Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 12. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/6492408-5990882-5999262--3077-5369721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
80 Und wer war es, der den einzelnen Menschen zuerst lehrte, dass er nur ein Glied der allgemeinen, einigen Menschheit sei? Wer lehrte ihn, dass er in seiner Vereinzelung nicht bestehen könne und auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen sei? Wer lehrte ihn zuerst, dass der ganze Menschenverkehr nur ein beständiges Geben und Empfangen, ein ewiges Bitten und Danken sei? Die Nächstenliebe, die heutzutage erst zur allgemeinen Anerkennung gelangt, die Nächstenliebe, welche erst heute von den Thronen herab als die Grundlage aller Staats- Ordnung und alles Vülkcrlebens verkündet wird; diese Nächstenliebe, die heute erst in Gesetzen und Staatsaktionen zum Ausdruck gebracht wird, sie ist in grauer Vorzeit, vor Jahrtausenden von Gott selbst, zuerst unserem jüdischen Volke gelehrt und in seinen Gesetzen zuerst zum vollendetsten Ausdrucke gebracht worden. Schlaget auf das Buch der Bücher, das auf dem ganzen Erdenrund, überall, wo Menschen zu einem Gotte beten, als das heiligste aller Bücher gilt, und Ihr werdet es lesen im 3. Buch Mose, Kap. 19, V. 18: ״Du sollt Dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kindern Deines Volkes, sondern Deinen Nebenmenschen lieben wie Dich selbst. Ich bin der Ewige.“ Und in demselben Kapitel heisst es, Vers 34: ״Wie der Eingeborene unter euch sei auch der Fremdling, der bei euch weilet und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst; denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Egypten. Ich, der Ewige, bin euer Gott.“ — Da also unsere Religion, die jüdische Religion, zuerst diese höchste aller Lehren anerkannt und in ihren Gesetzen ausgedrückt hat — da diese Lehre. welche sich erst heute, nach so vielen Jahrtausenden allgemeine Anerkennung verschafft hat, w׳enn auch einstweilen nur in Worten, nicht aber überall in Thaton, von Gott selbst unserem jüdischen Volke zuerst offenbart wurde — darum ist unsere Religion die wichtigste, auf der selbst nach der Ansicht unsere]• Gegner alle anderen Religionen aufgebaut sind. Die Aufgabe des jüdischen Religionsunterrichtes ist cs aber, diese Religion und ihre Lehren, sowie den Glauben an den einen, einzigen und einigen Gott, der diese Lehren verkündet hat. zu verbreiten. Das ist der erste Grund für die hohe Wichtigkeit des jüdischen Religions- Unterrichtes. Sollen wir aber die jüdische Religion nur kennen lernen, um damit wie mit anderem Wissen — lediglich unsere Erfahrung und Erkenntnis zu bereichern? Soll die Kenntnis der jüdischen Religion nur allein deswegen gepflegt werden, weil die Religion ein Schlagwort unserer Zeit — leider einstweilen nur ein leeres Wort — geworden ist? Sollen wir die Religion im Munde führen, weil auch in den höchsten Kreisen dioselbe gcwissoriuassen Mode geworden ist und wir in sklavischer Nachahmung oder auf Befehl dei Oberen, also der Menschen. Religion ״zeigen“, aber nicht in Thaten umsetzen und sie üben wollen? Nein, meine lieben Freunde! Unsere Religion, die jüdische Religion, kennt ke.no Dogmen und keine Glaubenssätze, die unbesehen angenommen und gedankenslos nachgesprochen werden sollen. ״Nicht weiche das Buch der Lehre von Deinem Munde und Du sollst darüber nachdenken Tag und Nacht, damit Du beobachtest zu thun, ganz so wie darin geschrieben; denn dann wirst Du durchführen Deinen Weg und dann wirst Du Glück haben.“ So spricht Gott selbst zu Josua im 1. Kapitel des Buches Josua, Vers 8. Der jüdische Religionsunterricht hat also auch die Aufgäbe unser Nachdenken anzuregen, an die von uns selbst klar und scharf erkannten Wahrheiten zu glauben und sie auch auf unserem Lebenswege durchzuführen, sie zu festen unverbrüchlichen Grundsätzen unseres Handelns zu machen. — Das ist der zweite Grund für die Wichtigkeit des jüdischen Religionsunterrichtes. Und wenn unsere Gegner unseren Glauben herabsetzen, wenn sie die höchsten Wahrheiten und Lehren, die zuerst in unserer Religion gelehrt worden sind, für ihren Glauben in Anspruch nehmen wollen, wenn sie gar unsere Religion als eine ausschliessende und engherzige, unseren Gott, den lebendigen, einigen und einzigen Gott Israels, von dem der Prophet Maleachi (Kapitel2 Vers 10) sagt: ״Haben wir nicht Alle einen Vater? Hat uns nicht Alle ein Gott erschaffen? Warum wollen wir treulos handeln Einer gegen den Anderen, dass wir entweihen den Bund unserer Väter?“, als einen Gott des Zornes und einen Gott der Rache bezeichnen, dann tritt wiederüm die Wichtigkeit des jüdischen Religionsunterrichtes zu Tage; denn wie könnten wir unseren Glauben verteidigen, wenn wir ihn nicht kennen? Wie könnten wir für unsere Religion streiten, wenn wir nicht in derselben unterrichtet worden sind? Das ist also der dritte Grund für die Wichtigkeit des jüdischen Religionsunterrichtes. Aber unsere Aufgabe, die Aufgabe Israels, ist es auch, den Glauben an den einen und einzigen Gott überall zu verbreiten. Diese Aufgabe ist unseren Stammvätern von Gott selbst zuerteilt worden, sie ist durch Moses und die Propheten unserem Volke als heiliges Erbe der Stammväter übertragen und von unseren Vätern als teuerstes Vermächtnis uns hinterlassen worden. Können wir aber diese Aufgäbe erfüllen, wenn sie uns nicht bekannt ist? Können wir Andere belehren, wenn wir selber der Belehrung bedürfen? Das ist der vierte und letzte Grund für die Wichtigkeit des jüdischen Religions- Unterrichtes. II. Unser Motto bezeichnet kurz, aber erschöpfend, den ungeheuren Schaden, der durch die Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes entsteht: ״Nur in der Gotteslehre, nur in der treuen Anhänglichkeit an sie, nur in dem Dienste Gottes ist Freiheit.“ Unsere Alten liebten es in scheinbar widerspruchsvoller Form ihre weisen Lehren, geschöpft aus dem Borne reicher Erfahrung, aus dem ewig jungen und nio versiegenden Quell ihrer Liebe zu Gott und zu Gottes Wort, auszusprechen. — Also ist auch in obiger Lehre scheinbar ein .unlösj barer Widerspruch enthalten. Die Gotteslehre ent- | hält so viele Gesetze, die unseren freien Willen beschränken und doch soll in ihr Freiheit sein? —