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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 9. (1902) · p. Seite 67

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 9. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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67 des Pentateuchs zu thun, auch auf das Herz seiner Leser, auf die Läuterung ihres religiösen Sinns und die Veredlung ihrer Sitten will er wohlthätig wirken. Er wollte, dass sein Buch — wie wir bereits in der Einleitung1) hervorhoben — auch als Volksbuch wirken solle, und ergriff daher jede Gelegenheit zur ethischen Belehrung seiner Glaubensgenossen. Vorarbeiten für diesen Zweck fand er im haggadischen Midrasch vor. Es ist dies derjenige Teil des Midrasch, der sich auf die geschichtlichen Erzählungen, die Verheissungen und Tröstungen in der Bibel bezieht, und der es sich zur Aufgabe stellt, die Glaubens- und Sittenlehren in anziehender Form (durch Parabel, Allegorie oder Symbolisierung)darzustellen. Natürlich kann eine solche haggadische Auslegung keinen Anspruch •auf eine wortgetreue Interpretierung des Bibelwortes und auf unbestreitbare Gültigkeit machen. Dies erkannte auch Nachmanides. Er sprach es unumwunden schon in seiner Disputation2) aus, dass manchen der haggadischen Deutungen keine Glaub- Würdigkeit innewohne. Er hatte die richtige, für seine Zeit aber freimütige Auffassung, dass sehr viele der Midraschim garnicht wörtlich zu nehmen seien, die meisten gehörten der Gattung freier dichterischer Bearbeitung an, viele derselben seien nur Hyperbeln. Aber bei aller Vorliebe für die wort- und sachgemässe Erklärung der Schrift glaubte er doch, dass die haggadische Auslegung auch einige Berücksichtigung im Kommentar verdiene. Er strebte darum eine Verbindung beider an, jedoch so, dass ihm die Wahrheit des auf Grammatik sich gründenden Literalsinnes über alles geht, אין המקרא יוצא מידי פשוטו, die haggadische Deutung aber ihr untergeordnet sei, nur so nebenher gehe — והמדרש ידרוש• Die Genugthuung glaubte er der Haggada schuldig zu sein, dass er stets einen Anhaltepunkt für sie in dem Bibelverse aufsucht und die Motive angiebt, die den Haggadisten zu dieser oder jener Bemerkung veranlasst haben; sei es, um einen Widerspruch zu lösen, oder um den Zusammenhang herzustellen; oft mag auch ein überflüssig scheinendes Wort, ein auffallender, ungewöhnlicher Ausdruck, oder auch nur eine grammatische Unregelmässigkeit3) die Veranlassung gewesen sein. Ohne Scheu spricht er auch seine Einwände und Zweifel gegen einzelne Haggadas aus, und diejenigen, bei denen sich Widerspräche ergeben, verwirft er. Die Haggada darf der Grammatik nicht widersprechen und ebensowenig der Halacha4). Ohne die Erzählungen der heiligen Schrift ihres natürlichen Sinnes zu entkleiden, nimmt er dieselben, der Vielsinnigkeit der Schrift gemäss, zuweilen auch, nach Vorgang des Midrasch, im allegorischen oder sinnbildlichen Verstände. Hierher gehört auch die typische oder vorbildliche Auffassung der heiligen Schrift, ein bei den alten '1 Siehe ,,Jiul. I,ittrtrbl.“ Ko. 5, S. 88b. ף In dem genannten rTC’l! pajf. 4, sagt, er: I )ie dritte t •att.ung unserer Schriften sind die Midraschim מי שלא יאמין בהן לא וןוק• 3) Man vergleiche seinen 1‘entateueh-Kommentar zu Gen. 42,17; ib. 37,17, 42.9, 42,16. 46,7. 4) Man vergl. zu Gen. 47, 18; zu K\od. 2, 14; ib. 2,26 und besonders ib. 19, ■5. Midraschlehrern bereits angewandtes Verfahren Das Historische sollte nicht nur durch seinen Inhalt durch die Beispiele der Geschichte selbst, lehren, auch die einzelnen Ereignisse der Vergangenheit sollten bis auf das Einzelnste den Zeitverhältnissen der Gegenwart angepasst werden. IX. Die halachische Auslegung. Die halachische Exegese hat zu ihrem Gegenstand die Erklärung der gesetzlichen Bestimmungen im Pentateuch; sie unterscheidet sich nur hinsichtlich des Stoffes und der Behandlung von der haggadischen; aus beiden erst ist der Geist des Kommentars ersichtlich. Nachmanides hatte sich ursprünglich vorgesetzt, nur soviel von der Halacha anzuführen, als zum Verständnis des Bibelwortes nötig sei1); allein seine Polemik gegen Raschi führten ihn oft weiter. Auch hier geht sein Hauptbestreben dahin, die Folgerungen der Halacha mit den Forderungen des Wortsinnes in Einklang zu bringen; er will die Halacha aus dem Schriftworte entwickeln. Freilich ist dieses Unternehmen ein schwierigeres und gewagteres, als das, den haggadischen Midrasch mit dem Litteralsinn auszusöhnen, aber dem Geiste Nachmani’s, der einerseits mit aller Tiefe in den einfachen Schriftsinn eindrang, und andererseits mit dem ganzen, weiten Gebiet der Halacha so vertraut war, dass ihm bei jeder Erklärung gleich alle hierauf bezügliehen Talmudstellen vorschwebten und er sofort wusste, mit welcher von ihnen die gegebene Erklärung in Widerspruch stand, musste auch dieses schwierige Unternehmen gelingen. Und dieses Gegenwärtighaben des ganzen Halachastoffes war nötig, wenn seine Erklärung nicht blos für die eine Stelle, sondern für alle gleichartigen gültig sein sollte. Der Ton der halachischen Exegese ist auch ein anderer, als in der haggadischen. Es sind lange mit dialektischer Gewandtheit in Diskussionen sich ergehende Abhandlungen; eine Mosaikarbeit, bei der wir vor unseren Augen Steinchen an Steinchen sich anreihen sehen, bis das Ganze fertig vor uns dasteht. Wir wollen es versuchen, dies an einem Beispiele zu zeigen. Man sehe seine Darlegung zu Levit. 23, 7 näher an. Zuerst Polemik gegen Raschi. Er setzt die Begriffe von מלאבה •עבודה und מלאכה עבורה, wie sie sich im Sprachgebrauch gestalteten, auseinander, und geht sodann mit dem gewonnenen Resultat an die Erklärung aller Bibelstellen, in welchen diese Ausdrücke Vorkommen; er vergleicht damit alle darüber vorhandenen Boraitha’s (stellt in ihnen die richtige Leseart her), ferner alle betreffenden Talmud- Sifra- und Mechiltastellen. Sie sind alle im schönsten Einklänge mit seinem Gedanken; da aber auf einem Male findet er eine Boraitha im Sifre, die mit seiner Grundansicht im Widerspruch steht. Doch auch diese muss sich endlich nach scharfsinnigen Konibinationen noch seiner Auffassung fügen, oder wenigstens ihr nicht widersprechen: und nachdem 1׳ Vorgi. zu Ex״d. 22,8 2והלביה מי־יביה אי; צ"־ך לבאי־ מה אלא בבדי ישוב המהראוה:

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