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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 11. (1902) · p. Seite 74

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 11. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 nach der kleinen Provinzialstadt gesandt zu erhalten, war mit elementaren, kaum besiegbaren Schwierigktiten verknüpft Der Freundlichkeit und Freund- Schaft des seligen Herrn Dr. Zuckermann verdankte ich einst nach langem Parlamentieren und Unterhandeln die Zusendung eines Manuskriptes aus der Hibliothek des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau. ' Unvergesslich aber sind mir noch die lästigen Kautelen, welche der Verewigte mir auferlegte. Schier mit Argusaugen musste ich den gefährlichen Schatz bewachen, sorgsamer denn Juwelen, Perlon und Edclgeschmeide. Herzlich froh war ich, als ich nach kurz bemessener Frist den vielsagenden, verhängnisschweren Hort wieder unversehrt zurücksenden konnte. Ich hätte "ממל benschen“ mögen. Unter ähnlicher Ungunst der Verhältnisse hatte wohl auch Herr l)r. Norden zu arbeiten. Einzelne Schriften des verewigten David Deutsch sind gänzlich vergriffen und nur sehr schwer aufzutreiben. Und doch war es ein Postulat der wissenschaftlichen Akribie, alle Schriften des Darzustellenden kennen zu lernen und sorgfältig zu studieren. Mit hingebender Liebe hat sich Herr Dr. Norden seiner Aufgabe gewidmet. Das Material, welches ihm zu Gebote stand, hat er völlig beherrscht und sehr geschickt verwertet. Er zeigt uns den ganzen Werdegang Deutsch’s. Der Held seiner Darstellung entwickelt sich fast zusehends vor unsern Augen vom Knaben zum Jünglinge, vom Jünglinge zum Manne, vom Schüler zum Lehrer, vom Jünger zum Meister. Norden geleitet seinen Vorgänger im Amte, nach welchem vor Di1. Norden noch zwei Männer in Myslowitz amtierten, von der Wiege bis zum Grabe. So gelingt es ihm, ein anschauliches, wenn auch nicht ein ganz abgerundetes und vollkommenes Bild von David Deutsch zu entrollen. Was Deutsch durch seine exegetischen, homiletischen,apologetischen, talmudisch-halachischen, streng wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten geleistet, wie Deutsch als Rufer im Streite sich bewährt, wie er an der Seite seines älteren, genialen, geistvollen, grundgelehrten, gleichgesinnten und gleichgestimmten Bruders, R. Israel Deutsch, des unvergesslichen grossen Rabbiners zu Beuthen O.-S., als Ritter ohne Furcht und Tadel im Kampf gegen Geiger aufgetreten, um Angriffe und Attentate gegen das positive, traditionelle, historische Judentum abzuwehren, wie Geiger in dem Brüderpaare Israel und David Deutsch auf profanem Gebiete nur zwei bornierte Ignoranten und zelotisch fanatische Obskuranten gewittert, wie er sich später doch zu seinem Missbehagen zur Erkenntnis durchringen musste, diese zwei orthodoxen oberschlesischen, wenn auch nicht akademisch graduierten, Rabbiner seien zwar gar nicht zu unterschätzende, ihm ebenbürtige, völlig gewachsene Gegner, bringt Norden in seiner Schrift klar, anschaulich und überzeugend zum Ausdrucke. Was Deutsch in seiner Schrift ״Die Orgel in der Synagoge“ ausführt, die Argumente, welche er mit der ihm eigenen gelehrten Gründlichkeit und anschaulichen Klarheit vom positiven, talmudisch-rabbinisch-halachischen Standpunkte aus gegen die Einführung der Orgel in die Synagoge geltend macht, ist bis jetzt nicht übertroffen worden. Will man vom halachischen Standpunkte aus zur Orgelfrage Stellung nehmen, muss man unbedingt auf Deutsch’s Arbeit ״Die Orgel in der Synagoge“ zurückgreifen. Dass die Ausgabe und Uebersetzung des חזוק אמונה mit den vielen grossen und kleinen, gelehrten und lehrreichen Excursen und Noten eine gediegene wissenschaftliche Leistung von bleibendem Werte darstellt, darüber sind die jüdischen Historiker und Literarhistoriker längst einig. All’ dieses und noch manches Andere hat Norden mit eingehendem Verständnis hervorgehoben und in die angemessene Beleuchtung gerückt. Was Norden im Einzelnen gesagt und wie er es gesagt, wollen wir nicht verraten. Zweck dieser Zeilen ist. in weitern und grossem jüdischen Kreisen auf diese hoch interessante und beachtenswerte Arbeit Nordens aufmerksam zu machen und auch den fern stehenden Glaubensgenossen zuzurufen: ״Gehet hin und leset!“ Zur Steuer der Wahrheit wollen wir übrigens nicht verfehlen, zu betonen, dass Nordens sehr verdienstvolle Arbeit eine sehr beachtenswerte Seite an David Deutsch nicht würdigt. Deutsch als Mensch, als Mann, Gatte, Vater, Bruder, Freund wird uns nicht vorgeführt. Dem Verfasser kann man jedoch diese Unterlassung unmöglich zur Last legen; denn — ultra posse nemo obligatur. Von den auf die Person sich beziehenden Charakterzügen konnte N orden nichts wissen. Ich besitze handschriftliche Aufzeichnungen des Verewigten, welche in Form von Tagebuchnotizen die letzten drei Jahrzehnte des Verklärten umfassen. Diese Herzensergiessungen lassen uns den Menschen Deutsch klar erkennen und spiegeln oft sein einfach edles, demütig-bescheidenes, frommes, vornehm abgetöntes, goldig-lauteres Wesen wieder. David war wie sein genialer, älterer Bruder Israel Autodidakt. In der Kenntnis der Profanwissenschaften, sowie in der Kenntnis der fremden Sprachen, des Französischen, Englischen, Lateinischen und Griechischen war er unter Benutzung primitiver Hilfsbücher sein eigener Lehrmeister. Dieser Lehrer hatte allen Grund, mit diesem rastlos eifrigen Schüler vollauf zufrieden zu sien. Dieser energische, zielbewusste Autodidakt reifte geistig und sittlich viel früher, als der moderne Nachwuchs, welcher fein säuberlich methodisch und systematisch das Wissen und die Gelehrsamkeit in homöopathischen Dosen zu schlucken bekommt. Einen Uebelstand aber hatte dieser Selbstunterricht. Von diesem Schüler verlangte dieser Lehrer nie das Memorieren poetisch oder literarisch bedeutsamer Piöcen. Das mechanische Auswendiglernen fiel dem Prediger und Redner David Deutsch recht schwer. Er wusste sich indessen zu helfen. Er beherrschte die heilige Sprache mit souverainer Meisterschaft, wie seine Muttersprache. Die religiösen Vorträge und Predigten setzte er zumeist hebräisch auf. Der deutsche Vortrag war die inhaltgetreue und doch mehr oder minder freie Wiedergabe des hebräischen Textes. Davon zeugt u. A. die im Druck erschienene Predigt ״Israel und die Völker“, hebräisch und deutsch erschienen. — Im Jahre 1865 erschien die erste Auflage des Chisuk Emunah. Sieben Jahre später rechtfertigte sich bereits die zweite Auflage * dieses Buches. Im Jahre 1873, kurz nach dem Tode

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