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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 10. (1903) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 10. (1903)
Date
1903-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 10. —1903. Jüdisches Jahrg. XXVII. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und Juden betretenden!literarischen Kr• Hcheinungen auf dem Gebiete uer Philo* sophie, Geschichte, Ethnographie. Theo• logie. Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteirt־: Rabbiner Dr. M. Rahm er in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Scholen!, Berlin C., Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Rriofe und Manuskripte sind an die Redaktion, Insorate u. Beilagen an dio Expedition franco ei'nzusenden. Ratinar’ft ״jldUchai Litteratur• Blatt" erscheint mouatlloli zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholcm. Berlin, Rossstr. 3) vierteljährlich ata• Mark. — Dia Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״laraalitlsohafl Woahaasokrlft41. welche bei allen Pöstanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— H. kostet, erhalten das .,Jüdische Litteratur-Blatt*1 als Qratli-Beilage. — Inserate werden mit 20 pi#. die viergespalten״ Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruak •inzelnar Artikel nur mit der Angabe 1 ״Au• Ra hm er'• JOd. Litteratur-Blatt“ gestattet. Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst. Ein nichtgebaltener Vortrag von H. L. (Schluss.) Wir gelangen nunmehr zu dem wichtigsten Teile des Pentateuchs, zu den 10 Geboten. Auch hier, im Dekalog, finden wir das Wort Rea angewandt. So lautet das neunte Gebot: ״Du sollst wider Deinen Nächsten nicht zeugen als falscher Zeuge.“ Hier allerdings ergiebt sich aus dem Zusammenhang nicht klar genug die Bedeutung des Rea, um so unzweideutiger aber aus dem folgenden, dem zehnten Gebot: ״ לא תחמוד בית רעךDu sollst keine Begierde haben nach dem Hause Deines Nächsten.“ Unsere Weisen fügen erklärend zu demselben hinzu: ״Wer das zehnte Gebot übertritt, kommt leicht in Gefahr, alle zehn Gebote zu übertreten.*‘ Sehr richtig, denn woraus anders entsteht beispielsweise die Uebertretung des 6. und 8. Gebots — Mord und Raub — als aus der Begierde, das zu besitzen, was dem andern gehört. Hat aber wohl jemals ein Sterblicher nur zu denken gewagt, dass die Thora die Verübung dieser grossen Verbrechen nur gegen Volksgenossen verboten, sie, die schon Noah und seinen Söhnen in eindringlichster Weise zurief: ״Wer Menschenblut vergiesst, dessen Blut soll durch Menschen wieder vergossen werden!“ (1. B. M. 9,6.) Was aber würde dann das zehnte Gebot frommen, wenn es die Begierde nur nach dem Eigentum der Volksgenossen und nicht aller Menschen, hätte verbieten wollen? Fürwahr! das Gebot würde ja geradezu illusorisch und zweckverfehlend seinl Nein! לא תחמוד בית רעך kann darum niemals heissen: Du sollst nicht begehren das Haus ״Deines Volksgenossen“, sondern: ״Deines Nächsten“ und nur so, nicht anders kann das Rea auch im 9. Gebot aufgefasst werden. Wir begegnen dem Worte Rea in der Thora noch sehr häufig und zwar besonders bei den allgemeinen Humanitätsgesetzen, aber nirgends hat es nach dem schlichten Sinn des Satzes und im Zusamenhang eine andere Bedeutung, als: ״Nächster.“ III. Hieran knüpfe ich nun noch den negativen Beweis, dass die Thora für diejenigen Gebote, welche thatsächlich nur unter Volksgenossen geübt werden sollten, nie das Wort Rea, sondern immer eine andere Bezeichnung für ״Volksgenossen“ wählte. So 3. B. M. 19,17 und 18 אחיך und 5 ׳בני עמך. B. M. 23,21: Vom Heiden magst Du Zins nehmen, aber von Deinem ״Bruder“ nicht.*); ferner 3. B. M. 25,39: Wenn Dein Bruder verarmt neben Dir und verkauft sich Dir u. s. w. und im V. 46: aber über eure Brüder, die Kinder Israels, darf u. s. w. Die Thora wendet aber keineswegs dieses trauliehe, den Geist der Liebe atmende Wort ״Bruder“ bildlich nur auf israelitische Volkgenossen an, 0 nein, sondern gerade so oft auch auf die gesamte Menschheit und bekundet auch hiermit schon ihren fürsorglich väterlichen Willen, dass alle Menschen sich als Brüder betrachten und liehen mögen. Da heisst es schon bei einem der sieben noachidischen Gesetze 1. B. M. 9,5: ״Von der Hand eines jeden werde ich fordern, das Leben seines Bruders“. Lot, ein Verwandter unseres Erzvaters Abraham, redet selbst seine entarteten 'sodomitischen Landsleute an: ״Meine Brüder handelt doch nicht so böse!“ Unser Erzvater Jakob spricht zu ihm ganz unbekannten Hirten: ״Meine Brüder! woher seid ihr?“ Ja selbst 300 Jahre nach Esau’s Tod gebietet die Thora noch, betreffs seiner Nachkommen, trotz ihres heidnischen Glaubens und ihrer allezeit feindlichen Gesinnung gegen Israel: ״Du sollst den Edomiter nicht verabscheuen, denn er ist Dein Bruder!“ Doch genug der Beispiele. Es erübrigt nunmehr noch, die Frage zu beant- Worten: Wie stellten sich unsere Weisen und Gelehrten aller Zeiten diesem Gebote gegenüber? Erkannten sie die Pflicht der Nächstenliebe auf Grund dieses Gebots in ihrer weitgehendsten Bedeutung an, oder wollten sie wirklich dieselbe nur auf Volksgenossen beschränkt haben? Wollte ich die herrliehen Lehren und Aussprüche unserer Weisen alle, *) V'ergl. hierüber den ״Anhang.׳ (K.)

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