Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 9. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 sanften Leitung der Religion entgegengehen könne, scheint so schwer gelingen zu wollen. Wenn die Propheten die glanzvolle und glückliche Zukunft, die Messiaszeit der Menschheit, schildern wollen, so sagen sie: die Menschheit wird einem ruhigen und stillen Meer gleichen. Man kann in der That das Drängen und Wogen der Gedanken und Meinungen nicht treffender, als mit einem empörten Meer vergleichen, das mit seinen treibenden und schäumenden Wellen von einem Ufer zurücktritt und am entgegengesetzten desto höher steigt. So schwer will es gelingen, das Gleichgewicht zwischen weltlichen und religiösen Verhältnissen herzustellen; bald überstürzt sich das soziale Bürgertum, bald überhebt sich die gesellschaftliche Religion, und so schwankt die Ge- Seilschaft von einem Extrem zum andern. Es gab Zeiten, in denen sich die kirchliche Gewalt die Suprematie vindicierte und die Oberherrschaft errang. Dann trat wieder das Gegenteil ein; die geistliche Macht wurde aufgehoben und zerstört und der Einfluss der Kirche wurde geschmäht. In der Neuzeit wird wiederum von den Vertretern der Wissenschaft vielfach behauptet: Religion und soziales Leben haben nichts mit einander gemein. Das irdische, bürgerliche, äussere Leben des menschliehen Geschlechts ist ein anderes, als ihr inneres, geistiges oder religiöses Leben. Der soziale Organismus ist daher eine völlig selbständige, auf sich selbst ruhende Gestaltung, und hat als solche keine andere Voraussetzung, als die Idee der Gerechtigkeit; die äussere Voraussetzung jener Gestaltung ist der Wechsel verkehr der Menschen, ihr Zusammenleben in wechselseitigen, geselligen Verhältnissen; die innere Grundlage beruht in der Willensbcstimintheit des Menschen, jedem das Seine zu gewähren, Unrecht zu meiden und Recht zu üben. Auf diesen Grundlagen erbaut sich im Gebiet des sozialen Lebens ein Rechtszustand; es entsteht eine soziale Lebensordnung und zu deren Wahrung pnd Schirmung eine angemessene äussere Verwaltung, mit den entsprechenden Mitteln und Gewalten ausgerüstet. Die Religion dagegen hat es mit der Verklärung des Menschen, mit seinem Seelenheil, mit seinem unsterblichen Teil zu thun. Sie belehrt, ermahnt, schärft das Gewissen, kümmert sich aber um das soziale Leben weiter nicht. Befinden sich aber unter diesen Umständen soziales Leben und Religion besser? Man muss entschieden mit ״nein“ antworten. Nicht Vernunft und Verstand allein können die menschliche Gesellschuft, begründen und beglücken; sie nehmen ihre Richtung hinab in. das Irdische, auf das Sinnlichbequeme, Nützliche und Angenehme. Der Mensch ist das klügste, aber auch das furchtbarste unter allen Tieren. Was der Mensch viele Jahrhunderte hindurch für das Wohl der menschlichen Gesellschaft geschaffen, für das politische Leben begründet, bleibt unvollkommen und hinfällig, wie alles Irdische, wenn es nicht die Offenbarung befragt. Erst durch die Kundgebung de!• Gottheit tritt der Geist des Sterblichen in die Reihe gerechter und weiser Gesetzgeber, wird ihm der Schöpfer der l'nendlichkeit zum Ratgeber, die ganze menschliche Gesellschaft zur Heimat. — Aber auch die Religion befindet sich nicht besser, wenn sie ihren Schwerpunkt in das Individuum verlegt, ohne sich um das soziale Leben zu kümmern. Wo die Religion nicht mit dem ganzen sozialen Leben verwebt und verschmolzen ist, wird der Glaubenseifer verabscheut, als nicht verträglich mit Weisheit und Aufklärung verachtet; da rechnet man es zum Ruhme, des Glaubenseifers zu spotten, über die Priestergemeinschaft und ihren Beruf zu scherzen, die Diener des Altars für schlaue Heuchler und die Religion für einen zum Vorteil der Priester erfundenen Glauben finsterer Zeitalter zu halten. Der grundlegende Charakter der mosaischen Religion besteht aber gerade darin, dass sie Religion und Gesellschaft als identisch erkennt. Der religiöse und soziale Mensch ist ihr nicht getrennt, sondern ist ihr Eins. Die menschliche Gesellschaft ist ihr nicht ein auf sich selbst beruhendes, menschlichindividuelles Institut, sondern es muss, indem sie alles auf Gott zurückführt, und die Gesellschaft als die Verwirklichung der Religion betrachtet, einerseits das religiöse Gesetz auch das der Gesellschaft sein, und es erfüllt andererseits der Mensch ein religiöses Gesetz, indem er das bürgerlich-soziale erfüllt. Der Mensch erfüllt seine wahre Bestimmung nur innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Um Gott treu zu bleiben, genügt es, das, was recht und billig ist, und alles, was das nationale Bedürfnis gebieterisch verlangt, zu verrichten. Dieses aber fasst sie nicht in dem Sinne auf, dass sie darum aufhörte, die Unsterblichkeit des Geistes zu lehren, ein jenseitiges Leben als die Erfüllung des Irdischen zu knüpfen. Vielmehr hält sie diese ganze Heilslehre fest; nur verlegt sie nicht den Schwerpunkt des ganzen menschlichen Daseins in ein verdecktes überirdisches Reich; sie erkennt vielmehr das Erden• leben als selbständig und vollgiltig als Entfaltung des menschlichen Wesens in Gedanken und That, als verherrlicht durch die grossartige Entwicklung der Menschheit aus der rohen Natürlichkeit der Individualität, der Selbstsucht, zur allgemeinen Herrschaft der naturgemässen Freiheit und Gleichheit, d. h. der wahrhaften Liebe, und findet hierin die selbständige Bestimmung der Menschen auf Erden. — Indem dagegen das Christentum diese gegenseitige Durchdringung von Religion und Ge- Seilschaft negierte, musste es gedrungen sein, sich einen anderen Schwerpunkt zu suchen, und diesen fand es im Jenseits, im Ueberirdischen, und es wird daher auch niemals aus den Konflikten zwischen Religion und sozialem Leben herauskommen. (Schluss folgt.) Der Pentateucükommentar des Nachmanides. Von Moritz Uahmer. VIII. Oie haggadische Auslegung. Nicht nur uni die Verbreitung einer sinngemässen Erklärung des Schriftwortes ist es dem Kommentator