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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 10. (1902) · p. Seite 70

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 10. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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סז und Beisassen seid ihr vor mir.“ (Mos III, 25.23.) Die Menschen teilten sich allerdings in die Erde nach menschlicher Weise, sodass viele leer ausgegangen sind bei dieser Verteilung. Allein jeder Arme und Dürftige besitzt gegen den Begüterten und Reichen bestimmte vollgültige Rechtsansprüche auf Unterstützung, welche nicht mit dem armseligen Namen ״Almosen", ein Wort, welches das Ehrgefühl erstickt und dem hebräischen Sprachschatz völlig fremd ist, sondern mit der charakteristischen Be- Zeichnung ״Gerechtigkeit“ belegt ist, da sie das dem rechtmässigen Besitzer durch widrige Geschicke entfremdete Gut zurückerstattet. Die Gerechtigkeit begründete ein Armenrecht auf Pflichtleistungen, welche im Wege der Exekution eingetrieben werden konnten — als ״Gerechtigkeit“ musste jeder Grundeigentümer bei der Vermeidung von Geisselstrafen und zwangsweiser Einhebung ausser den vergessenen Garben, den abgefallenen Aehren, der Nachlese der Bäume und anderer kleinen Abgaben, noch den 60. Teil vom Ertrage seines Bodens an den Ecken des Feldes als Antheil der Armen denselben überlassen. War dies schon eine bedeutende Abgabe, so kam dazu der Armen Zehnt, welchen das Gesetz geschaffen. Der Zehnt erstreckte sich nicht blos auf die Erträgnisse von Grund und Boden, sondern Jedermann war verpflichtet, 10 Prozent des aus seinen Geschäften gezogenen Gewinns zur Armenpflege beizusteuern. — Daher kennt die biblische Sprache, wie schon Michaelis bemerkt, die Bezeichnung ״Bettler“, d. h. zudringlich Bittender, nicht; nie ist die Rede von der begehrlich ausgestreckten Hand des armen Empfängers, sondern nur von der zuvorkommenden, sich öffnenden und entgegenreichenden des Gebers. Der spätere Psalmist muss den Begriff umschreiben, weil der Sprache eine Bezeichnung fehlt für ein Elend, das ein beschämendes Zeugnis mangelnder brüderlicher Gesinnung ist. — Dieser Geist nun beherrschte das Judentum in allen seinen Stadien und Phasen und war stets Israels edelstes Kleinod. — Armenanstalten, Krankenhäuser, Waisenpflege, Auslösung der Gefangenen, Ausstattung armer Bräute. Tröstung der Leidtragenden — diese sind die Erfindungen des jüdischen Geistes, diese hat Israel mit sich geführt durch die ganze Welt, diese hat es errichtet und ausgeführt, sobald und wo ihm nur ein Fuss Landes gegönnt war; so halten es die Juden noch heute, wenn sie irgendwo eine neue Gemeinde gründen. — Dass die Menschheit auch hier noch in die Schule des Judentums gehen kann — wer will es leugnen? Harnack mag sich nun mit seinen diplomatisch gewählten Redewendungen drehen und wenden, wie er will — die Thatsache ist nicht aus der Welt zu schaffen, dass die Lehren, die aus dem Munde des Stifters der christlichen Religion geflossen sind, von dem Geiste des Judentums durchtränkt sind. Daher kommt es auch, dass die Urheber der christlichen Glaubenssätze den Lehren Jesu nicht den ausschliesslichen Wert beilegten, um ihn genügend zu finden, ihn als einen Propheten, einen gottbegeisterten und gottgesandten Seher zur Anerkennung zu bringen. Denn dazu hatten, wie gesagt, diese Lehren innerhalb des Judentums nichts Neues und Besonderes. Es galt daher, seinem Tode und den voraufgegangenen Leiden eine höhere Bedeutung zu geben, und zugleich eine solche, welche für schwärmerische Gemüter, zumal ausserhalb des Judentums, wo das zur Karrikatur herabgesunkene Heidentum zahllose Geister sehnsüchtig nach einer neuen Verkündigung gemacht, eine grosse Anziehung üben konnte. Dieses konnte nicht erreicht werden, indem man dieses Leiden und diesen Tod etwa blos als ein Vorbild hinstellte, wie man für seine Ueberzeugung leiden und sterben müsse, sondern, indem man ihm eine ganz ausserordentliche Wirkung zuschrieb: die Erlösung der sündigen Menschen, die Läuterung derselben zum ewigen Leben, selbstverständlich nur für den, der an diese Erlösung glaubte. (H., S. 116.) In diesem Falle konnte aber dieser Tod nicht für den eines Menschen angesehen werden, da es nicht ersichtlich sein konnte, wie dem Tode eines Menschen eine solche Kraft inne wohnen konnte. Folgerichtig musste daher dieser Stifter für mehr als einen Menschen, für einen Gott erklärt werden, der sich zwar als Mensch zum Tode hingab, aber doch zugleich als Gott darunter litt. Nahm man nun in der Gottheit zwei Persönlichlichkeiten an, so war es folgerichtig, noch eine dritte zu konstatieren: ״den heiligen Geist“, durch dessen Vermittelung der ״Sohn“ in die menschliche Erscheinung trat, und welcher dauernd die Vermittelung zwischen Gott und den Menschengeistern vollführte. Das Dogma von der Erlösung führt folgerichtig zu der Annahme, dass alle Menschen etwas in sich trügen, wovon sie erlöst werden müssten, dass alle Menschen von Geburt an eine Sünde in sich trügen, welche durch eigene Reue und Busse nicht gesühnt werden könne — als eine Erbsünde. Glaubte man, dass man die Veranlassung zu dieser Erbsünde in der ersten Sünde des ersten Menschen- Stammes findet, so war man doch wiederum hierdurch genötigt, die Existenz eines bösen Prinzips anzunehmen, den ״Satan“, der im alten Testament nur eine poetische Figur gespielt hatte, in den Kreis des fixierten Glaubens einzuführen, und so zu dem alten persischen Dualismus zurückzukehren. Das ist ungefähr die ps3rchologische Genesis für die Entwicklung der Vorstellungen über die Person Jesu. — Was aber das Evangelium Jesu selbst betrifft, auf welches Harnack ״Das Wesen des Christentums“ basierte, so thut es allerdings ein grosses Werk, indem es zur Resignation, zur Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit, zum Dulden, wo der Kampf nur Zerstörung und Barbarei hervorruft, zum stillen Bewusstsein und zum unbedingten Vertrauen auf Gott ermahnt. Aber, indem es so dem zeitweisen Bedürfnisse der Individuen im Volke genügt, gerät es selbst vom allgemeinen Gesichtspunkte aus in Extravaganzen, in Verwirrung der sittlichen Begriffe, des Rechtsgefühls; es zieht die Individuen aus der Gesamtheit und deren Zusammengehörigkeit heraus und stellt sie auf sich selbst, löst die Ge- Seilschaft auf, lähmt die Thätigkeit und die Energie und vertauscht die letzteren mit Sentimentalität und Passivität. Wir haben dies oben im Einzelnen hin-

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