Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 10. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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38 welche die allgemeine Nächstenliebe predigen, zitieren, so würde dies den Raum vieler Seiten überschreiten. Darum muss ich selbst einen Auszug aus dem betreffenden Schrifttum mir versagen; dem jüdischen Leser sind die Belegstellen aus den Talmuden, Midraschim, Kommentatoren und Exegeten meist bekannt. Aber selbst die höchste Autorität für die Bekenner der christlichen Religion, der christliche Religionsstifter selbst, hat ja dieses Gebot nie anders als in unserm Sinn aufgefasst. Jesus spricht in seiner Bergpredigt zu seinen Jüngern: ,,Ihr habt gehört, dass gesagt ist (nämlich in der Thora): Du sollst Deinen Nächsten lieben; ich aber sage Euch: Liebet Eure Feinde!־‘ Hätte Christus das Rea als ״Volksgenossen“ aufgefasst, so würde er ohne Zweifel als das Näherliegende gepredigt haben: Ihr habt gehört: Liebe nur Deinen Volksgenossen — ich aber sage Euch: Liebe Deinen Nächsten! Auch nach Evangel. Marc. Kap. 12.31 antwortete Jesus auf die Frage eines Schriftgelehrten: Welches ist das vornehmste Gebot vor allen, folgendennassen: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten ist das ״Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott!“ u. s. w. Und das andere, fährt Jesus fort, ist ihm gleich: Du sollst Deinen Nächsten lieben als Dich selbst. Es ist kein anderes grösseres Gebot, denn diese. Da Jesus diese beiden Gebote wörtlich nach der Thora zitiert und sie als die höchsten bezeichnet, dokumentiert er als über allen Zweifel erhaben, dass רעך nach seiner Auffassung die weitgehendste Bedeutung als ״Nächster“ und nicht als ״Volksgenosse“ hat. Um so befremdender muss es erscheinen (zumal auch im Luther’schen Neuen Testament unter dem Gebote: ״Liebe Deinen Nächsten“ auf 3. B. M. 19,18 ausdrücklich hingewiesen wird), dass viele christliche Theologen entgegen dieser ihrer höchsten Autoritäten es unternehmen, dem ״le-reiacho“ eine einschränkende Bedeutung beizulegen. Anhang. Gegen das vorstehend zitierte ״Zinsverbot“ wurde gar oft schon die Frage erhoben: Wenn die Thora die höchste Liebe gegen alle Menschen gebietet, warum verbietet sie das Zinsnehmen von Heiden nicht ebensowohl, wie von Israeliten? Darauf diene folgende Erklärung als Antwort; Unter allen Völkern, zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag nimmt jedermann das unanfechtbare Recht für sich in Anspruch, für ein geleistetes Darlehen eine angemessene Vergütung zu erheben, ebensowohl wie für jede andere Dienstleistung. Die Thora aber beschränkte dieses Recht, indem sie Darlehen an Volksgenossen nur als Wohlthätigkeitsakt geübt wissen wollte und fügte darum auch dem betreffenden Gebot die Worte hinzu: Damit der Herr Dich segne. Der Heide, für den die Thora nicht bestand und den sie daher auch nicht zur Gegenseitigkeit verpflichten konnte, machte von dem Rechte des Zinsnehmens nach wie vor den weitgehendsten Gebrauch, auch den Israeliten gegenüber. Darum erlaubte — nicht gebot — die Thora das Zinsnehmen (doch niemals Wucher!) bei Darlehen an Heiden. Die Beschränkung dieses Rechts dem Israeliten gegenüber, involviert somit keineswegs eine Lieblosigkeit gegen Nichtisraeliten! Nichtsdestoweniger erklären unsere Weisen in dem so viel verkannten Talmud (Tractat Mackot) ausdrücklich: ״Wer (nach Psalm Davids 15) in Gottes Zelten wohnen, d. h. ein wahrhaft frommer Mann sein will, darf selbst vom Nichtisraeliten niemals Zinsen nehmen“. Etwas über Bibelkritik. (Schluss.)' Ebensowenig ist das zweite, die scheinbar historischen Momente, eine feste Grundmauer, worauf sich etwas mit Sicherheit bauen liesse. Wenn ein Buch der Bibel irgend ein Verhältnis oder Verhältnisse erwähnt, denen Aehnliches oder selbst Gleiches auch die Geschichte kennt, so können diese lange nicht mit dem geschichtlich Berichteten identifiziert werden. Wie in der Natur, so treten auch in der Geschichte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten wohl nicht dieselben aber kongruente Erscheinungen wieder auf. Es ist daher sehr leicht möglich — da sehr vieles aus der Geschichte unbekannt geblieben — dass durch die Identifizierung des geschichtlich Bekannten mit dem in jenem Buche erwähnten Verhältnisse zwei ganz verschiedene durch Jahrhunderte vielleicht getrennte Begebenheiten zusammengewürfelt werden und dass in der That jenes Buch ein ähnliches oder gleiches, nicht aber dasselbe Vorkommnis der Geschichte kennt. Ferner wird man in der Geschichte selbst sicherlieh bei eingehender Forschung noch manche Ereignisse finden, die jenen Verhältnissen, um deren nähere Bestimmung es sich handelt, ähnlich oder gleich, dennoch zu anderer Zeit und auf anderem Schauplatz vor sich gegangen sind. Das Vorkommen von Verhältnissen — in irgend einem Buch — die uns an geschichtliche Fakta erinnern, sind daher auch von gar keiner Bedeutung; selbst dann nicht, wenn durch die Identifizierung letzterer mit ersteren der ganze Inhalt des Buchs in ein besseres Licht zu treten, indem er auf die Gesamtzustände jener Zeit, in der diese Fakta geschehen, sehr gut zu passen scheint. Denn es wird sein Inhalt ganz sicher mit eben so glücklichem Erfolg sich auch auf eine andere Zeit beziehen lassen. Dass dem so ist, beweisen z. B. die Psalmen. Diese sind thatsächlich auf Zeiten und Verhältnisse passend bezogen worden, die fast um ein Jahrtausend voneinander differieren. ״Die Vermutungen der meisten Ausleger“ sagt Hupfeid, ״ergehen sich daher — in den durch die Wegräumung der in den Ueber- Schriften gegebenen Grenzsteine erweiterten Spielraum — zwischen Endpunkten, die über acht Jahrhunderte auseinander liegen, hin und her dargestellt, dass derselbe Psalm von dem einen dem David, von dem anderen den Makkabäern oder einer noch späteren Zeit zugeschrieben wird. Noch weniger sind die Schlüsse berechtigt, , welche aus dem Nichterwähnen irgend einer Tatsache oder eines Begriffs