Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 12. (1902) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 12. (1902)
Date
1902-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-5990882-5999262--3074-5369718
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 12.-1902. Jüdisches Jahrg. XXVI. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung; aller Judonthum und Juden betreffenden litterarischen Er- 8choinungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie. Theologie. Orientalia, Exegese. Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Scholen!, Berlin C., Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion, Inserate u. Beilagen an die Expedition franco einxusenden. Rahntr's ״JQdliCh•• Littsratsr - Blatt“ erscheint monatlloh 7,woi Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bozugo durch Arthur Scholem, ßorlin, Rossstr. 3) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten dt•(־ in demselben Verlage erscheinenden ״Israelitisch•!( Woohsasohrift41! welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatta als firatls-Beilage. — Inserat• werden mit 20 Pig. die viergespaltene Zeile berochnot und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruok •Inzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Aue Rahmer’s Jüd. Litteratur-Blatt" geetattet. Assyrer und Juden. Wenn ein Reich zu Grunde geht, so stirbt damit doch noch nicht dessen nationale Bevölkerung aus. Das sehen wir an den Juden, den Arabern, den Polen. Mit den Assyrern ist es aber seltsamerweise nach der Zerstörung Ninive’s vollständig aus. Von dem Volke, das einst ganz V01־((erasien in Schach hielt und bis nach Egypten vordrang, ist nach dem Falle Nineve’s nichts mehr zu hören und zu sehen. Es ist doch nicht anzunehmen, dass ein solches Volk mit einem Mal ausstirbt. Wo ist es geblieben? Kurze Zeit herrschen noch die Babylonier unter der chaldäischen Dynastie über Assyrien. 539, nur 67 Jahre nach seiner jüngeren nördlichen Nebenbuhlerin, erlag auch Babylon der Fremdherrschaft. Kyros, der Perserkönig, eroberte es. Herodot erzählt uns noch etwas von Ninive, aber Xenophon, der im Jahre 401 v. Chr. Geburt, die zehntausend Griechen am Tigris entlang durch Armenien nach dem Schwarzen Meer führte und an Ninive vorbeikam, erfuhr nicht einmal mehr den Namen der Stadt, die zweihundert Jahre zuvor Beherrscherin der im Mittelpunkt der Kulturwelt liegenden Länder gewesen war. Der Name der Assyrer taucht nicht wieder auf. Und dieselbe Frage taucht immer und immer wieder bezüglich der zehn Stämme auf, welche von Salamanassar besiegt in die assyrische Gefangenschaft geführt wurden. Was ist aus den Besiegten in Assyrien geworden? Und was aus den siegreichen Assyrern? Sind beide von der Bühne der Weltgeschichte spurlos verschwunden? Das grenzte an geschichtliche Unmöglichkeit. Oder haben vielleicht beide in einem Dritten ihre gemeinsame Ver- Schmelzung gefunden? Da hätten wir in Einem die Lösung des Doppelrätsels. In Palästina hat sich seit der Einwanderung von Süden her eine gewisse Völkervermischung vollzog in. Die eingedrungenen Sieger verschmolzen mit den Kanaaniten, deren Reste auch nach der Bibel noch lange im Lande wahrnehmbar waren. Das einheitliche Reich bestand bekanntlich nur unter den drei ersten Königen. Dann fiel es in Juda (den Süden) und Israel (den Norden) auseinander. Die Spaltung erleichterte den Assyrern den Sieg. Tiglat- Pileser III. unterwarf Israel. Der in der Bibel (1. Königo 15, 14—22) erwähnte König von Israel Menachem ist durch assyrische Inschriften als ein Tributzahlender des Jahres 738 erwähnt ״Zu seiner Zeit“, so sagt das Buch der Könige, ״überfiel Pb ul, König von Assyrien, das Land, und Menachem gab dem Phul tausend Talente Silber ... Da zog der König von Assyrien wieder ab und verweilte nicht länger im Lande.“ Der König Pekach, der zweite Nachfolger nach Menachem, fiel ab, wurde aber von Tiglat-Pileser 735 besiegt; es blieb ihm nur Samaria. Darauf empörte sich die assyrische Partei in Israel und rief unter dem Schutze und der Anerkennung Tiglat-Pilesers den Hosea zum König aus. Nach wiederholten Kriegen eroberte Assyrien (König Sargon) 722 auch die Stadt Samaria, den letzten Rest des Königreichs Israel. Sargon erzählt in einer Inschrift seinen Sieg und auch (in Uebereinstimmung mit der Bibel) die erste Wegführung der Israeliten in die assyrische Gefangenschaft. Er sagt, es sei der bessere Teil der Bevölkerung gewesen, und er beziffert die Verpflanzten genau auf 27 290 Menschen, eine ganz auffallend kleine, aber eben deshalb wahrscheinlich zu nennende Zahl, ln Mesopotamien, in der Nähe von Harran und am Chabur, einem Nebenfluss des mittleren Euphrat, wurden sie angesiedelt, während man Babylonier nach Samaria verpflanzte. ״Die von Sargon gezählten 27290 Menschen“ - sagt Dr. Hugo Winckler in seinem ״Westasien und Afrika“ — ״waren aber nieht das Volk Israel: das war nur der bessere Teil der Bevölkerung von Samaria und seiner näheren Umgebung, die allein zuletzt noch das ״Reich“ Israel gebildet hatten, weii die nördlichen ja schon früher weggenommen worden waren. Abgesehen davon aber fehlte es in dem Gebiet der zehn Stämme vollkommen an dem, was später die Juden in Babylon zusammenhielt: an einem einheitlichen Kult; von einem höher entwickelten religiösen Gedanken und einer festgefügten Priesterschaft zu schweigen.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.