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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 8. (1902) · p. Seite 60

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 8. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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flössen, seitdem diese Worte gesprochen waren“. Also, ,.was wollt ihr mit eurem Christus?", wenden uns namentlich jüdische Gelehrte ein. ״er hat nichts Neues gehracht.“ Man höre die Antwort auf diese Frage und staune. Die reine Quelle des Heiligen war zwar längst erschlossen, aber Sand und Schutt war über sie gehäuft worden und ihr Wasser war verunreinigt. Dass nachtrüglioh Rabbiner und Theologen dieses Wasser destil- Herten, ändert, selbst, wenn es ihnen gelänge, nichts an der Sache. Die reine Lelm* war hei ihnen beschwert., getrübt und .verzerrt... durch tausend Dinge, die sie auch für Religion hielten und so wichtig nahmen. wie die Barmherzigkeit׳ und das Gericht. Nun aber brach der Quell frisch hervor und brach sich durch Schutt und Trümmer einen neuen Weg.“ Worte thun es nicht, sondern die Kraft der Persönlichkeit, die hinter ihnen steht. Kr aber predigte gewaltig. ..nicht wie die Schrift gelehrten und Pharisäer". Das war der Eindruck den seine Jünger an ihm gewannen. ..Seine Worte wurden ihnen zu Worten des Lebens, zu Samenkörnern, die aufgingen und Frucht trugen — das war das Neue“. Diese Worte mögen vielleicht im mündlichen Vortrage eine mächtige Wirkung auf die Zuhörer ausgeübt haben, aber es sind blendende Wort•‘, denen man die Hohlheit an der Stirn ansieht. Die Wirkung der Predigt auf die winzige Jiingerschuar soll das Neue sein, das Jesus brachte und dieses Nene soll genügen, um die neue Religion höher zu stellen als die Mutterreligion! Keine neue Lehre, keine neue Idee wurde gebracht. Jesus muss sich nach Harnnck mit der Rolle des Brunnenreinigers begnügen. — Und was meint denn Harnaek ..mit dem Schutt, dem Staub und den tausend Dingen, von Priestern und Theologen geordnet, dazu bestimmt, um den Ernst der Religion zu trüben?" Meint Harnaek damit den Traditiona lismus. Intellektualismus und lütualisinus? Nun gerade dieser Traditionalismus war, wie jeder Historiker zugestehen muss, die schützende Hülle für die reine religiöse Idee des Judentlmms. mittels welcher dieselben trotz der Zersplitterung des jüdischen Stammes mitten in die Völker und deren Leben hinein für die Zukunft Israels und der ganzen Menschheit sich erhalten konnte. Die Juden bedurften bei ihrer Zerstreuung der Stärkung in den Prüfungen, des Trostes in den Leiden, der Stütze im Schwanken und fanden alle diese Bediirfnisse befriedigt in der Erlernung. Erklärung und Ausübung des Gesetzes. Im Religionsgesetze konzentriften sich alle Ki’iifte der jüdischen Intelligenz, es barg jene magische Attraktionskraft. welche die in alle Länder zerstreuten Juden wie Strahlen auf einen Focus vereint. Im Religionsgesetze fanden die Juden aller Länder ihre geistige Heimath, es ward als Theorie eine Palastru für ihre* Geisteskräfte und als Praxis die einzige Skala für die Höhepunkte der Gottesfurcht und der Frömmigkeit. Auf dem Gebiete des Religionsgesetzes lernten sich die Juden aller Zeiten und Zonen keimen, auf ihm gründete das Judenthum seine geistige Theokratie, es umringte sie gleichsam mit Mauern und Schanzen und gab dadurch der feindlichen Umgelning die gerechte Veranlassung zur Behauptung. Was hat dagegen der Ritualismus und der Traditionalismus aus den Lehren Jesu gemacht? Nun, Harnaek schildert es ja in den prächtigsten Farben. (S .147 f.) ,.Nichts ist trauriger zu sehen, als diese Umwandlung der christlichen Religion aus einem Gottesdienst im Geiste und in der Wahrheit zu einem Gottesdienst der Zeichen. Formeln und Idole!.,Wo aber ist in der Verkündigung Jesn auch eine Spur davon zu finden, dass inan religiöse Weihen als geheimnissvolle Applikationen über sich ergehen lassen soll, dass man ein Ritual pünktlich befolgen, Bilder aufstellen. Sprüche und Formeln in vorgeschriebener Weise murmeln soll? Um diese Art von Religion hat sich Jesus Christus an’s Kreuz schlagen lassen und nun ist sie unter seinem Namen und seiner Autorität wieder aufgerichtet!" ... — Kehren wir zum Evangelium zurück. Harnaek sagt (S. M9): ״Aber noch ist das Letzte nicht gesagt. Das Gottesreich kommt, indem er heilt; er kommt vor allem, indem er Sünde vergiebt. Hier erst ist der volle Uebergang zum Begriff des Reiches Gottes, als der innerlich wirkenden Kraft gegeben.Nun erst erscheint alles Aeusserliche und blos Zukünftige abgestreift; das Individuum wird erlöst, nicht das Volk, oder der Staat; neue Menschen sollen werden und das Gottesreich ist Kraft und Trieb zugleich". — Aber eben gerade darin liegt die bedeutendste Inkonsequenz, dass das Christenthum sich lediglich als eine Religion des Individuums ankündigte, die deshalb mit der Gesellscliaft. ihrer Verfassung, ihren Gesetzen, dem in ihr geltenden Rechte, also auch mit ihren Zuständen nichts zu schaffen habe. Es war,dies allerdings folgerichtig, insofern das Christenthum den Schwerpunkt des individuellen Lebens in das jenseitige Leben verlegte, ihm die Vorbereitung des Individuums für das Jenseits als das Hnuptinoineiit des religiösen Lebens des Individuums erschien, so dass der von der Welt sich völlig zurückziehende Mensch, der die bürgerlichen Verhältnisse völlig von sich abstreift, sich dem Himmel am nächsten dünkte. Aber es ist dies inkonsequent, und zwar von den nachhaltigsten Wirkungen, weil das Individuum. in eine den Grundsätzen und Lehren der Religion völlig entgegengeseszte bürgerliche Welt versetzt, durchaus nicht umhin kann, bei tausendfachen Gelegenheiten jenen Grundsätzen und.Lehren zuwiderzuhandeln, und die Gesammtheit der Individuen müsste dann als Staat verüben, was den Individuen als Sünde und Frevel von der Religion verboten wird. Die jetzt fest zweitausendjährige Geschichte zeigt denn auch, welche traurigen Folgen diese Lehre, dass die Religion mit der bürgeidichen Gesellschaft nichts zu schaffen habe, gehabt, und dass es e1־st einer von der Religion unabhängigen, selbstständigen civilisatorischen Entwicklung bedurfte und bedarf, um die offenbarsten hehlnischen Einrichtungen und Grundsätze aus dem Staatsleben herauszuschaffen. Nur so war es möglich, dass nach der Vorbereitung des Christenthums wieder eine Zeit der rohesten Barbarei, ein tausendjähriges Mittelalter ein treten konnte, ja. dass die Kirche selbst mit heidnischen Einrichtungen sich unmittelbar vertrug, (!•'•msetzimg folgt.) I

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