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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 10. (1902) · p. Seite 71

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 10. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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71 reichend nachgewiesen. Das Evangelium Jesu stellt in seiner idealen und sentimentalen Extravaganz Forderungen, die über die Natur, den Beruf und die Pflicht des Menschen hinausgehen. Und sehen wir daher auf die historische Wirksamkeit des Evangeliums, so erkennen wir, dass es allerdings dem idealen Christentum den ersten Ausdruck seines Charakters als Religion des Individuums gab, aber sobald das Christentum in den Kreis des Konkreten hinaustrat, von ihm völlig verlassen wurde. Die Wirksamkeit war daher stets individuell, die geschiehtliehe Entwickelung der (Gesellschaft und des Staates konnten es nicht beeinflussen. Der Pentateuchkommentar des Nachmanides. Von Moritz Kahmer. (Schluss.) X. lieber das Verhältnis des Nachmanischen Kommentars zu dem Raschl’s. Zwischen dem Kommentar Raschi’s und dem Nachmani’s liegt ein Zeitraum von 200 Jahren.1) Diesen Zeitunterschied und den dazwischen liegenden Fortschritt der Wissenschaften muss man sich stets vor Augen halten, will man beiden Kommentatoren gerecht werden; und auch dass der eine in Frankreich, der andere in Spanien lebte, muss berücksichtigt werden. Wer Raschi’s Kommentar kennt, der weiss, dass er die Ermittelung des einfachen "Verständnisses des Schriftwortes und die Wiedergabe desselben in kürzester Form als die eigentliche Aufgäbe seines Kommentars betrachtet, die er, wie kein Anderer vor ihm und nur Wenige nach ihm auch gelöst hat. Er versenkt sich in die zu erklärende Schriftstelle und giebt ihre Anschauungen in objektivster Weise wieder. Nachmani’s Exegese trägt schon mehr einen subjektiven Charakter; das Bibelwort muss sich oft seinen Denkresultaten anschmiegen und diesen zur Unterlage dienen. In Bezug auf Objektivität und Prägnanz steht also Rasehi’s Kommentar über dem Nachmanischen; in allen anderen Forderungen der Exegese aber steht Raschi’s Kommentar dem Nachmanischen weit nach. Die spanische Schule war im Allgemeinen reicher an Wissenschaftliehen Vorbereitungen. Hier war die Sprachenwissenschaft schon stark gediehen. Die arabische Sprache, in welcher die grammatischen Regeln und Eigentümlichkeiten bereits bis ins Einzelnste ausgearbeitet waren, bot dem Exegeten eine Handhabe zur Vergleichung und gab durch ihre enge Verwandtschaft mit der hebräischen die beste Anleitung für die Erkenntnis der hebräischen Sprachgesetze. In Raschi’s Geburtsland war dies anders. Da war die französische Sprache noch in ihrer Entwickelung hegriffen, und ihre Regeln waren noch nicht festgestellt. Von den grammatischen und lexikalischen Vor- ') Raschi, geb. .1040, verfasste seinen Kommentar nicht vor 1070 (Kunz, Zeitschrift p. 328); von Nachmani wissen wir, dass er den seiaigen am 9. Ellul 1267 beendigte. arbeiten der spanischen Lehrer drangen nur die Erstlingsversuche Menachem’s b.Saruk undDunasch’s b. Labrat zu ihnen; und was Raschi in seinem Kommentar Richtiges in der hebräischen Sprachlehre sagt, ist ein mehr durch richtigen Takt und fortschreitende Uebung erzieltes Resultat, als das Ergebnis einer zum Bewusstsein gekommenen Grammatik. Raschi ringt daher noch mit den hebräischen Sprach formen; sein Augenmerk ist besonders auf den grammatischen und lexikalischen Wortsinn gerechnet. Er erläutert das Wort, macht dies durch Beispiele anschaulich, setzt es grammatisch auseinander und giebt es nicht selten durch ein französisches wieder. Nachmani thut dies seltener; er schreitet, wie wir oben gezeigt haben, schon festeren Schrittes auf der gesicherten Grundlage der hebräischen Grammatik einher und lässt sich auf die Formlehre höchst selten nur ein, dagegen ist er sehr gründlich beim Entwirren schwieriger Wurzeln und nimmt, in solchen Fällen zur Sprach- Vergleichung seine Zuflucht. Auch an sonstiger wissenschaftlicher Erkenntnis steht Nachmani über Raschi. Durch den Fortschritt der allgemeinen Wissenschäften während zweier Jahrhunderte erweiterte sich natürlich auch der Gesichtskreis der Exegeten. Die Probleme werden mannigfacher, die Gegenstände der Untersuchung dehnen sich weiter aus und vertiefen sich, und so ist Nachmani’s Kommentar eine Kette von bald kleineren, bald grösseren Abhandlungen und wissenschaftlichen Erörterungen. Raschi hält sich streng an den von ihm zur Erklärung angefühvten Text, giebt in der prägnantesten Weise die Erklärung und geht sofort an die nächste der Exegese bedürftigen Stelle.1) Natürliehe, sinn- und sachgemässe Auslegung ist ihm die Hauptsache, und wo er dieser sich befleissigt, ist Niemand ihm an die Seite zu setzen, lbn Esra ist oft mit Raschi’s Grammatik, Nachmanides mit dessen natürlicher Erklärung unzufrieden, dem lsaac Abarbanel ist er nicht universell genug, und doch übertrifft Raschi alle drei an Unbefangenheit und lichtvoller Kürze.‘2) Allein auch der Midrasch und die allegorische Deutung kommen in Raschi’s Kommentar nicht zu kurz, doch ist dabei wohl zu beachten, dass er nur die in den Talmuden und Midraschim enthaltenen haggadischen Auslegungen referiert, aber niemals selbständig Allegorien bildet. Bei ihm sind der Litteralsinn und die haggadische Erklärung streng geschieden. Nachmani bestrebt sich, sie mit einander zu verbinden, die Auslegung des Midrasch vom Standpunkt der einfachen Schrifterklärung zu rechtfertigen. Bei Raschi sind sie zwei Posten die zur Summe den Kommentar geben,s) bei Nachmani >) Er fügt sehr oft die Erklärung so knapp und doch klar den Textworten ein, dass sie wie ein (Janzes zusammengelesen werden können. s) Cfr. Zunz, Zeitschrift Bd. 1., S. 339. ,j Man vergl. seine Einleitung zum Hohenlied: ואמרתי בלבי לתפוש ■משמעות המקרא ליישב ביאורם על הדרש והמדרשות מרבותינו אהבעם מדרש מדרש איש איש במקומו:

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