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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 10. (1903) · p. Seite 39

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 10. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 u. dgl. gezogen werden. So redet Jesaia I nicht von Isak, von may-Festen und von einem vierzigjährigen Zuge durch die Wüste. Vom Sabbat redend, giebt er auch nicht die leiseste Andeutung davon, dass man an demselben nicht arbeiten dürfe; erwähnt keine נזירים und dass sie keinen Wein trinken, ebensowenig des תודה und dass dessen Brote nicht von חמץ dargebracht werden dürfen. Dagegen kennt Amos alle diese Dinge. Umgekehrt wiederum redet dieser nicht vom Durchgang durch das Meer, von תפלה קטורת, פרישת כפים׳ ראית פנים, und von זבח, welches alles bei Jesaia I hinwiederum sehr häufig vorkommt. Abraham kommt weder in Amos noch in Jesaias I vor und nur Micha erwähnt ihn. Die Städte Sodom und Gomorrha und ihre Verwüstung infolge grosser Versündigung kennt Amos, Jesaia und Jeremia; kommen aber nicht vor in Micha, und Ezechiel redet auch nur von Sodom, nicht aber von Gomorrha. Balak’s erwähnen die zeitgenössischen Propheten Micha’s nicht und nur letzterer weist auf ihn hin. Aus dem Angeführten schon kann man ersehen, wie wertlos und unbedeutend all dieses ist. Denn wollte man diesem irgend einen Wert beilegen, welche Ungereimtheiten würde man daraus nicht beweisen können! — Allein wenn der Mensch auch ein freies Subjekt ist, so bleibt dennoch sein Unternehmen nur und der Plan zu dessen Ausführung im allgemeinen ein Akt reiner Freiheit. Die einzelnen Momente bei der Ausführung seines Unternehmens hingegen sind rein zufällig. Er kann über einen Gegenstand und in einer bestimmten Weise von demselben reden wollen; die einzelnen Gedanken, die zur Beleuchtung dienen, hängen stets von den jeweiligen Einfällen ab und können hiermit nicht zur Rechenschaft gezogen werden, warum sie gerade dieses und nicht jenes zu ihrem Beispiel gewählt haben. Aus besagtem Grunde hat die letztere Art Beweisführung nicht nur für die Bibelkritik, sondern für die Kritik überhaupt keinen Wert. In der Tat wurde diese Art noch auf keinem Gebiet der Kritik — wenigstens nicht von besseren Kritikern — angewendet. Anders ist es mit den beiden ersteren. Sprachliche und sachliche Analogien und Geschichte sind dem Kritiker, welchem Bereiche er auch immer angehöre, stets sehr gewichtige Punkte und haben in gewissen Fällen auch in der Bibelkritik ihre Berechtigung. So ist ein Gedankenkomplex d. h. eine ganze Satzverbindung — nicht einzelne Ausdrücke und Phrasen, wenn sie bei zwei Schriftstellern in Wort und Konstruktion gleich lautet, ein sicherer Beweis, dass der eine den anderen benutzt und folglich gekannt hatte. Und was die Geschichte betrifft, so ist diese ein fester und untrüglicher Boden für die negative Kritik. Kann man z. B. von irgend einem Buche nachweisen, dass sein Inhalt oder auch nur ein Teil desselben gewissen geschichtlichen Begebenheiten widerspricht, so kann demselben die Zeit jener Begebenheiten unmöglich zum Hintergrund gelegt werden. Weist man es nun nach, dass ein Buch Verhältnisse oder ein Verhältnis enthält, welches mit dem Gesamtzustand irgend einer geschichtlichen Epoche vereint nicht zu denken ist, so kann diese mit fast mathematischer Evidenz von der Frage nach der Abfassungszeit jenes Buches ausgeschlossen werden. Da aber die Gleichheit ganzer Sätze und der Widerspruch mit dem Gesamtzustand einer grösseren geschichtlichen Epoche — denn nur der Nachweis, dass irgend ein Vorgang in den Rahmen eines Jahrhunderts zum mindesten nicht hineinpasst, kann für die Kritik von Bedeutung sein — doch schwerlich und sehr selten sich erweisen lassen, so ist es selbstredend, dass wir sehr vieles der Kritik gar nicht zu unterwerfen vermögen. Litteraturbericht. Recensionen. Lazarus’ ״Ethik des Judentums“. Besprochen von Rabbiner Dr. M. Kahmer. (Fortsetzung.) Um den Leser ein getreues Bild von dem reichen Inhalt des Lazarus’schen Werkes zu geben, müssten wir eigentlich das ganze, dem Werke vorgedruckte ״Inhaltsverzeichnis“ hier wiedergeben. Aus demselben würde man sofort den strenglogischen Aufbau, die innere Struktur des Ganzen und das Ineinandergreifen der einzelnen Teile erkennen. Allein dieses Verzeichnis füllt 15 Seiten und ist ein kleines Meisterwerk für sich, das durch Kürzung und Zerstückelung Seinen Wert einbüssen würde. Wir müssen uns darum begnügen, die Hauptteile kurz zu skizzieren und nur bei den Stellen etwas länger zu verweilen, bei welchen wir einige Bemerkungen zu machen haben, sei es bezüglich der Interpretation manches talmudischen Auspruches, sei es bezüglich der TTebersetzung citierter Bibelverse und ergänzender Hinzufügung einiger prägnanten Belegstellen. ״Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun.“ Der vorliegende erste Band zerfällt in zwei grosse Abschnitte, von denen der erstere der grundlegende ist und im ersten Kapitel von den Quellen der jüdischen Sittenlehre handelt. Als solche gelten natürlich in erster Keihe die biblischen Schriften und im engsten Anschluss daran die talsaudischen und späteren rabbinischen, in denen der jüdische Gesamtgeist sich fortgebildet hat. ״Dieser Continuität in der ethischen Schöpfungstätigkeit des jüdischen Geistes — sagt der Verfasser sehr richtig — ist es zu verdanken, dass es möglich ist, ein vollständiges und in sich geschlossenes System der Sittenlehre des Judentums zu entwerfen, obgleich der Inhalt derselben in ihren Quellen, also in Bibel und Talmud, niemals in systematischer Form, sondern immer nur in vereinzelten Aussprüchen zur Erscheinung gekommen.“ ״Was der Einzelne vorträgt, ist Erfolg des Gesamtgeistes, der im Individuum persönliche Gestalt gewinnt; und was in der Gesamtheit lebt, prägt sich in Worten oder Werken aus, welche Einzelne geschaffen haben.“ Das ist die Macht und Würde jener schöpferischen Fortbildung, welche dem innersten Triebe des Volksgemütes und seiner ältesten, ursprünglichen Offenbarungen folgt. Freilich verhehlt sich der Verfasser nicht, das nicht blos die Redeweise, sondern auch die Denkweise der Urheber jener überlieferten Aussprüche, in denen die ethischen Gedanken niedergelegt sind, eine andere war, als die unsrige, und dass sie in unsere Denk- und Redeweise übertragen werden müssen und zwar so, ״wie der Autor, wenn er jetzt lebte, es ausgedrückt haben würde“. Der Herr Verfasser weist dies an einigen bilderreichen hagadischen Beispielen schlagend nach. Aber er bleibt nicht beim Schrifttum als Quelle der jüdischen Ethik stehen, sondern ihm sind auch die Institutionen, Vereins- und Gemeinde-Einrichtungen, die religiösen Sitten und Bräuche, kurz die ganze Ausgestaltung

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