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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 11. (1902) · p. Seite 75

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 11. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 des Herausgebers, übernahm ich die zweite Auflage dieses Buches. Ein Unicum muss man diesen Erfolg nennen; denn kein Buchhändler hatte den Mut, dieses jüdisch-literarische Werk in Verlag zu nehmen. Auf dem kümmerlichen, wahrhaft mühseligen Wege der Pränumeration und Subskription musste die Veröffentlichung in 1. und 2. Auflage erfolgen. Ein Werk, wie das von David Deutsch edierte und übersetzte Buch Chisuk Emunah, musste im Selbstverläge des Herausgebers erscheinen. Mit einzelnen Subskribentensammlern bin ich heute noch nicht ins Reine gekommen. Ist das nicht ein klägliches Armutszeugnis, welches die modernen Juden ihrer jüdischen Wissenschaft, ihren jüdischen Gelehrten und am meisten sich selbst ausstellen? Ueber dieses leidige, traurige Kapitel kann man sehr, sehr viel sagen und klagen. Ich breche aber ab, um nicht mit einer Dissonanz zu schliessen. Mir, dem Sohne des Verewigten, gereicht es zur besonderen Genugthuung und hochgestimmten Freude, dem gelehrten Verfasser für seine vortreffliche Leistung öffentlich danken zu können. Sie gereicht dem Verewigten, dem Verfasser und der Corona der Hörer dieser Arbeit zur vollen Ehre. Breslau, im November 1902. Dr. Immanuel Deutsch. Ist die moderne Ethik im Stande die Religion zu ersetzen? Von J. Feinstein, Seminarlehrer. Die moderne ethische Bewegung, welche durch ihre Gegensätzlichkeit zur Religion weite Volksschichten von dieser abgewendet hat, lässt es wohl als zeitgemäss erscheinen, die Frage, ob die Ethik die Religion zu ersetzen vermöge, in diesem den religiös-literarischen Interessen dienenden Blatte zu erörtern. Dass eine Religion ohne Ethik nur ein leeres Schema ist, in das jedes Individuum seine eigentümlichen Vorstellungen vom höchsten Wesen hineinzeichnen kann, wird wohl von allen Seiten zugegeben werden. Denn nur dadurch, dass wir das uns innewohnende, allen Menschen gemeinsame Sittengefühl als von einem höheren Wesen uns eingegeben betrachten, gelangen wir zu der Ueberzeugung von dem Dasein des sittlich vollkommensten höchsten Wesens. In der Leugnung des allgemeinen sittlichen Bewusstseins im menschlichen Geiste liegt daher die Gefahr des Rückfalls in den Polytheismus. — Anders verhält sich die Sache jedoch, wenn die Frage entschieden werden soll, ob die Religion durch das sittliche Gefühl ersetzt werden könne oder nicht. Denn diese Frage ist schon viel diskutiert worden und bildet noch heute den heikelsten Streitpunkt zwischen den Anhängern zweier entgegengesetzter W eltanschauungen. Die obige Frage könnte auch so formuliert werden: Soll die Ethik autonom oder heteronom sein, oder mit anderen Worten: 8011 sie unabhängig von dem Willen eines höheren unsichtbaren Wesens sein, oder soll sie sich als die Offenbarung dieses höheren Willens im Menschen betrachten? — Hiernach würden sich drei verschiedene Auffassungen der Ethik ergeben: 1. die autonom-utilistische, 2. die autonom-idealistische und 3. die heteronom-religiöse. 1. Die utilistische Ethik leitet das sittliche Gefühl aus Nützlichkeitsgründen ab. (Prinzip der Utilität oder der Solidarität.) Nach dieser Auffassung ist das sittliche Gefühl kein angeborenes, sondern ein anerzogenes. Es entsteht in uns gleichzeitig mit der Wahrnehmung, dass unserem Streben nach allseitiger Befriedigung unserer Selbstsucht eine Schranke in der Selbstsucht unserer Mitmenschen entgegenstehe. Wir folgern hieraus gleichsam instinktiv, dass wir auch dem Streben unserer Nebenmenschen ihre Selbstsucht zu befriedigen, notwendig Rechnung tragen müssen, da wir sonst in unangenehmer Weise an diese unsere Pflicht erinnert würden. So entsteht nach und nach auch das Gefühl der Solidarität oder der Gegenseitigkeit der Interessen aller Glieder des Menschengeschlechts. Nun ist es klar, dass man von dem Prinzipe einer Nützlichkeitsmoral keinen Schluss auf das Dasein eines allerhöchsten sittlichen Ideals zu machen berechtigt wäre. Ein solcher Schluss wäre ein Uebergang aus einer Begriffssphäre in eine andere (metabasis eis allo genos), was logisch unzulässig ist. Hieraus ergiebt sich, dass der Progress dieser Idee der Utilität zum krassen Materialismus führen muss. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, ge*• bührt der utilis tischen Ethik eigentlich das Attribut ״autonom“ nicht, denn sie muss infolge der ihr zugrundeliegenden materialistischen Weltanschauung die Freiheit des sittlichen Handelns seitens des Individuums völlig aufgeben. Nur insofern kann man hierbei von einem Unabhängigsein des sittliehen Handelns sprechen, als man sich der ganzen Reihe von Ursachen und Wirkungen, die die betreffende Handlung verursacht haben, im Augenblicke des Handelns nicht bewusst wird. 2. Die autonom-idealistische Ethik hat mit der utilistischen das gemeinsam, das auch sie dem gesetzgebenden Willen eines andern Wesens, und wäre es auch das allerhöchste sittliche Ideal, auf unser sittliches Thun und Lassen keinen Einfluss zugesteht, da dasselbe sonst unfrei wäre. Man müsse das Gute einzig und allein um des Guten willen thun, und das Böse meiden, eben weil es böse ist. Alle anderen Motive, besonders diejenigen der Nützlichkeit, seien verwerflich, weil sie' unserer Moralität den Charakter der Selbständigkeit nehmen. Dagegen nimmt die idealistische Ethik die Ursprünglichkeit des sittlichen Bewusstseins in der menschlichen Seele an. Dieser Auffassung der Ethik gebührt nun das Attribut ״autonom“ im eigentlichen Sinne des Wortes, weil sie das naeh ihr völlig freie sittliche Gefühl von jedweder Beeinflussung gewahrt wissen will. 3. Diesen beiden Auffassungen gegenüber steht die heteronom-religiöse, welche mit der idealistischen die Ursprünglichkeit des sittlichen Gefühs im

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