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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 12. (1902) · p. Seite 81

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 12. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 81 (sequence 5)
Language
German
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81 Die treue Anhänglichkeit an die Gotteslehre setzt unseren Handlungen und Thaten so viele Schranken und doch soll diese Anhänglichkeit uns die Freiheit bieten? — Im Dienste Gottes haben wir nur seinen Befehlen zu gehorchen und doch sollte uns in diesem Dienste nicht die Freiheit genommen sein? — Hier folgt scheinbar ein Widerspruch auf den andern und doch ist dieses herrliche Wort unserer Weisen so wahr und darum auch so leicht verständlich! Die Freiheit ist uns trotzdem in der Gotteslehre gewährleistet, denn sie enthält auch die Lehre von der Gleichheit aller Menschen und schliesst darum die Knechtschaft unter den Menschen aus. Die treue Anhänglichkeit an unsere Gotteslehre, sie liess die herrlichen Heldengestalten jener Märtyrer erstehen, die noch heute nach Jahrtausenden, am Lichtfeste, am Feste Chanukka, aus tiefer Nacht zu uns herüber leuchten, jene Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, die selbst den mächtigsten Tyrannen gegenüber ihre Freiheit bewahrten, die Freiheit nämlich, für Gott und seinen Glauben zü sterben. Und endlich der Dienst Gottes, auch er macht uns frei von der Knechtschaft der Menschen, denn wir Israeliten, wir wenden uns in unserem Gebete nur zu Gott seihst, wir brauchen keinen Mittler, keinen Priester und keinen Menschen, der für uns zu Gott betet oder gar durch seinen Tod für uns unsere Sünden büsset. Unser Dienst Gottes, der Dienst, den Israel seinem Gott leistet, er macht uns frei von jeder Hilfe der Menschen; zwischen Vater und Kind braucht sich niemand zu stellen, der uns, den Kindern, die Freiheit nimmt, unsere Bitte und unseren Dank, unser Vertrauen und unseren Trost an diesen Vater im Himmel zu richten und bei diesem Vater allezeit zu finden. Also bleibt es ewig wahr, das schöne Wort unserer Weisen: Nur in der Gotteslehre ist die Lehre von der Freiheit eines jeden Menschen enthalten, in jeder anderen Lehre aber nicht. Nur in der treuen Anhänglichkeit an unsere Gotteslehre können wir diese, uns von Gott selbst verliehene Freiheit bewahren, hängen wir anderen Lehren an, dann verlieren wir unsere Freiheit und sind Knechte der Menschen, welche diese anderen Lehren erfunden haben. Nur in dem Dienste Gottes sind wir Diener Gottes, aber freie Männer; in jedem anderen Dienste aber sind wir Menschendiener, also Sklaven. Wird der jüdische Religionsunterricht also vernacblässigt, machen wir uns selbst und die Unsrigen, vor Allem aber die Jugend nicht mit den Lehren unserer Religion bekannt, dann, meine lieben Freunde, erfahren wir niemals, dass jeder Mensch das Recht der Willensfreiheit hat, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, wie der Prediger Kohelet sagt: ״Siehe, das allein habe ich gefunden, dass Gott die Menschen schlicht, d. h. unschuldig erschaffen hat, sie aber suchen viele Klügeleien.“ (Kohelet 7, 29.) Der Mensch ist frei in der Wahl seines Lebenswandeis, von ihm allein hängt es ab, ob er ein guter Mensch, ob er die Freude seiner Mitmenschen, Eltern, Geschwister und Verwandten sein will, oder ob er ihr Schimpf und ihre Schande werden will, ob er ihnen das Herz bricht durch seinen lasterhaften Sinn und mit Kummer das graue Haupt seiner Eltern in die Gruft bringt. Das ist der erste gewaltige Schaden, den die Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes bringt; Die Unkenntnis von der Willensfreiheit eines jeden Menschen. Wird der jüdische Religionsunterricht vernachlässigt, dann kann aber auch keine treue Anhänglichkeit an die jüdische Religion entstehen. Statt der Gotteslehre anzuhängen, würden wir dann anderen minder klaren und minder wahren Lehren anhängen, ohne jede eigene weitere Prüfung und nur weil sie vielleicht von einem mächtigen oder auch beredten Menschen gelehrt wurden. Wir würden aber dann auch auf eine andere Freiheit verzichten müssen, auf die Freiheit unseres Denkens, unserer Gedanken und unserer eigenen Prüfung. Die treue Anhänglichkeit an unsere Gotteslehre veranlasst uns, nach dem göttlichen Gebote, über unsere Lehre Tag und Nacht nachzudenken: Was uns die Menschen lehren, das aber verträgt keine Prüfung, die neuen Lehren stürzen nimmer die alten um; nur Israels Lehre hat Prüfungen aller Art seit Jahrtausenden siegreich bestanden und wird sie immer noch bestehen können. Der zweite grosse Schaden, den die Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes zur Folge hat, ist also die Unkenntnis von der Freiheit des Denkens, von der Gedankenfreiheit. Im Dienste Gottes, da ist Freiheit, so lehrt uns die jüdische Religion. Vernachlässigen wir es also, uns selbst und unsere Jugend in der jüdischen Religion zu unterrichten, dann können wir auch dem Gotte nicht frei dienen, den diese Religion lehrt. Unsere Religion lehrt uns aber, dass wir die Freiheit haben, uns selbst an Gott zu wenden, an unseren Vater im Himmel, wenn wir zu ihm beten, Wer aber unsere Religion nicht kennt, der wendet sich durch Vermittler, durch Engel, Heilige und Priester an Gott. Wir würden dann eben nicht Gottesdiener, sondern Menschendiener sein. Unsere Religion lehrt uns ferner: Es giebt nur einen, einzigen und einigen Gott, dem der Mensch dienen kann; andere Götter giebt es nicht, die sind nur Menschenwerk und wer diesen dienet, der wäre also ein Menschenknecht, ein Sklave. Ein Sklave aber kann niemals einen freien Willen, kann niemals einen freien Gedanken haben, er kann niemals frei seinen sittlichen Lebenswandel bestimmen, sondern er muss glauben, denken und handeln, was und wie sein Herr ihm gebietet. Das ist der dritte gewaltige Schaden, welcher aus der Vernachlässigung des יי •-'י ' ’ ‘ ” ’ . Aus der Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes erwachsen also folgende Schäden: 1. Die Unkenntnis von der Willens- und Gedankenfreiheit und von der Freiheit des Handelns eines jeden Menschen. 2. Die Unfähigkeit, diese von Gott in den Menschen hineingelegte dreifache Freiheit zu gebrauchen. 3. Der Mensch wird ein Sklave des Menschen und muss glauben, denken und handeln, was und wie sein Herr ihm gebietet.

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