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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 8. (1902) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 8. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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59 unser der Du bist• im Himmel, geheiligt werde Dein Name ..." — Auch in den uralten Gebeten wird Gott mit dem zärtlichsten aller Namen, mit dem Vaternamen, angerufen und so herzlich und vertraulich angeredet, wie ein Kind seinen Vater anredet. (Unser Vater im Himmel, Jona 8,9, Sota 9,15; barmherziger Vater — in der Eulogie vor dem Sch'ma u. s. w ). Auch der Jude betet um irdische Güter, vorzüglich aber betet er zu Gott um Güter höherer Art. So lautet ein rabbiniselies Gebet: ..Es sei dein Wille, Ewiger unser Gott, dass unter uns wohne Liebe, Eintracht, Frieden und Freundschaft; es mögen sich in unsern Gebieten wissbegierige Schüler mehren . . . Segne uns mit einem frommen redlichen Sinn liienieden, wenn wir morgens aus dem Schlafe erwachen, möge unser Herz das Wünschenswerthe finden, frei von Sünden zu sein, und was lieb und angenehm ist, während des Tages zu tliun. Das helfe uns dein Wille auszuführen“. — Im täglichen Gebete heisst es: ,.Wir hoffen zu dir. Ewiger unser Gott, bald die Herrlichkeit deiner Macht zu sehen, die Abgötterei von der Erde hinweg zu schaffen, dass alle Bewohner der Welt erkennen und wissen, dass jedes Knie sich vor dir beuge ..." — .,Siehe, sagt ein Talmudlehrer. die Thiere des Feldes, die nicht für die Ehre Gottes leben, wie sie ihre Nahrung und PHege haben, so lebe denn auch der Mensch unbekümmert um seine Nahrung. — Aus diesen wenigen Beispielen, die nur einen Tropfen in dem grossen Meere der agadischen und Midraschlitteratur ausinuchcu. geht es zur vollen Evidenz hervor, dass alle moralischen Grundsätze, wie sie Jesus in chronologischer Reihenfolge vortrug und lehrte, die Grundsätze und das Eigeuthum der Rabbiner waren und sind; und es wird liarnaek trotz seiner meisterhaften Üarstellungsknnst niemals gelingen, den Zusammenhang der Predigt. Jesu mit dem Judenthum zu lockern. Um das Band zwischen Jesus und dem Judenthum noch mehr zu lockern, soll Jesus auch zu den Essiiern keine Beziehungen gehabt haben. ,,Ferner, zu den Essenern. einem merkwürdigen jüdischen Mönchsorden, kann er keine Beziehungen gehabt haben, dedueirt Harnaek. Hätte er je welche besessen, so wäre er einer jener Schüler gewesen, die die Abhängigkeit, von ihren Meistern dadurch bewähren, dass sie das Gegentheil von dem verkündigen und tlmn, was sie gelernt haben. Die Essener hielten auf gesetzliche Reinheit bis zum Aeussersten und schlossen sich strenge nicht nur gegen die Unreinen, sondern auch gegen die Lauteren ab. Ihre peinliche Absonderung, das Wohnen in bestimmten Ortschaften, ihre täglichen zahlreichen Waschungen lassen sich nur von hieraus verstehen. Bei Jesus finden wir den vollen Gegensatz zu dieser Lebensweise; er sucht die Sünder auf und isst mit ihnen. Schon dieser fundamentale Unterschied macht es sicher, dass er den Essenern ganz fern gestanden hat . . . ." Harnaek macht sich seine Deduktion leicht, indem er nur die unwesentlichen Punkte der Essäer: die strenge levitische Reinheit, die öfteren Waschungen und die Absonderung herausgreift, die wir bei Jesus nicht finden, um daraus den Schluss zu ziehen, dass Jesus den Essäern ganz fern gestanden hat. Allein das waren eben die minderwerthigen und unwesentliehen Charakterzüge der Essäer. Dagegen gehörte zum Wesentlichen des Essiierthums: die Vorliebe für die Armutli, die Verachtung des Reichthums und des Besitzes, die Güter-Gemeinschaft, die Ehelosigkeit, die Scheu vor dem Eide und die Seltsamkeit, an Besessenen, Mondsüchtigen und dergleichen Leidenden Kuren auznwenden. — Wie wohl es sich allerdings nicht nachweisen lässt, dass Jesus förmlich in den Essäerorden aufgenommen wurde, so lässt sich doch vieles grade aus seinem Leben und seinem Wirken nur durch die Annahme erklären, dass er sich essäische Grundsätze angeeignet hatte. Wie die Essäer stellte Jesus die freiwillige Armutli hoch und verachtete den Reichthum, den Mammon. In schwärmerischer Uebertreibung. das Irdische zu verachten, warnte Jesus die äeinigen: ״Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Die Vögel des Himmels säen und ernten nicht, die Lilien auf dem Felde spinnen auch nicht. Sorget nicht für den andern Morgen, sondern trachtet nach dem Reiche Gottes.“ — Mit den Essiiern theilte Jesus die Scheu vor der Ehe: .,Es ist nicht, gut, sich zu verheirathen.“ Er lobte Diejenigen, welche um des Himmelswillen sich selbst entmannen. Die Gütergemeinschaft, welche eine Eigenthümlichkeit der Essäer war. muss Jesus ebenfalls nicht nur gebilligt, sondern geradezu empfohlen haben. Denn seine unmittelbaren Jünger hatten eine gemeinschaftliche Kasse und lebten in Gütergemeinschaft. Er schärfte ferner, gerade wie die Essiier, die Scheu vor jedem Eide ein. ,.Schwöret überhaupt nicht, so lehrte Jesus, weder beim Himmel noch bei der Erde . . .“ — Kaum braucht es bemerkt zu werden, dass die Wunderheilungen, welche ihm zugeschrieben werden, namentlich das Austreiben von Dämonen aus Besessenen durch Besprechen, iu dem essiiischen Kreise heimisch waren und dort als ein eigenes Geschäft betrieben wurden. Es galt seinen Anhängern nicht als besonderes Wunder, dass Jesus die Teufel beschwören konnte, sondern es wird nur an ihm hervorgehoben, dass er es den ändern gleichgethan habe, also nicht gegen essäische Beschwörer zurückgeblieben sei. —- .,Was hat Jesus Neues gebracht, was nicht schon längst׳ verkündigt, worden war?“ fragt liarnaek (8.;10). Harnaek giebt zu, dass die Tiefe der Religionsauffassung. wie sie in den Psalmen und Propheten zum Ausdruck kommt, nicht überboten werden kann. .,Der Monotheismus war längst aufgerichtet, und die wenigen möglichen Typen monotheistischer Fiümtnigkeit waren längst hier und dort, in ganzen Schulen, ja in einem Volke, in die Erscheinung getreten. Kann der kraftvolle und tiefe religiöse ludividualismus jenes Psalmisten noch überboten werden, der da bekannt hat.: ,.Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde?“ Kann das Wort Micha’s überboten werden ״Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich: Gotteswort halten und Liebe üben und denüithig sein vor deinem Gotte“? ״Jahrhunderte waren bereits ver-

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