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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 8. (1902) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 8. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 lockerer erscheint und auf der überhaupt die meisten Fäden, die in die ״Zeitgeschichte" zuriickfülireu, unbedeutend werden" (S. 10). Die nähere Ausführung zu dieser Behauptung folgt auf Seite 20 ff. ״Erstens ist es sehr unwahrscheinlich, dass er durch die Schulen der Rabbiner gegangen ist; nirgendwo spricht er wie einer, der sich technisch-theologische Bildung und die Kunst gelehrter Exegese angeeignet hat. Wie deutlich erkennt man dagegen aus den Briefen des Apostels Paulus, dass er zu den Füssen theologischer Lehrer gesessen!" ... Damit beweist Harnack. dass ihm die Ethik des Judenthums. wie sie aus der agadischen und Midraschlitteratur uns entgegen leuchtet, wo die höchsten moralischen und Sittenlehren in Form von Parabeln und Gleichnissen vorgetragen werden, vollständig entgangen ist. Der Kenner dieser Litteratur müsste ja mit Blindheit geschlagen sein, wenn er nicht einsehen sollte, dass die in der Predigt Jesu und in seinen Aussprüchen bei verschiedenen Anlässen vorgetragenen Lehren nicht nur einmal, sondern unzählige Male von den Rabbinern eingeschiirft: worden. Selbst das ..Vater unser״, welches Harnack so sehr hervorhebt, ist in allen seinen einzelnen Sätzen vorchristlichen Ursprunges; nur seine Zusammensetzung ist eine verschiedene. Und gerade diese höchsten Lehren der Moral und Sittlichkeit• wurden nicht in ..teehnisch-theologischer" Form, sondern in rein populärer Weise au den Sabbathen und Festtagen vor versammeltem Volke von den Rabbinern vorgetragen. Nur einige Beispiele. Die von Jesus vorgetragene Lehre von der Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit finden wir in den verschiedensten Variationen in der Agada wieder. ..Es ist ein falscher Gottesdienst, es ist ein falsches Gebet, wenn wir mit den Lippen beten, aber mit dem Geiste fortfahren zu sündigen. Gott ist ein Geist, darum soll er im Geiste und in der Wahrheit verehrt werden״. ..Der Betend»* muss die Absicht haben, sein Herz dem Hiinmlischen zu weihen״ (Berueh. 32). ..Bevor er zu beten beginnt, soll er die Eigenschaften flottes sich vergegenwärtigen, damit er selbst vollkommen werde, wie der Vater im Himmel״ (das. 12) Weil wir im Geist»* und in der Wahrheit beten st>ll»*n. durum sagen die Rabbiner, verlange man im Gebete nicht mit Eigensinn, sondern mit Ergebung in den Willen Gottes, mit Aimrkennung der himmlischen Weisheit, welche alle Schicksale mit Güte und Weisheit leitet. Seihst wo d»*in Wunsch am heissesten ruft, füg»* hinzu: Vater! nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe. Nicht »ler Altai׳, sondern das Gebet bewirkt die Sühne. (Rabba. 2.29.) — ..Selig sind die Trauernden, sagt Jesus, denn sii* werden getröstet w»*rden". l)i»*ser Spruch gilt von Allen, die geduldig h'iden. vornehmlich aber von denjenigen guten Seelen, die kein zeitlicher Verlust, kein Schmerz des Leib»*s, kein Unglück auf Erden so s»*hr betrübt, als ihr»* Sündtm, eine solch»* Traurigkeit ist Viirboti* kommender Freinh*. In <l»*r Trauer, sagen die Rabbiner, schweigt die Leidenschaft, da erkennt man seine Schwächen, seinen Unw«*rth, da untersucht man. um welchen Pieisman sieh verloren. (Kidduschin 17). Die Rabbiner v»*rlang«*n kein ascetisch»*s, mönchisches. »b*r W»*lt »*ntsagendes Lt*ben; »lit* W1*lt ist ihnen kein Aufenthalt des Jammers; nur darf den Menschen die Gewalt des Vergnügens nicht fortreissen. nur darf er im Taumel der Freude nicht entnervt niedersinken. Selig sind daher die Trauernden, welche durch keine Freude die Würde des Herzens verletzen. (Kiduschin 30). ״Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden auch Barmherzigkeit erlangen.' Dieser Spruch aus der Predigt Jesu findet sich buchstäblich im Talmud. ״Wer über die Geschöpfe sich erbarmt, dessen erbarmt man sich im Himmel.“ (Sabb. 151). Wie Gott barmherzig ist, so sei es auch der Mensch. Gott selbst, sagen die Rabbiner in ihrer emphatischen Weise, betet: möchte meine Barmherzigkeit meine Gerechtigkeit überragen, dass ich an meinen Kindern nur Barmherzigkeit üben möchte.'1 (Beracli. 7). .,Barmherzigkeit ist nicht nur Mildthätigkeit gegen Bedürftige, sondern auch Nachsicht und Versöhnlichkeit gegen Beleidiger“. (B.Kama. 92). Was Zucht und Sittsamkeit betrifft, so lehren die Rabbiner, dass nicht nur Unkeuschheit verboten ist, sondern auch schon der unverschämte Blick, die unlautere Begierde. Der Talmud warnt vor intimen Gesprächen mit dem weiblichen Geschlechte, weil sie zu bösen Begierden führen. So heisst es: gebe nicht zu häufig mit Frauen um, du könntest leicht zum Ehebruch verleitet werden. (Nedarim 20, »Sprüche der Väter 1.). Die Weisen gingen noch weiter und warnten sogar vor allzu häufigen Konversationen mit der eigenen Frau. Damit man gegen unlautere Begierde geschützt sei, lehren die Rabbiner, betrachte man nicht sorgfältig das Gewand einer Fran. (B. B. 55). Zähle ihr nicht Geld in die Hand, betrachte nicht einmal ihre Hand, geschweige ihre entblössten Schultern. lAboda sara 20). — ״Wenn <lu Almosen geben willst, sagt Jesus, so lass nicht einmal deine linke Hand wissen, was deine Rechte giebt". — Dies»* bescheidene Art zu geben, empfiehlt der Talmud aufs nachdrücklichste. Beim Spenden von Almosen lehren die Rabbiner, vermeide man jedes Aufsehen, jeden Empfang von Lob und gebe heimlich. (C’hagiga 5). Wer den Armen öffentlich vor Leuten spendet, der macht sie rotli. vergiesst gleichsam ihr Blut und verwirkt das Wohlgefallen Gottes. (B. B. 9). Noch vorzüglieht‘1• ist es Almosen zu spenden, ohne »lass der Empfänger den G»*ber kennt. (B. M. 07). — ״Wenn ihr betet, sagt Jesus, so machet es nicht wie die Heuchler, die gerne zuvörderst in den Synagogen und an den Ecken der Gassen hinstehen und <la beten, damit sie von den Leuten nur recht gesehen werden . ." Auch »lie Rabbiner weisen uns einen sichern Zutluchtsort an. wohin wir aus den Stürmen des Lehens uns lvtten sollen. — die stille verschwiegene Kammer; das Alleinsein mit Gott. Bezüglich des Morgengebetes wird auf Abraham hingewiesen, »ler da betete, wo er eben vor Gott stand; bezüglich des Abendgebetes auf Isaak, der auf dem Fehle betete. (I. M. 24, 03); bezüglieh des Nachtsgebetes auf Jakob, der au dem Orte betete, wo er iilmrnachtete. (Ber. 20). Betest du nicht im Bethause, lehren die Rabbiner, so bete auf dem Fehle, wenn nicht dort, so bete in deinem Haus»*, auf deinem Bette, wenn da nicht, so »loch in deinem Herzen. — ״Ihr sollet aber so beten, sprach Jesus: Vater

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