Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 10. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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72 bilden sie zwei Faktoren, deren Produkt der Konimentar ist. Das Verhältnis der beiden Kommentatoren zu einander sei hier an einem Beispiele dargeiegt. Wir wählen gleich den ersten Vers des Pentateuch. Raschi referiert den Midrasch, wagt aber selbst keine Einwürfe gegen ihn, er schrieb für den Laien, in welchem er keine Zweifel anregen wollte. Nachmani aber schrieb mehr für den Denker und Forscher, er geht gründlich auf das Midraschwort ein und ohne Scheu spricht er unumwunden seine Zweifel, seinen Tadel gegen ihn aus — nimmt er doch keinen Anstand, seine Einwände selbst gegen auffallende Bibelstellen auszusprechen. Er begnügt sich nicht mit dem Was?, sondern frägt stets nach dem Warum? und untersucht das Wie? ״Warum hat Gott dem Mose die schwere Zunge nicht gelöst? Worin bestand denn die Sünde der Kundschafter? Worin die des Mose? Warum hat Joseph, als erster Minister in Egypten, seinen trauernden Vater nicht von seinem Aufenthalte in Kenntnis gesetzt? u. s. w. Doch um auf das Beispiel des ersten Bibelverses zurückzukommen: Raschi begnügt sich mit der Wiedergabe der Frage: ״Wozu beginnt das Gottesbuch mit der Schöpfungsgeschichte? מה טעם פחח בבראשית׳‘,; da es doch ein Gesetzbuch sein soll, so sollte es füglich mit dem ersten Gesetze beginnen!“ Darauf führt er die Antwort des Midrasch wörtlich ohne jeglichen Zusatz an. Einem Denker, wie Nachmani musste aber schon die Frage des Midrasch auffallend erscheinen. Muss nicht die Bibel, so sagt er, Gott als Schöpfer des Weltalls einführen? Ist ja doch dieser Glaube von grösster Wichtigkeit? Ist nicht, wer die Welt als unerschafien und von Ewigkeit her stammend annimmt, ein Gottesläugner? Konnte demnach die Bibel richtiger beginnen als: ״Am Anfang schuf Gott u. s. w“? Wir sehen lauter tief durchdachte religionsphilosophische Fragen.' Darum fasst er auch die Frage des Midrasch viel tiefer: Wozu dient es, dass die Bibel den Menschen in die Kosmogonie einweiht, ihm von Dingen erzählt, die er in ihrem letzten Grunde doch nicht fassen kann? Wozu sollen ferner alle die folgenden Erzählungen von der Sintflut, dem Turmbau und den Patriarchen? Er gelangt hierauf zu der Antwort: Die Religion Israels sollte eine geschichtliche Unterlage haben und die Kette der Tradition soll ohne Lücke bis zur Schöpfung hinaufreichen, soll bis auf ihre ersten Anfänge verfolgt werden können. Israel sollte seine Geschichte kennen lernen und Gottes Walten in der Geschichte begreifen, dass er im Kleinen wie im Grossen das Gute belohnt und das Böse bestraft. Nachmani erklärt, berichtigt und kritisiert den Kommentar Raschi’s.1) Dieses sein Verhältnis zu Raschi hat er selbst in seinem Vorworte ausgesprochen, indem er sagt: ״Vor mir her zieht wie eine Leuchte der herrliche Kommentar Raschi’s, des in Bibel, Mischna und Talmud Vielbewanderten, ihm ') Selbst wo Raschi eingesteht לא ידעתי, weiss N. einen Grund auzugeben, 80 zu Lev. 10, 16; Exod. 22,27 u. a. gebührt das Erstgeburtsrecht, mit seinen Erklärungen will ich mich beschäftigen, sie will ich hegen und pflegen, sie besprechen, erforschen und untersuchen, mögen sie das einfache Wort Verständnis oder die haggadische Auslegung betreffen.“ Er erkennt Raschi das Recht der Erstgeburt zu — aber das Erste in der Zeit ist nicht immer das Erste im Range. Nachmanides übt oft eine strenge Kritik an Raschi, sowohl in grammatikalischer1) als in geographischer2) und haggadischers) Beziehung. Am meisten ist dies aber bei halachischen Stellen der Fall, da folgt er Raschi auf Schritt und Tritt und rügt alles Halachawidrige; besonders, dass er nicht immer das endgiltige Resultat angiebt. Dies konnte Raschi aber nicht, weil zu seiner Zeit noch kein Kompendium der endgiltigen Halachoth vorhanden war, denn das Werk des Alfassi kannte er wahrscheinlich noch nicht — der unter seinem Namen cirkulierende Kommentar dazu ist, wie Zunz in seiner Biographie Raschi’s nach weist, nicht von Raschi—und Maimonides schrieb ja seinen Jad hachasaka fast ein Jahrhundert später. Nachmani, der diese Kompendien bereits vorfand, konnte darum sehr oft gegen Raschi bemerken: גם וה אינו לפי החלבה Er weiss aber sehr wohl, dass oft Raschi’s kurze Ausdrucksweise daran schuld sei; siehe zu Exod. 21,34 ולא בירר את דינו; zu Gen. 34, 9 und 40 ואיננו מספיק• — Nachmani verfällt dagegen in den entgegengesetzten Fehler, indem er an halachischen Stellen die langen Diskussionen aus dem Talmud excerpiert, die nur dem gelehrten Talmudisten verständlich sind. — Die Nachwelt hat das richtige Urteil über die beiden Kommentare gefällt: Raschi’s Kommentar ist ein beliebtes vielgelesenes Volksbuch, Nachmani’s Sondergut der Gelehrten geblieben. Briefkasten der Redaktion. Herrn F. Sp. Die ״Gedichte“ eignen sich nicht zur Besprecliung in unserem Blatte. Herrn Ph. S. in Ch. Ihre Erklärung der schwierigen Steile Jerem. 8,13 ist grammatisch nicht stichhaltig; die zu Esra 10, 14 fördert den Sinn des Verses n'cht; jedoch die zu Exod. 1, 9 lässt sich hören. Herrn S. F. in Ch. Was Sie gegen A. Krochmal’s Konjekturen und Uebersetzung von Hosea 6,6 einwenden, i ׳t richtig; Ihrer eigenen Erklärung (und Korrektur) können w r nur zum Teile beitreten. Wir denken iu einer der nächsten Nummern darauf näher zurückzukommen. >) Cfr. zu Exod. 14,28; ib. 20, 16; ib. 16, 1 u. a. a. O.; Gen. 32,21; ib. 24,7; Num. 11,16. a) Zu Gen. 14, 7; ib. 14, 18; ib. 28,17; ib. 86, 18 u. a. a. 0. 8) So zu Numeri 16,89; ib. 16,1 (ודעת המדרש אינו כפירשו); Deut. 2,10; Gen. 19,24 ואני חמה על הרב ו״ל שכתב מן ההגדות 17 ,28 •ני!;רעות מחלוקות- Inhalt. Wissenschaftliche Aufsätze: Harnack’s: ,Das Wosen des Christentums. (Schluss.) Von Dr. Seligkowitz. — Der Pentateuchkommentar des Nachmanides. (Schluss.) Von Moritz Rahmer. — Briefkasten. Verantwortl. Redakteur: Rabbiner Dr. M. Rahmer, Magdeburg Druck von Arthur Scholem, Berlin.