Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 4. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 nicht einmal der Sonnenschein mit seiner wechselnden Erwärmung daran kommen konnte. Und eine solche Beschüttung war das Gewöhnliche, sie kennzeichnet die ganze Trümmerstätte von Ninive. Denn wegen der Regenarmut der Gegend konnte man lufttrockene Ziegel zum Bauen verwenden. Aus diesen errichtete man die Obergeschosse, während man das Untergesclioss meist von behauenen Bruchsteinen herstellte. Wurde nun nach der Sitte des Altertums eine Stadt zerstört, so wurde meistens auch die ganze Bevölkerung ausgetrieben, die Wiederansiedelung versagt, und es blieb die Stätte dem Zahn der Zeit überlassen, der in Lehmhäusern leichte Arbeit hatte und unter Hilfe des Windes und des (wenn auch spärlichen) Regens bald den ganzen .Bereich ehemaligen blühenden Lebens mit einer gleichmässigen Sand-, Lehm- und Staubmasse überzog. Jedenfalls ist es Ninive so gegangen; es ist nach 608 nicht wieder aufgebaut worden. So vollständig verfiel die ehemalige Weltstadt, dass ein Mann von der geistigen Bedeutung und den Kenntnissen Xenophons, der 401 v. Chr. den Rückzug der 10 000 Griechen von Susa nach dem Schwarzen Meer leitete und hier vorbeimarschierte, nicht einmal den Namen Ninive erfuhr und über die weltberühmte Stätte nur die folgenden dürftigen Worte zu sagen wusste; ״Von da (d. h. von Larissa, dem altassyrischen Kalach, 30 km. stromabwärts von Ninive) gelangten die Griechen in einem Tagemarsch an ein verödetes grosses Schloss in der Nähe einer Stadt mit Namen Mespila, die ehemals von Medern (!) bewohnt war. Der Grund der Stadtmauer bestand aus geglättetem Muschelmarmor und war 50 Fuss breit und 50 hoch. Auf ihr erhob sich in einer Breite von 100 Fuss eine Mauer von Ziegelsteinen; ihr Umfang betrug sechs Parasangen (d. h. 3P/2 km). Hierher flüchtete sich der Sage nach, als die Perser die Meder- Herrschaft stürzten, die Gemahlin des Königs, Media. Auch diese Stadt belagerte der Perserkönig und konnte sie weder durch Länge der Zeit, noch durch Sturm gewinnen, bis Zeus die Einwohner durch ein heftiges Gewitter erschreckte und so die Stadt eingenommen ward.“ Das ist der beste Beweis für die vollständige Verschollenheit Ninives zweihundert Jahre nach seiner Zerstörung. Auch Herodot, der fünfzig Jahre früher Mesopotamien bereiste und uns von Babylon allerlei erzählt, schweigt über Ninive fast vollständig. Babylon war damals auch entfernt nicht so zerstört wie die Tigrisstadt. Alexander wollte es noch zur Hauptstadt seines Reiches machen. Erst dessen Nachfolger, die Seleukiden, und dann die parthischen Arsakiden zerstörten allmählich die alte Euphratmetropole, indem sie sie als Steinbruch für die neuen Städte Seleukia und Ktesiplion benutzten. Babylon war viel mehr aus gebrannten Ziegeln erbaut als Ninive. Ziegel mit dem Brandzeichon Nebukadnezars, des Sohnes von Nabopolassar, dem Zerstörer Ninives, sind auf der Trümmerstätte Babylons die allergewöhnlichsten Fundstücko. Auch das Buch des Propheten Jonah ist Ninive und seinem Untergang gewidmet. Ihm zufolge soll der Umfang der Stadt drei Tagereisen betragen haben. ״Wenn man“, so sagt der Ninive-Reisende M. v. Oppenheim, ״die Ruinenorte, Kalach-Nimrod (30 km südlich von Ninive) und Chorsabad (15 km nördlich) und womöglich das auf der Karte von Place etwa 20 km nordwestlich am Tigris eingezeichnete Ruinenfeld Djigan insgesamt zu dem alten Ninive rechnet, so würde der Umfang der Residenz thatsächlich drei Tagemärsche betragen haben. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass der gesamte Raum zu keiner Zeit eine einheitliche Stadt getragen hat, sondern nur mit ausgedehnten Gärten, vereinzelten Palästen, Landhäusern und Dörfern bestanden gewesen ist. Spuren einer gemeinsamen Mauer sind jedenfalls nicht nachzuweisen, und die bisher aufgedeckten Riesenpaläste an den genannten Orten sind zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Herrschern gebaut worden und gewiss niemals zu gleicher Zeit bewohnt gewesen. Wie auch heute noch prunkliebende orientalische Fürsten nur ungern den Palast ihres Vorgängers beziehen und möglichst in der Nähe desselben ein neues Schloss aufführen lassen, so mögen es auch die assyrischen Könige gethan haben. Dem Beispiel des Fürsten folgten die Hofleute, die in der Nachbarschaft des königliehen Palastes sich anbauten und um deren Häuser wieder eine neue Stadt entstand, die verlassen wurde und in Trümmer verfiel, sobald sein Nachfolger seine Residenz an einen anderen Ort verlegte.“ (Schluss folgt.) Meine erste Preisarbeit!Rabbiner ür. Moritz Rabmer. (Fortsetzung.) Wir kommen nun zum zweiten Teil der ersten Frage: ״Ob man verpflichtet sei, sein Vermögen zu opfern, um das Leben des Nächsten zu retten?“ Dass man des Nächsten Leben mit Geldopfern zu retton schuldig ist, unterliegt keinem Zweifel, und wird vom Talmud geboten;1) auch Maimonides spricht davon,2) dass man Leute mieten müsse, um seinen Nebenmenschen aus Lebensgefahr zu retten. Hier aber ist die Frage, ob man verpflichtet sei, mit >1 Synhedrin 73a. אי מהחם הוה אמינא הני מילי בנפשן אבל מיטרח ומיגר אגורי אימא לא קמלן• Da» mosaische Gesetz enthält nämlich, wie schon oben bemerkt, zwei Stellen, die die die Rettung des Näehstenlebens gebieten, והשבותן לן und לא תעמוד; um diesem doppelten Ausdruck für ein und dasselbe Gebot eine verschiedene Bedeutung zu geben, versteht die talraudische Exegese unter dem einen (1 והשביתו לן die Verpflichtung der Nächstenrettung durch Anstrengung aller seiner Körperkräfte, und unter dem andern (לא תעמוד) die weitergehende Verpflichtung, selbst durch Mieten von Kräften Anderer (Geldaufwand) die Rettung des Nächstenlebens zu bewerkstelligen. (Tossaphot ibid folgern dies aus dem überflüssigen לן; Tur ch. m. 426 בין בגופו בין בממונן•) *) H. Rozeach I., 14; vgl. 244 § 0' החנוך, und Semag, Verbote 166. שישכור אחרים להציל•