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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 7. (1902) · p. Seite 53

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 7. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 reclitigte Zwang daher, weil man durch sein Religionsbekenn t, niss sich für berechtigt hält, aus Religiosität ihn ausübt, dann ist es religiöser Fanatismus. Wir wollen hier weder das Verderbliche schildern, noch brauchen wir hervorzuheben, dass es hierbei nicht auf die Zwangsmittel ankommt. sondem sich ganz gleich bleibt, ob dieselben in directen Beschädigungen an Eigenthum und Leben, oder in Entziehung dessen, worauf der Geschädigte Anspruch hätte, oder ob durch Kränkungen und Gehässigkeiten welcher Art sie sein mögen. Die Berechtigung ist das Kriterium zur Bern•- theiluug, ob ein Verfahren ein fanatisches ist oder nicht. Der Staat als der Vertreter der G.erechtigkeit, was er seiner wahren Bedeutung nach sein soll, ist zum Schutze der Wahrheit und des Friedens berufen, gegen jede Art von Fanatismus einzuschreiten und den Fanatiker abzuhulten, dass die Schranken des Rechts nicht überschritten werden. Da das Denken und die Gesinnung die wesentlichsten Bestandtheile der wahren Religiosität sind, so wird auch diese Religiosität durch Zwangsmittel nicht gefördert; wohl aber durch eine geheuchelte Scheinfrömmigkeit der Charakter Anderer, namentlich der Schwachen und Unselbstständigen, bis zur gänzlichen Yerderbniss verschlechtere Man würde desshalb kaum begreifen, wie es möglich sei, dass sonst redlich und human gesinnte, durch aufrichtige Askese als wirklich religiös erscheinende Mensehen gegen den Andersdenkenden. Andersgläubigen oder sonst in religiöser Beziehung mit ihren Ansichten und ihrem Verhalten nicht Uebereinstimmenden fanatisch gesinnt sind, wenn es nicht aus der einseitigen purtieuhmstisehen Auffassung der Religionsgenossenscliaft als einer staatlichen erklärlich wäre. Hieraus erklärt sieh auch, dass der Fanatismus in den jüdischen Gemeinden stets nur gegen die eignen Glaubensgenossen gerichtet war. oft unbarmherzig bis zur Grausamkeit, aber niemals oder doch nur höchst selten und dann auch nicht wegen des abweichenden Glaubens, sondern wegen des Hasses und der Feindseligkeiten, die man zu erdulden hatte, dahingegen der Fanatismus der Christen mehr in Verfolgung Andersgläubiger als der eignen Religionsgenossen sich gezeigt hat. es müssten denn diese durch ihr Häresie in der Auslegung der Bekenntnissschriften der ganzen Gesammtheit gefahrdrohend erscheinen. Der Grund ist nämlich, dass im Judenthum das Universale der Weissagung auch fort besteht und als Ziel der particularistisclien Verbindung von der Zukauft angestrebt wird, was hingegen die individuelle Seligkeit oder das jenseitige ewige Lehen betrifft, so ist dieses nicht durch den Glauben bedingt, auch nicht durch Befolgung einzelner cultueller Handlungen, sondern ausschliesslich und ganz allein durch den ethisehen Lebenswandel, durch den alle Nutionen der Welt Autheil an dem zukünftigen Leben haben. Wie kann fanatischer Eifer gegen Andersgläubige im Judenthume gestattet sein, da die jüdische Religionsgemeinschuft doch grade durch das קידוש השש ..Heiligung des Gotiesglaubens“ d. i. durch humanes und liebevolles Benehmen gegen Nichtjuden für diese ein Segen zu sein bestimmt ist. Ein Anderes ist es aber im Christeutliuine. Nach seiner Auffassung der messianischen Verheissungen sind diese erfüllt und das Universale derselben ist beseitigt oder doch durch das Dogma, welches alle Nichtchristen von der Seligkeit ausschliesst, so beschränkt, dass eine gewaltsame Verbreitung nicht nur gestattet, sondern geboten erschien und Religionseifer mit Fanatismus. Frömmigkeit mit Glaubenshass ganz identisch waren. Der kirchliche Verband erhielt immer mehr einen staatlichen Charakter und hierdurch das vermeintliche Recht, staatlieh zu verfahren d. h. strafend und verfolgend die Erreichung seines Zieles: Ausbreitung und Beherrschung aller Menschen, unzustrebeu. Doch wir kehren nach dieser kurzen Abschweifung zu unserem Gegenstände zurück. Wie der Fanatismus ist• auch der Indifferentismus aus einseitiger Auffassung der messianisclien Weissagungen entstanden So lange nämlich der Druck auf der Judenheit lastete, war die Hoffnung auf Erfüllung der messianischen Weissagungen der einzige Trost und man hielt um so mehr dann! fest, als die Verfolgungen dazu dienten, das Judenthum in den Augen seiner Bekenner zu verherrlichen und diesen wieder Gelegenheit gaben, durch ihr Martyrium es zu glorificiren. Je mehr aber der Druck nachliess. um so schwächer wurde die Hoffnung auf eine particnluristische Erfiillung und wurden die Weissagungen nur universul aufgefasst und auch diese Auffassung nur oberflächlich ohne volles Verständniss. Was war aber die Folge? Man sagte sich, die fortschreitende CulturentWickelung der Völker verfolge ja dasselbe Ziel. Jemehr die Wissenschaft fortschreitet, um so mehr wird die Wahrheit verbreitet; je freisinniger die Staaten 1vgiert werden, um syi mehr wird Gerechtigkeit walten; und bei dem unverkennbaren Fortsehveiten der Humanitiit und VV ohlthätigkeit. sowohl von Einzelnen, als von Gesellschaften, ist ja das Wachsthum des ullgemeinen Wohlergehens und Friedens ausser Zweifel. Kann es bei dieser Auffassung noch befremden, wenn Leut(*, die durch ihr Wissen und ihren Charakter für das Judenthum und in ihren respeetiven Gemeinden Zierden wären, angeekelt von der Ungerechtigkeit der fanatischen Einseitigkeit, sich zuvüekziehen. das Judenthuni zwar nicht verlassen, aber ihm und dem jüdischen Gemeindelehen immer mehr sich entfremden. Wird aber von Männern, in irgend einer Weise hervorragend, sei es in der einen oder in der andern einseitigen Auffassung das Beispiel des Fanatismus oder das des Indifferentismus gegeben, dann tliut bei .den halb oder ganz Ungebildeten die Nnchuhmungssucht das Uehrige. Dass die Letzteren, die aus Nachahmuugssui ht fanatisch oder indifferent sich benehmen, die eigentlichen Schlimmen sind, wird Jeder schon aus Erfahrung wissen. Was ist nun dagegen zu thun? Der einseitigen Auffassung muss entgegen und dahin gewirkt werden, dass die Verbindung von Partieularisum» und Universalismus als ein so bedeutender Vor• zug des Judenthums in seiner Indien Bedeutung erkannt und festgehalten werde!

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