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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 12. (1902) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 12. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 Das Reich Juda ging etwas später unter. 705־ war Sargon ermordet. Der Prophet Jesaias dichtete darauf ein Spottlied (14,4—20). Es heisst dort: ״In die Unterwelt ist Dein Stolz hinabgestürzt, das Rauschen deiner Harfen. Unter Dir ist Verwesung ausgebreitet, und Würmer sind Deine Decke! Wie bist Du vom Himmel gefallen, Du strahlender Morgenstern! Wie bist Du niedergehauen zum Boden, der Du die Völker niederstrecktest.“ Die unter Assyriens Bann stehenden Völker des Westens empörten sich. Doch kam Sanherib 701 mit einem Heer und stellte die Herrschaft wieder her. Hiskias, der König von Juda, konnte sich noch rechtzeitig unterwerfen, den grössten Teil seines Gebietes verlor er jedoch. 606 war Ninive, das vielgehasste, selber erlegen. Aber damit kam nicht das Ende der Leiden Juda’s, sondern der Gipfelpunkt. Nebukadnezar besiegte 597 den König Jojakim, liess aber das Reich noch bestehen. König Zedekias empörte sich 586 in der trügerischen Hoffnung auf egyptischeHilfe. Jerusalem wurde erobert und zerstört, viel jüdisches Volk wurde niedergemacht, ein grosser Teil in die baby- Ionische Gefangenschaft abgeführt. Hier im Exil an den Wassern des Euphrat hat sich die jüdische Religion innerlich durchgebildet. Alle Propheten beklagen in den ergreifendsten Worten die immerwährenden Rückfälle Israels und Juda’s zum Götzendienste des Baal. In der Gefangenschaft hat der strenge Monotheismus, der die jüdische Lehre auszeichnet, das ganze Volk, soweit es dort versammelt war, durchdrungen. Hier wurde ihm die Heimat mit ihren alten Stammessagen zum Ideal. Hier trat es auch mit einer viel älteren und viel höher entwickelten Kultur weit in Verbindung, als es selbst in jenen abgelegenen Jordanlandschaften gehabt hatte. Hier endlich kamen jene manigfachen Talente zur Entwicklung, so dass es sich mit emporschwingen konnte zu den Höhen des babylonischen Staatslebens, sowie in der bürgerlichen Entwicklung. Als das Reich Israel in die assyrische Gefangenschaff ging, war es polytheistisch; der Monotheismus war eine verblasste Lehre. Besser stand es beim Reiche Juda. Aus der Gefangenschaft kamen sie später als ausgesprochene Monotheisten nachPalästina zurück. Die Stammesgenossen, die sich hier wieder vorfanden, schienen ihnen verabscheuungswürdig, weil sie sich mit Eindringlingen vermischt hatten und weil sie sich dem Götzendienst vollends ergeben hatten. Die Gefangenschaft ist also das geistige Reinigungsbad gewesen. Wie ist das gekommen? Im Zweistromland herrschte doch auch die Vielgötterei. Wir lassen Dr. Hugo Winckler reden: ״Die Bestandteile des jüdischen Volkes, die nach Babylonien in die Gefangenschaft geführt wurden, waren gerade die chaldäerfeindlichen gewesen, also die Priosterpartei. Die übrigen waren im Lande zurückgeblieben. So erklärt es sich, wenn diese Gemeinschaff im Gegensatz zu vielen anderen, die von Assyrern oder Babyloniern verpflanzt worden waren, zusammenhielt und eigenen Charakter bewahrte. Sie waren eben bereits eine religiöse Sekte, und als solche entwickelten sie sich nun weiter, durch die neue Umgebung um so mehr auf einander angewiesen und zu engem Zusammenschluss gedrängt. Das ״Judentum“ hat sich in Babylon entwickelt, eine eng zusammenhängende religiöse Sekte, inmitten einer grossen, ihm fremdartigen und von ihm als fremd angesehenen Bevölkerung. Anderseits ist es unausbleiblich gewesen, dass das Judentum viel von der babylonischen Kultur angenommen hat, in der es ja lebte. Ebenso wie der in einem modernen Grossstaat lebende Jude an dessen geistiger und wirtschaftlicher Entwicklung teilnimmt und unter ihrem Einfluss steht, so ist das auch in Babylon der Fall gewesen. . . . Wir wissen nichts Geschiehtliebes über die Zeit des Exils. Bereits damals aber muss es angefangen haben, sich weiter auszubreiten; anders können wir uns seine Ausdehnung in den folgenden Jahrhunderten kaum erklären. Eine solche Ausbreitung wäre aber den ins Exil geführten paar tausend Anhängern der ehemaligen Priesterpartei von Jerusalem nicht möglich gewesen, wenn nicht irgend welche engere Beziehungen und Wechsel- Wirkungen mit dem babylonischen Volke stattgefunden hätten, wenn nicht das Judentum bereits im babylonischen Volke eine ähnliche Rolle gespielt hätte, wie später in den hellenistischen Staaten. Die eng geschlossene Gemeinde, die ihren geistigen Zusammenhalt durch die straffe Organisation erhielt, welche ihr die nach Babylonien geführte Priesterschaff verlieh, sah natürlich in Jerusalem ihre Heimat und in dem Tempel auf dem Sion den eigentlichen Sitz Jahwe’s. Mit der Wegführung beginnt auch das Sehnen nach einer Rückkehr. Da an diese unter chaldäischor Herrschaft nicht zu denken war, so harrte die Judenschaft von Babylonien sehnsüchtig auf den Retter, der ihr die Erlösung von dem verhassten Joche bringen sollte.“ Winckler spricht die Ansicht aus, dass aus dem Stamme des israelitisch-jüdischen Volkes am Euphrat und Tigris allmählich die streng monotheistische Religionsgemeinschaft geworden sei, die sich von nun an Juden oder Israeliten nennt. Die Aufnahme zahlreicher assyrischer Elemente, ja im Verlauf späterer Zeiten auch des Gros des assyrischen Volkes, ist nirgends urkundlich bezeugt, aber sie ist nicht unwahrscheinlich. Haben wir doch beim Buddhismus, beim Christentum, beim Mohamedanismus ein solches Hinausgreifen der Religionen über die nationalen Grenzen gesehen. ״Juden“ sitzen noch heute in nicht geringer Menge am Euphrat und Tigris, in Bagdad, Mosul, Diarbekir, wogegen von den Assyrern schon längst vor unserer Zeitrechnung jede Spur, selbst der Name, verloren gegangen ist. Wo sind sie geblieben? Woher sind die vielen Juden gekommen, die schon in der ersten Kaiserzeit in Rom dem Volke auffielen? Von Juden, Syrern, Kappadokiern, Armeniern, Persern, Egyptern ist bei den römischen Schriftstellern viel die Rede, von Assyrern nie. Die Annahme, dass allmählich das Gros des Assyrertums zum jüdischen Monotheismus überging, ist nicht abzuweisen. Auch die Undeutlichkeit des Verbleibs der von Assyrern weggeführten ״Stämme“ ist ein Indicium.

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