Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 9. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Litteraturbericht. - Recen8ionen. Lazarus’ ״Ethik des Judentums“. Besprochen von Rabbiner IJr. M. Rithmer.*) Man kann es wohl, ohne auf Widerspruch zu stossen, sagen, dass seit dem Erscheinen der Graetz’schen ״Geschichte der Juden", also seit fast einem halben Jahrhunderts auf dem Boden der Wissenschaft des Judentums kein so bedeutendes, epochemachendes Werk erschienen ist, als das von Lazarus über die Ethik des Judentums, dessen erster, 470 Seiten umfassender, Teil uns vorliegt. Die durchaus nicht zu unterschätzenden Werke'über die Geschichte und den Inhalt der jüdischen Litteratur von Karpeles, Winter und Wünsche, sowie über das Erziehungswesen und die Kultur der europäischen Juden von Güdemann. sind doch mehr oder weniger kompilatorischer Natur, aber was Lazarus uns darbietet, ist die reife Frucht eines tiefen, auf der Höhe des Lebens und der philosophischen Weltanschauung stehenden selbständigen Denkers, und bedeutet eine Vertiefung des gesamten Lehrinbalts des Judentums. Es ist im eigentlichsten Sinne des Wortes ein Standard-Work, cs ist damit eine hochragende Standarte aufgerichtet worden, um welche alle gebildeten Bekenner des Judentums sich scharen können und sollen, um sich selbst zu befestigen und daraus zu erfahren, welchen herrlichen Schatz nicht nur sie, sondern die ganze sittliche Welt am Judentum besitzt. Wir stehen keinen Augenblick an, es auszusprechen, dass wenn wir dieses Werk schon vor 25 Jahren besessen hätten, uns die ״Schmach des Jahrhunderts" mit allen ihren schlimmen Folgen nach aussen und nach innen, der Inferioritätserklärung des sittlichen Gehalts des Judentums und der Herabdrückung seiner Bekenner in sozialer und staatsbürgerlicher Beziehung, sowie des Abfalls im eigenen Lager, erspart geblieben wäre. Dieses Werk wäre ein Leuchtturm gowesen auf granitnem Felsen, an dem alle brausenden noch so hoch gehenden Wogen des Antisemitismus von Anfang an sich gebrochen hätten, und hätte zugleich die Schwachen und Haltlosen in unserer eigenen Mitte, denen das Judentum, das 8i6 nicht kannten, als ein Unglück erschien, vor dem Schiffbruch bewahrt, den sie so schmählich erlitten. Aber es kommt noch nicht zu spät. — Wie Graetz’ Geschichte der Juden unsere Jugend mit gerechtem Stolz auf ihre glaubensmutigen Ahnen erfüllt, ihr ein festes historisches Bewusstsein einllösst, so wird Lazarus’ Ethik dazu beitragen, unsere Gebildeten, ganz besonders unsere studierenden Jünglinge, Israels Hoffnung, denen das Werk angelegentlichst zum Studium empfohlen sei, mit dem ethischen Gehalt des Judentums vertraut zu machen und ihnen die Gediegenheit desselben zum Bewusstsein und zum vollen Verständnis zu bringen. Mit solchem historischen und ethischen Bewusstsein ausgerüstet, werden sie fest dastehen in den Wirrnissen des Lebens und in den Irrnissen des Lehrsaals; sie werden in ihrem Innern einen Fonds besitzen, aus dem sie Kraft, Mut und Beseeligung schöpfen werden, sie werden wissen, was sie den falschen und vorurteilsvollen Darstellungen des Judentums entgegenzustellen haben. Aber auch für den Religionslehrer und Prediger ist das Werk eine unerschöpfliche Fundgrube herrlicher echtjüdischer Ideen; sie linden darin eine philosophische Begründung, eine Durchgeistigung der jüdischen Grundlehren, doch nicht blos der Glaubenslehren, sondern auch — und das ist besonders hervorhebenswert und berührt so wohlthuend — der einzelnen Gebote, der Ceremonialgesetze, und nicht blos insoweit sie in der Bibel enthalten sind, sondern auch in ihrer Fortbildung im Talmud; der Verfasser enthüllt uns ihren inneren Zusammenhang und zeigt an eklatanten Beispielen, dass ein *) Infolge des in No. 8 abgedruckten Briefes der Frau Geheimrat Lazarus, in dem auf diese unsere Besprechung Bezug genommen ist, ist seitens vieler Leser der Wunsch um Abdruck derselben geäussert worden, dem wir um so lieber nachkommen, als ihr erstes Krscheinen in einem in jüdischen Kreisen weniger gelesenen Blatte erfolgte. (Red.) Geist das schriftliche und mündliche Gesetz durchweht, der göttliche Geist der höchsten und reinsten Ethik. Es ist, als ob der Verfasser im Innern des grossen majestätischen Religionsgebäudes des Judentum ein Licht angezündet hätte, welches alle Zimmer, Kammern und Gänge desselben erleuchtet — so lichtvoll erscheint alles. Und bei aller Geistestiefe, welche Klarheit und Durchsichtigkeit der Gedanken, welche Vertrautheit nicht nur mit den Quellen- Schriften, sondern auch mit den Kommentatoren der Bibel und des Talmuds, wie heimisch in der ״Fechtschule“ der halachischen Dialektik und in den ״Gärten" der hagadischen Auslegung! Wie Maimonides — nach seiner eigenen Aussage (in dem Sendschreiben an die Gemeinden der Provence) — alle ihm zugänglichen Schriften über Religion und Kultus, auch der Götzendiener, gelesen und in deren Inhalt sich vertieft hat, ehe er daranging, sein grosses religionsphilosophisches Werk, den ״Wegweiser“ für alle in der Wüste des Un- und Irrglaubens ״Umherirrenden“, zu schreiben, so ist Lazarus mit den ethischen Systemen der Philosophen der ältesten bis auf die neueste Zeit vertraut, und obwohl er prinzipiell — wie er im Vorwort besonders hervorhebt—jede Polemik und Apologetik aus seinem Werk ausgeschlossen haben wollte, weil darin die reiDe objektive Darstellung für sich allein sprechen soll, so genügt doch ein hier und da eingestreutes, fein pointiertes Beiwort, um die Irrtümer und Nichtstichhaltigkeit so manchen Systems nachzuweisen. Es ist die herzgewinnende Sprache der Wahrheit, die aus jeder Zeile seines Werkes uns entgegentönt, die jedem Unbefangenen und Vorurteilslosen sich überzeuguogsvoll aufdrängen muss. Brauchen wir bei dem Meister des Stils es erst hervorzuheben, dass er jedem Gedanken den adäquaten Ausdruck zu geben weiss, dass die Form der Darstellung dem Inhalt des Dargestellten in vollendeter Weise entspricht? Es sind — um mit einem biblischen Bilde es zu bezeichnen — ״goldene Früchte in silberner Schale“, die der Verfasser uns dareicht. Doch es ist Zeit, auf den Inhalt des Buches im Einzelnen näher einzugehen. Biicberschau. Bibel und Babel. Eine populär-wissenschaftliche apologetische Studie von Professor Dr. theol. Karl Floeckner, fürstbischöflichem geistlichem Rat zu Beuthen O.-S. 1903. Spinner! S. Etwas über den Stand der Kultur hei den Juden in Polen im XVI. Jahrhundert. I. (Selbstverlag: Wien II, Kaiser Josefstr. 36.) Friedlaender, Dr. M. H. Die hervorragendsten jüdischen Staatsmänner und Mäcene in früheren Jahrhunderten. — Wien 1903. Verlag von Moritz Waizner & Sohn. Wien IX. Briet kästen der Redaktion. Dio durch mehrere jüdische Blätter gehende Notiz von meiner beabsichtigten Pensionierung ist zum mindesten — verfrüht. Inhalt der Nummer 9• Wissenschaftliche Aufsätze: Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst. Von H. L. — Etwas über Bibelkritik. — Der erste Jude a's ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin. — Litteraturbericht. Recensionen: ״Lazarus’ Ethik des Judentums.“ — Bücher schau. — Briefkasten. Verantworte Redakteur: Rabbiner Dr. M. Rahmer, Magdeburg. Druck von Arthur Scholem, Berlin.