Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 10. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 des jüdischen Lebens eine Quelle der Ethik des Judentums, die j!1 zumeist eine religiöse ist. ,Alle religiösen Gebräuche, siigt er, haben symbolische Bedeutung; sie sind Symbole von religiösen Ideen.“ Schliesslich ist ihm noch der Gesamtgeist der jüdischen Religionsgemeinschaft, alles was die Herzen, das Volksgemüt bewegt, eine Hauptquelle der Ethik. ״Hier gilt es das öffentliche Bewusstsein auch in seinen geheimsten Regungen zu belauschen, mit zartem Sinnen auch die Imponderabilien des ethischen Geistes zu erfassen; was nur als dunkle Ahnung und ideale Sehnsucht die Herzen des Volkes bewegt, in begriffliche Form und sprachliche Gestalt zu bringen“ — heisst es treffend auf Seite 73. In diesem Belauschen der Atemzüge der jüdischen Volksseele, in ihrer begrifflichen Formirung und sprachlichen Dar- Stellung zeigt sich ganz besonders die Meisterschaft des Schöpfers der ״Völkerpsychologie“ und Verfassers des ״Lebens der Seele“. Aber wie wir ihm hierfür zu Dank verpflichtet sind, so wissen wir ihm auch Dank für manche Perle von Citaten aus andern Autoren, so z. B. für die Anführung des Düllinger’schen Ausspruches über die Bedoutung der mündlichen Ueberlieferung: ״Das jüdische Volk bewegte sich in einem Kreise religiöser Vorstellungen, welche nur zum Teil in seinen heiligen Büchern Ausdruck gefunden hatte; die mündliche I'eberiieferung war nicht ein totes Depositum in den Händen eines geistig stagnirendon Volkes, sie besass vielmehr die Kraft und den Trieb, sich in stetigem Wachstum organisch zu entwickeln u. s. w.“ Der Verfasser bleibt seiner, zum Schlüsse dieses Kapitels über die Quellen der jüdischen Sittenlehre in feierlicher Weise abgegebenen Erklärung, ״dass er in diesem Werke keinen Gedanken Vorbringen wolle, von dem er nicht nach seiner innersten Ueberzeugung wisse, dass sie dem Gesammtgeiste des Judentums entstamme; fremde zustimmende oder abweichende Gedanken werde er immer als solche und nach ihrem Ursprünge bezeichnen“, bei dergleichen Anführungen wie die aus Döllinger, stets treu. Bevor wir jedoch dieses erste Kapitol verlassen, sei es uns gestattet, unsere Randbemerkungen zu einigen Stellen desselben und der dazugehörigen Erklärungen im ״Anhang“ hier kurz niederzulegen. Die Uebersetzung des Seite 29 angeführten Bibelverses (Exod. 20,24) ״an allen Orten, wo meines Namens gedacht wird, komme ich und segne“, ist zwar sinngemäss richtig, aber nicht wörtlich genau; “aseher askir“ wäre vielleicht zu übersetzen: ״wo ich erwähnen höre“. — Seite 74 übersetzt der Verfasser die Talmudstelle Berachot 46a: ״sieh dich drausson um, was das Volk dazu sagt“; richtiger wäre (nach Raschi z. St. und Pessachim 54a): ״was beim Volk Brauch ist, wie sich das Volk führt“, (d’war hat im Aramäischen — und der ganze Satz ist ja aramäisch — die Bedeutung ״führen“, wie das hebr. ינהג wovon מנהג•) lm hebräischen Schrifttum findet sich der Stamm ״d’war“ nur zweimal und zwar im Hauptwort (Jes. 6,17 und Micha 2,12! ais ״Trift“ (von ״treibon“. wohin das Vieh getrieben wird, so wird os auch Exod 8,1 gebraucht. Manche wollen auch das וידבר עמים PS. 18,48 und 17,4 daraus erklären,, ״unterwerfen“.) In der sehr schönen Auslegung des 87. Psalms (im ״Anhang“ S. 390) sagt der Herr Verfasser: ״Im Schluss dieses Juwels von einem Psalm heisst jewulloh nicht ,.Gewächs“ sondern tropisch ״Ertrag“; dies, dass alle Völker Ghitt um die sittliche Woltregierung preisen, dies ist der höchste ״Ertrag״ des ganzen Erdenlebens“. Und einige Zeilen weiter fügt der Verfasser hinzu: ״Wer aber dennoch an der moralischen Bedeutung von jewulloh zweifelt, den verweise ich auf Ps. 85,12 ״Wahrheit spriesst von der Erde auf“; wo tizmach doch nur im metaphorischen Sinn gedacht werden kann — ״und sind nicht zemach und j'wul naturwüchsig cnrrelate Begriffe?“ Diese universalistische Deutung des ganzen Psalms macht der philosophischen Interpretationsweise des Verfassers alle Ehre, obwohl die lexicographischen Bedenken gegen die tropische Bedeutung dos nur als ״Gewächs, Frucht der Erde“ Vorkommenden j’wul durch den Hinweis auf zemach nicht gehoben sind, denn dieses letztere wird häufig von den Propheten in übertragenem Sinne gebraucht; ja der Messias wird geradezu ,,Zemach‘• genannt, die klassische Stelle dafür ist Secliarja fl,12. Zu der trefflichen Bemerkung (S. 79 und 80) über deti ״grundstürzenden Subjectivismus“, und die ״stets geächtete Willkür“ wäre neben der schlagenden historischen Beweisstelle aus Bichter 17,8 u. a. auch auf Deut. 12,8, hinzuweisen, wo dem יישר בעיניו (V. 2f?) ישר בעיני gegenüberstellt. ' (F. f.); Litterarische Notiz. (Aus einem Schreiben des sei. Emser Bezirksrabbiners Dr. Hochstaedter an den Redakteur dieses Blattes.) Unter allen Erläuterungen über die Schreibart und die Aussprache des göttlichen Eigennamens ist das, was R. Samuel ben Meier, Enkel Raschi’s, hierüber erklärt, wohl das Richtigste. Derselbe leitet nämlich bei der betreffenden Offenbarung der Bedeutung des göttlichen Eigennamens (2. M. 3,14) denselben von dem Hilfszeitwort יהיה (jibjeh), was neben dem Zeitwort יחיה (jichjeh) eine seltene Vokalisation hat, indem es sonst entweder analog יהרס (jaharaus) jahweh oder analog יהגה (jehgeh) jehweh lauten müsste. Dieser Schrifterklärer erörtert nun seine Ansicht aus edler Scheu, er mochte sonst den Hauptnamen Gottes entweihen, mittelst Buchstabenvertauschung des א״ת ב״ש, womit er sagen will: ״ הוא קורא עצמי אהיה ואנו קוראים אותו יהיהEr der Ewige nennt sich hier ״״Ich bin der Ewigseiende““ und wir nennen ihn: ״Er, der Ewige!“ Dass aber das zweite Jod vom Futur des Yerbum יהיה beim göttlichen Namen in Waw יהוה umgewandelt wurde, geschah deshalb, um damit die Allgegenwart — die Präsens — Gottes anzudeuten, so, dass in demselben alle drei Zeitbezeichnungen begriffen sind, indem die Form הוה in der chaldäisehen Schwestersprache auch die Vergangenheit bezeichnet, wie dies auch der Dichter des Adon olam schön ausdrückt: *))והוא היה והוא היה והוא יהיר Dieser göttliche Eigennamen, wie er ehedem vom Hohenpriester am heiligsten Tage im Jahre, dem Versöhnungsfeste, im allerheiligsten Raume des Tempels ausgesprochen wurde, lautet darum nicht ״Jahweh“, wie neuere christliche Bibelforscher behaupten, ebensowenig ״Jehweh“, auch nicht ״Jehowah“, wie man früher, verleitet durch die aus gleicher Scheu vor der Entweihung des göttlichen Hauptnamens, die VokalisationdemNamen Adonaj entnahm, ebensowenig ״Jahwah“ mit weiblichem Endvokal, wie die Kabbalisten meinen, sondern wie oben von Raschbam angedeutet. (Wir wollen aus derselben Scheu nicht deutlicher sein.) Es ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem ich über die Schreibart und die Aussprache des göttlichen Eigennamens eine Dissertation an die Universität zu Göttingen eingesandt hatte, welche sehr beifällig aufgenommen wurde und mir das Doktordiplom honoris causa erwarb. Dr. Hochstaedter, Bezirksrabbiner aus Bad Ems, z. Z. in Frankfurt a. M., den 30. Mai 1886.“ ' \) Dieses Glaubensgedicht Adon Olam ist jedenfalls älter, weil einfacher, als das andere, Jigdal, welches die 13 Glaubensartikel des Maimonides poetisiert. Inhalt der Nummer IO. Wissenschaftliche Aufsätze: Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst. Von H. L. (Schluss.) — Etwas über Bibelkritik. (Schluss.) — Litteraturberioht. Recensionen: ״Lazarus’ Ethik des Judentums.“ (Fortsetzung.) — Litterarische Notiz: Die Aussprache des Tetragramm. Verantwortl. Redakteur: Rabbiner Dr. M. Rahm er, Magdeburg. Druck von Arthur Scholem, Berlin.