zeit der Entstehung des Christentums entstanden, über gewisse religiöse Grundsätze mit einander heftig stritten und dass sie Beide in den neutestamentlichen Schriften mit unerbitterlicher Schärfe gegeisselt und zurechtgewiesen werden? Wer kennt nicht besonders den Begriff, den wir mit dem Worte ״Pharisäer“ zu verbinden pflegen und wer wüsste nicht, dass der Ausdruck ״Pharisäer“ sprichwörtlich soviel bedeutet als ״religiöser Heuchler“, ״Scheinheiliger“, ״Frömmler“, ein Mensch von äusserer Werkheiligkeit und voll innerer Bosheit, wie er eben aus der Zeit der Entstehung des Christentums gewissermassen vorbildlich für alle Zeiten geschildert wird? Und was die Sadducäer betrifft, die nicht einmal eine solche, wenn auch traurige Berühmtheit erlangt haben, wer wüsste nicht, dass sie in allen älteren und jüngeren Schriften in einer Weise geschildert werden, die gar keinen Zweifel darüber lässt, dass ihr religiöser Standpunkt ein ganz unberechtigter und unfruchtbarer gewesen? — Was könnten Sie also von einer Besprechung solcher Parteien Erquickliches erwarten? Welchen Reiz könnten solche altertümlichen und dazu missgestalteten Figuren für uns heute noch haben, nachdem sie längst zu Grabe gegangen, etwa damit sie uns einen Beitrag liefern zu einer ״Aesthetik des Christliehen“ — um mich des bekannten Ausdrucks eines Philosophen zu bedienen? Dazu brauchen wir sicherlieh nicht erst die Toten zu bemühen! Und doch beschäftigt man sich schon seit über 1800 Jahren so eifrig mit den genannten Parteien, als wäre an ihnen noch immer etwas Rätselhaftes zu lösen, etwas Unerklärtes, etwas Geheimnisvolles, das der Entdeckung Preis und Mühe lohnte. Wollte man alle die Schriften und Abhandlungen, die in verschiedenen Jahrhunderten, in den verschiedenen Sprachen abgefasst wurden,sammeln, man könnte eine ziemlich grosse Bibliothek damit anfüllen. Auch sind die Akten hierüber noch nicht ganz geschlossen. Spricht das nicht doch wieder von einem ganz besonderen Interesse, das dem Gegenstände selbst innewohnen müsse? Nun kann ich Ihnen freilich nicht verschweigen, dass das Interesse für diesen Gegenstand äusserlich besonders auch dadurch angeregt wird, dass wir ausser den neutestamentlichen Schriften noch eine andere Geschichtsquelle besitzen, die über diese Parteien, namentlich über die Pharisäer, das gerade Entgegengesetzte berichtet. Flavius Josephus, der selber ein Jude war. der zwei berühmte Geschichtswerke geschrieben bat, das eine über den jüdisch-römischen Krieg und das andere über die Altertümer der Hebräer, der ein Zeitgenosse und