Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 8. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 8. — 1902. Jüdisches Jahrg. XXVI. Litteratur-Blatt. Verantwortlicher Redacteur: l*i»l>l>iner I)r. M. Kallllier in Magdeburg. Zur HH'MM’hlunK nlU*r .ImUMithum um) 1«יוי«!יו!זזח*חו־ littortirisrhen Kr• »‘hoiiiunucu tinf «Irm <lt»r Philosofilno. (iosrhichte, KlhiioRrnphit‘, Th»»o- 10*10, OruMUHli«, Kxoki’sc, Homiletik. I.ituruik mul Päda^o^ik. V^rla״ und Expedition: Arthur Scholem, Berlin C., Rossstr. 3. Huclior t1»־r einxphläRigi•»! Uttonuur *teren Bo«!pro1*hunff fn •liesem Blatte *«•wünscht winl, sowie Briefe und M11tmskri|>te *iml an die R »* d a e t i o n , Inserate u. BeilrtKeu an dieKxpe• ditiou franco (,in/nscnden. Rahmer's ,,Jüdisches Litteratur-Blatt“ erscheint monatlich im I mfim*** eines וווו!ן/<•» Hodens u. kostet hei allen BuehhamllunRen (oder hei direktem Bezüge durch Arthur Sclmlcni, Berlin, Rossstr. 3t vierteljährlich eine Mark. — I)ie Ahonneiyen der in demselben Verlage erscheinenden ״Israelltlsohen Wochensohrift“ weicht• hei allen l'nstunstallen und Htichhatidlungt‘11 vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ,,Jüdische IJtterrttur-ltlatt‘' als OratiS-BeilHRe. - Inserate _ werdet» mit 20 Pfg. die viorKesjmltem• Zeile berechnet und sind an die Kxpedition in Berlin 7.11 senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe 1 ״Aus Rahmer’s Jdd. Litteratur-Blatt“ gestattet. Harnack’s: ״Das Wesen des Christenthums“. Besprochen von I)r. B. Seliftkow i t z Coethen. Ein Meisterwerk der Schönschreibekunst mit einem — Tintenfleck: das ist ein Gleiehniss für den ernüchternden Eindruck, den ..das Wesen des Christenthums" nicht nur auf den jüdischen Theologen, sondern auf jeden gebildeten Juden gemacht hat, der mit den wesentlichen Lehren der israelitischen Religion vertraut ist, als er die Parthieen las, welche das Verhältnis» des Evangeliums zum Judenthum erörtern. Es versteht sich wohl von seihst, dass hier nicht mit jenem wilden Fanatismus losgefahren wird. — sondern sanfter, zierlieber tritt hier das Gift auf, 11m sieh einzustehlen. Schon in den einleitenden Worten (S. 4) wirft Huri nick die Behauptung hin, ״wir hoffen, dass aus der Beantwortung dieser Frage ungesueht auch ein Lieht auf jene umfassendere fallen wird: was ist Religion, und was soll sie uns sein? Haben wir es doch in ihr schliesslich nur mit der christlichen zu thun; die andern bewegen uns im tiefsten nicht mehr". Mit dieser Behauptung nimmt Harnack dem Judenthumo gegenüber eine eigene, aber nicht• neue Stellung ein. Er fertigt es ebenso ah. wie andere christliche Theologen es abzufertigen pflegen. ..Das Christenthum ist die Vollendung und damit׳ die Vernichtung des Judenthums. das heutzutage nur eine antiquarische, nicht aber weithistorische, berechtigte Form der Weltanschauung ist". Nun sind sie fertig. Das Judenthum ist nicht■ mehr da; es ist eine Mumie, eine Antike. Dieses ist die ganze Weisheit dieser grossen Weisen. — Nein, sie irren alle; das Christenthum war nie die Vollendung des Judenthums, und damit ist die ganze Schlussfolgerung falsch. Das Christenthiun nahm einen Theil seiner Lehren aus dem Judenthum; für die eigentlichen und höchsten Lehren des Judenthums aber brachte es ganz andere herbei, durch die es jene vielmehr negirte. Die Lehre von der Erbsünde, die Lehn■ von der Menschemverdiing Gottes, die Lehre von der Erlösung dureh den Tod Christi, die Lehre von der Liehe, welche das Recht verleugnet, das sind Lehren, welche unjüdisch waren und sind, welche das Judenthum nie hatte, welche das Judenthum nicht vollendeten, sondern gerade umgekehrt. verneinten. Somit war das Christenthum zu einem Tlieile ein Bruchstück de Judenthums, zmn andern Tlieile Verneinung des Judeutlnims, also nicht eine Vollendung, sondern ein Gegner des Jadenthuins, also auch keine Vernichtung; denn als Gegner ringen sie noch heute. — Das Judenthum trägt in sich seine Vollendung von seinem Beginne an. In ihm ist die Wrurzel und die Krone einer und derselben Lehre. Das Judenthum war von Beginn an die Lehre vom einigen, geistigen, üherweltlichen Gotte, und von der Ebenbildlichkeit des Menschen zu diesem Gotte. Diese Lehre trug es in der mosaischen, prophetischen und tnlinudischen Periode und trägt es noch heute. Diese Lehre ist vollendet an sich; sie kann in immer reinem Konsequenzen ausgearbeitet, aber nicht vollendet, werden denn darüber hinaus giebt es nichts. Diese Lehre wurde in dem Entwicklungsgänge der Geschichte im Judeuthiiin in den verschiedensten Zeiten mit den verschiedensten Normen umgeben, aber an sicli war sie im Judenthum immer du. Diese Lehre hat das Judenthum der Menschheit übergeben. Die Menschheit hat sie von ihm in immer grässern Massen angenommen. In diesem Entwicklungsgänge des Annehmens ist. die Menschheit noch immer begriffen. Dieses ist die wahrhafte Geschieht■“; alles andere ist — gefälscht. Harnack sucht auf rein historischem Wege an der Quelle des Evangeliums zu zeigen, wie das Wesen des Evangeliums innerhalb der geschichtlich wechselndun Formen sieh erhalten hat. Nun haben aber Jesus und seine Jünger ebenso in ihrer Zeit gestanden, wie wir in der unsrigen stehen; d. 11. sie halten gefühlt, erkannt und geurtheilt in dem Horizont und in dem Rahmen ihres Volkes und seines damaligen Zustandes; Jesu Wirken und Lehren muss daher auch von dem Horizonte jener Zeit beurtheilt werden. Was läge hier aber näher, als die Predigt■ Jesu als von dem Geiste des Judenthums erfüllt zu betrachten? Nein, Harnack will von einem Fort wirken des jüdischen Geistes und der jüdischen Ethik im Evangelium nichts wissen und sneht daher mit aller Gewalt, den Zusammenhang Jesu mit dem Judenthum zu lockern. ״Die Predigt Jesu wird uns a,11f wenigen, alter grossen Stufen sofort auf eine Höhe führen, auf welcher ihr Zusammenhang mit dem Judenthum uns noch als ein