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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 9. (1903) · p. Seite 35

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 9. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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35 Vorwurf der Bibel Btrenger geprüft, wie bald wären sie zur Ueberzeugung gelangt, dass die Analogien der Bibel nicht etwas Willkürliches aus Entlehnung und dergl. — wie sie eben zu schliessen gewöhnt sind — vielmehr etwas Notwendiges aus Zeit, Inhalt nnd Wesen derselben Hervorgegangenes sind. Nicht nur die alten Hebräer, sondern auch wir Deutsche, werden und müssen im Reden und Ur* teilen uns einander ähnlich werden, so wir über einen und denselben Gegenstand und von einer und derselben Seite dieses Gegenstandes reden. Zwei Urteile über denselben Gegenstand A können nur dann verschieden ausfallen, wenn sie verschiedene Seiten von A behandeln. Das Verlangen nach Brot kann und wird nicht anders als durch: ״Gieb mir Brot“, ausgedrückt werden, und wer vom Blühen des Baumes reden will, wird immer nur: ״Der Baum blüht oder blüht nicht“ sagen müssen. Nur die verschiedenen Seiten des Baumes, z. B. seine Färbe, sein Organismus u. dgl. machen verschiedene Urteile über denselben möglich. Nun ist das Auffinden verschiedener Seiten an einem und demselben Gegenstand Sache der Analysis. Diese steht aber in geradem Verhältnis mit der Zeit und ist bekanntlich je später, je jünger, desto entwickelter und ausgebildeter; je älter, je früher, desto unreifer und unvollkommener. Mit der verringerten Anzahl der Jahrhunderte nehmen auch die analytischen Urteile ab und in sehr frühem Alter sind fast sämtliehe Urteile bloss synthetisch. Selbst zur Zeit noch, als die Philosophie bereits sich zu regen begann, vermochte man sich nicht über die unmittelbare Wahrnehmung zu erheben und suchte den Urgrund aller Dinge lediglich in der Materie. All diejenigen daher, welche zu jener Zeit über einen Gegenstand zu reden hatten, mussten, weil sie an den Gegenständen nichts als das Wahrnehmbare und gleichsam sich ihnen von selbst Aufdrängende merkten, in ihren Urteilen einander notwendig ähnlieh werden. Da nun der Stoff sämtlicher Bücher der Bibel fast derselbe ist — Gott und Israel, was im Wesen der Religion jener Dichter und Propheten begründet ist — so kann das Einerlei der Bibel der hebräischen Sprache durchaus nicht zum Vorwurf gereichen; vielmehr zwingt es uns, den poetischen Wert, die Fülle und die Gewandtheit dieser Sprache umsomehr zu bewundern, die ungeachtet jener ihrer Zeit und dessen, dass sie immer denselben Gegenstand behandelt, solche grossartige Abwechslung und Mannigfaltigkeit uns dennoch — wie sie die Bibel eben bietet — zu bieten vermochte. ־ Zugleich mit diesem Vorwurfe des Einerlei schwindet auch jede Berechtigung, aus den Analogien der Bibel auf irgend etwas zu schliessen. Denn alle Schlüsse beruhen lediglich auf der Frage, woher diese Aehnlichkeit; da die Analogien aber die notwendige Folge der Gleichheit des behandelten Stoßes und in sich selbst begründet sind, so hört ja iede weitere Frage auf und kann daher aus ihnen nients mehr gefolgert werden. (Schluss folgt.) Der erste Jude als ordentliches Mitglied . der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Der am 22. Oktober 1883 verstorbene Prof. Dr. Peter Teophil Riess war der erste Jude, der als ordentliches Mitglied in die Kgl. preussische Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden ist, nachdem er sich als Physiker bereits einen Namen gemacht hatte. Die Wahl des Dr. Riess erfolgte in der Plenarversammlung vom 7. April 1842. Alexander von Humboldt berichtet darüber: ״Ich bin heute nicht nach Potsdam gegangen, um die Wahl in pleno des talentvollen jüdischen Physikus Riess zu betreiben. Sie ist für die Akademie sehr ehrenvoll ausgefallen, nur drei schwarze Kugeln.“ Die Akademie zeigte unterm 11. April die Wahl dem damaligen Unterrichtsminister Eichhorn mit dem Ersuchen an, die königliche Bestätigung zu befürworten. Eichhorn liess den Antrag sieben Wochen liegen und schrieb dann am 29. Mai der Akademie, sie möchte ihm ״nachträglich“ anzeigen, ״ob bei der Wahl des Dr. Riess der Umstand, dass er, Riess, sich noch zum jüdischen Glauben bekenne, derselben bekannt und gegenwärtig gewesen ist, indem er es für nötig hält, hierüber als eine Thatsache in dem an Se. Majestät zu erstattenden Berichte sich mit Bestimmtheit äussern zu können.“ Auf dieses bei ihr am 1. Juni eingegangene Schreiben antwortete die Akademie unterm 4. Juni (unterzeichnet: Ehrenberg, Encke, Boeckh, v. Raumer) kurz und bestimmt, das die physikalisch-mathematische Klasse von der Thatsache, dass Riess Jude sei, ״sehr speeiell“ Kenntnis genommen, aber weder die Klasse noch die gesamte Akademie um so weniger daran Anstoss genommen habe, je weniger in den Statuten der Akademie aus dem Glaubensbekenntnis eines Gelehrten irgend ein Präjudiz gegen seine Wählbarkeit hervortrete. ״Uebrigens erlaubt sich die Akademie darauf hinzuweisen, dass in gleichem Verhältnis ״Herr Meyerbeer in der Akademie der Künste Sitz und Stimme hat.“ Darauf berichtete Eichhorn unterm 9. Juni dem König Friedrich Wilhelm IV., der unterm 28. Juni die Wahl bestätigte, worauf in der Leibnitz-Sitzung vom 7. Juli Riess in die Akademie eingeführt wurde. — Wie Alexander v. Humboldt Varnhagen erzählte, habe ihm der König gesagt, er würde die Wahl ohne Bedenken bestätigen und hinzugefügt, ״ich hoffe doch nicht, dass Ihr Bruder die Dummheit begangen und in die Statuten gesetzt hat, es dürfe kein Jude in der Akademie sein.“ Der König gewährte somit, was Friedrich der Grosse versagt hatte, die Zulassung eines Juden zur Akademie. Friedrich hatte z. Z. Moses Mendelssohns Wahl stillschweigend übergangen und den Antrag der Akademie ganz unbeantwortet gelassen, wie man damals glaubte, aus Rücksicht auf Katharina II., die Mitglied der Akademie war und von der man nicht wusste, ob ihr solche Genossenschaft auch recht sein würde.

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