Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 12. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ist die moderne Ethik im Stande die Religion zu ersetzen? Von J. FeinsteiD, Seminarlehrer. (Schluss.) Dass die utilistische, oder — wie sie eigentlich genannt zu werden verdient, und wie wir sie fortan nennen werden — die materialistische Ethik niemals im Stande sein werde, die religiöse zu ersetzen, brauchte eigentlich nicht erst bewiesen zu werden. Denn wo Thatsachen sprechen, da sind Vernunftbeweise überflüssig. Und die Thatsachen lehren in unzweideutiger Weise, dass der Materialismus nicht fähig ist, die Moral der Gesellschaft zu bilden und dieser einen Ersatz für die Religion zu bieten. Dieses erhellt sowohl aus der Geschichte als auch aus den Zuständen und Ereignissen innerhalb gewisser Bevölkerungsklassen der Gegenwart, welche nach der Verdrängung der Religion sich zu der materialistischen Weltanschauung bekannt haben. Wodurch ist das hochkultivierte Volk der Griechen eine Beute der Macedonier geworden? Von den vielen Gründen, welche eine tüftelnde Geschichtsforschung zur Beantwortung dieser Frage anzuführen pflegt, ist derjenige sicherlich der stichhaltigste, welcher aus dem Verfall der Religion und der Ueberhandnahme einer laxen materialistischen Moral abgeleitet wird. — Wodurch ging die weltbezwingende römische Republik zu Grunde? Ebenfalls durch den Verfall der Religion und durch eine Lebensanschauung, welche in der Befriedigung der gemeinsten Lüste den eigentlichen Zweck des menschlichen Daseins erblickte. Und betrachten wir die Schäden, an denen so mancher Staat in der Gegenwart laboriert, so bietet sich keine bessere Erklärung für diese bedauerlichen Erscheinungen als die erschreckende Abnahme des wahrhaft religiösen Gefühls in sehr weiten Volkskreisen und die an die Stelle desselben getretene materialistische Weltanschauung mit der aus ihr resultierenden utilistischen Ethik. Dieses ist eine durchaus nicht wegzuleugnende Thatsache, der gegenüber alle schönrednerischen Deklamationen einer falschen Aufklärung gar nichts beweisen. Die gegenwärtige Menschheit krankt zum grossen Teile an der ins Masslose gesteigerten Genusssucht, sowie an dem hierdurch bedingten rastlosen Streben nach materiellen Gütern. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen die Selbstsucht alle edleren Triebe, wie Menschenliebe, Menschenachtung, Gerechtigkeit und Billigkeit in den Hinteigrund zurückgedrängt hat. Wenn auf der einen Seite das Ideal der ethischen Pflicht als Hirngespinnst, entstanden in den Köpfen mü88iger Denker, hingestellt, auf der anderen dagegen der Genuss als der alleinige Lebenszweck bezeichnet wird: wer möchte da zweifeln, nach welcher Seite das Zünglein der Wage sich neigen werde, sobald der gewöhnliche Mensch zur Wahl zwischen den beiden Lebensprinzipien herausgefordert wird? — So musste es auch kommen, weil der Menschheit ihre Würde, ihre wahre Bestimmung, ihre Zukunft, ihr Gott geraubt und durch Minderwertiges, ja durch völlig Unhaltbares ersetzt wurde. Aus dem Gesagten geht für Jeden, der für die Vorgänge und Erscheinungen der Gegenwart ein offenes Auge hat, und dessen Blick durch Parteileidenschaften nicht getrübt ist — ohne dass ich spezielle Beispiele zu nennen brauchte — klar hervor, dass die materialistische Ethik die Religion nimmermehr zu ersetzen im Stande ist. Litteratur bericht. Recensionen. Hieronymus’ Kommentar zu den 12 kleinen Propheten Durch Vergleichung mit den jüdischen Quellen und ältesten Versionen kritisch beleuchtet von Dr. Moritz Rahmer, Rabbiner in Magdeburg. Erste Hälfte Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha. M.Poppelauer’sBuchhandlung,Berlinl902. Besprochen von Rabbiner Dr. Goldfahn. (Schluss.) Zu Hosea IV, 14. Ob im hebräischen Text* zu Jes. 8,4, wie Rahmer S. 18, Anm. 2 annimmt, wirklich gestanden habe: 1וקדשים ימשלו ככ ist noch fraglich; denn in Esther rabha zu Ester 1, 9 erklärt R. Jehuda b. Simon Jesaja 8,12 כ1עולל mit קדשים• Es dürfte also eine ähnliche Erklärung zu ותעלולים (Jesaja 8, 4) vorhanden gewesen sein, an den Rand geschrieben, wie auch sonst interessante Bemerkungen an den Rand der Bibeltexte geschrieben wurden. (Veigl. mein: Justin Martyr und die Agada S. 41. Hosea V, 11. (Rahmer S. 21.) — Zur Deutung des צל vgl. Misohna Sabbat 9, 1 und jer. Schabb. f. 11 d ציאה צא (Jes. 80, 22); auch Sifre Num. $ 1. Zur Deutung von Hosea 11,4 (Rahmer S. 41) auf Jakob siehe Tanchuma ed. Buber'.^pi § 18. Zur Erklärung des: יאם vgl. Tobia im Lekach tob zu Gen. 89,1. Zur Deutung des עד (Hosea 12, 1) S. 41—42 vgl. Tanchuma ויגש ed. Buber § 8 und Midrasch חסרות ויתרית ed. Wertheimer Jerusalem 1898 No. 50 Seite 18; Berliner, Pletath Soferim. Breslau 18T2, S6it6 41 Auch im Jelamdenu (vgl. Tanchuma ed. Buber 4 § צו; ed. Stettin §2) wird das -דברי Hosea 13, 14 (vgl Rahmer 47) von דבר »Rede“ abgeleitet.1) ') Vgl. meine Anmerkung zu תשובת הנוצרים des R. Benjamin b. Mosche No. 40, Seite 47 in öammelband der Mekize Nirdamim (Berlin 1899), wo auch אהי in אחי -mein Bruder“ geändert wird, was Buber, 1. c., der den Text emendiert, entgangen ist. Inhalt. Wissenschaftliche Aufsätze: Assyrer und Juden. — Die Wichtigkeit des jüdischen Religionsunterrichtes und der Schaden, welcher aus der Vernachlässigung dosselben erwächst. Von Hermann Becker. — Ist die moderne Ethik im Stande, die Religion zu ersetzen? Von J. Feinstein. (Schluss.) — Recensionen: Hieronymus’ Kommentar zu den 12 kleinen Propheten. Besprochen von Rabbiner Dr. Goldfahn. (Schluss.) Diese Hummer enthält Titelblatt und Inhalt. VerantwortI. Redakteur: Rabbiner Dr M. Rahmer', Magdeburg. Druck von Arthur Scholepa, Berlin.