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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 12. (1902) · p. Seite 79

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 12. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 79 (sequence 3)
Language
German
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79 Wie das Judentum in Babylonien emporgekommen ist, davon liefert uns die Bibel in ihren anziehenden Erzählungen lebendige Beweise. Vor allem in den verschiedenen von Daniel handelnden Büchern. Nach diesen gehört zwar Daniel selbst zu den von Nebukadnezar weggeführten Juden, und zwar soll er Jüngling gewesen sein. Danach wäre er, da Jerusalem 586 v. Chr. zerstört wurde, etwa 600 geboren. Daniel nahm am Hofe des Nebukadnezar wie des Kyros und des Darius eine sehr angesehene Stellung ein. Dem Nebukadnezar deutete er den Traum, und er wurde dafür mit Ehren überhäuft. Dem Kyros zeigte er, wie im Buche ,Vom Bel zu Babel“ so köstlich erzählt ist, die Schliche, durch die die Beipriester sich die geopferten Speisen und Weine aneigneten und dann erzählten, der Gott habe sie zu sich genommen. ״Daniel aber war (schon vorher) der Tischfreund des Königs und angesehener denn alle sqine Freunde.“ (Vom Bel zu Babel, Vers 2.) Die trügerischen Priester aber ״liess der König töten, den Bel aber gab er dem Daniel preis, und er zerstörte ihn samt seinem Heiligtum“. (Vers 22.) ״Indess als die Babylonier davon hörten, gerieten sie in gewaltige Aufregung; sie rotteten sich wider den König zusammen und sprachen: ״Der König ist Jude geworden.“ (Vers 28.) Vom Darius aber heisst es im Buch Daniel 6, Vers 27: ״Hiermit ergeht von mir Befehl, dass man im ganzen Bereich meines Königtums vor dem Gotte Daniels zittern und sich fürchten soll. Denn er ist der lebendige Gott und bleibt in Ewigkeit; sein Reich ist unzerstörbar und seine Herrschaft nimmt kein Ende. Er kann erretten und befreien, er, der Daniel aus der Gewalt der Löwen errettet hat.“ Nach Vers 3 und 4 desselben Kapitels stellt Darius an die Spitze seiner 120 Satrapen drei Oberbeamte, von denen Daniel einer war. ״Da erwies sich wieder Daniel als über die Oberbeamten und Satrapen hervorragend, weil er von ausnehmendem Geist erfüllt war: und der König dachte ihn über das ganze Reich zu setzen.“ Daraus erhellt mit aller Deutlichkeit, wie gross und angesehen die Stellung wenigstens einzelner Juden war. Es waren aber nicht bloss einzelne. Reizend erzählen die Bücher Esra und Nehemia die Rückkehr der Juden nach Palästina. Esra war ein jüdischer Gelehrter in Babylonien, Nehemia Mundschenk beim König Darius; letzterer setzte ihn als persischen Statthalter über Palästina ein. Die Rückkehr war ein Ausfluss religiöser Begeisterung auf Grund der altjüdischen Traditionen. Die reichen und mächtigen Juden veranstalteten mit Geld und Einfluss die Wiederbesiedelung des gelobten Landes. ״Die Rückkehr“, sagt Wincklor, ״ist nichts als ein Versuch, Ideale des Judentums mit der Unterstützung der Juden der ganzen Welt zu verwirklichen.“ Wir müssen annehmen, dass das durch starke Einströmung fremden, namentlich assyrischen Eiementes stark angewachsene Judentum nicht nur in Palästina blieb, sondern auch von den Euphrat- und Tigrisländern aus die alte Welt überschwemmt hat. Das erklärt das Rätsel, wie der Juden so viele wer- ' ( den und von den Assyrern alle Spuren verschwinden konnten. Das erklärt auch die frappante Aehnlichkeit zwischen dem Volkstypus der Assyrer und der Juden — das starke Nasenbein, die gekrümmte Nasenspitze mit den mandelförmigen weitgeöffneten Nasenlöchern, der starke krause Vollbart — wie man ihn unverkennbar auf zahllosen wohlerhaltenen Reliefs findet, die uns in langen Keilschrifttexten von den Heldenthaten der Sargon, Sanherib, Sardanapal u. a. erzählen. Die Wichtigkeit des jüdischen Religions- Unterrichtes und der Schaden, welcher aus der Vernachlässigung desselben erwächst. Von Lehrer Hermann Becker. ״Nur in der Gotteslehre, nur in der Anhänglichkeit au sie, nur in dom Dienste Gottes ist die Freiheit.“ (Perek Kinjan Thora 2.) I. Ueberall, wohin wir blicken, in Haus und Schule, Palästen und Hütten, in der bescheidenen Werkstatt, da fleissige Hände sich regen vom Morgen bis Abend, um für unseres Leibes Nahrung und Notdurft zu sorgen oder um unsere Wohnung behaglicher zu machen, sowie in den stolzen hochragenden Gebäuden, da dio Männer des Gesetzes und der Verwaltung, die gewissenhaften Diener des Landes, treulich ihre Pflicht erfüllen im Dienste der Ordnung, der Ruhe und Sicherheit unseres gemeinsamen Vaterlandes, ja selbst draussen in der schönen, freien Gottesnatur, wo nach der Verheissung Gottes ״der Mensch im Schweisse seines Angesichtes sein Brot isset“, werden wir Alle von dem einen Gedanken bewegt und erhoben: ״Du'musst getreulich Deine Pflicht erfüllen, wenn Du Deines Lohnes sicher und der Anerkennung Deiner Vorgesetzten und Deiner Mitarbeiter gewiss sein willst!“ An unseren materiellen Lohn, an die Anerkennung der Menschen denkt also zunächst jeder pflichttreue Mensch. Das lässt sich einmal nicht leugnen und dieser erste Gedanke, den wir bei der Ausübung unserer Arbeit im Dienste der Menschheit hegen, ist auch keineswegs zu tadeln. Wir Menschen sind einmal von Gott mit leiblichen Begierden geschaffen und wenn wir zunächst an die Befriedigung diesor leiblichen Begierden denken, wer wollte uns deswegen einen Vorwurf machen:׳־ Denn dieses Pflichtgefühl, das uns Alle beseelt, das Streben nach Anerkennung bei unseren Mitmenschen, ja selbst das Streben nach irdischem Gewinn, sie alle entspringen aus einer und derselben lauteren und reinen Quelle, aus dem'ewig jungen und frischen Borne der Nächstenliebe. Die Kürsorgo für unsere eigenen Angehörigen, sie veredelt das Streben nach irdischem Gewinn, die Liebe zu unserem Berufe, sie erweckt das hohe Pflichtgefühl rn unserer Brust und die reine und erhabene allgemeine Menschenliebe, sie lässt uns nach Anerkennung bei den uns liehgewordenen Mitmenschen streben.

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