Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 7. (1902) · p. Seite 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 7. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-5990882-5999256--3044-5369693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der gemeinsame Gottesglaube, der wie durch die Propheten früher ihnen durch die Lehrer und Weisen eindringlich ans Herz gelegt worden war, war ihnen ein theueres. unveräusserliches Besitzthuin geworden; der Verlust des die Gesammtheit einigenden Tempels war durch die für alle Gemeinden seit lange bestehende Gebetordnung einigermassen ersetzt; die Stelle der Propheten vertraten ihre Schriften, die, mit Hinzufügung anderer, im Exil und nach demselben verfassten, voll religiöser Begeisterung und erhebender Belehrung zusammengefasst ein Ganzes bildeten in drei Abtheilungen (ת׳נ׳ך). Aus der Verbindung dieser sprosste, wie ein Baum des Lebens, die darin wurzelnde Verl1eis8ung der lnessianischen Zukunft, lindernd, tröstend, stärkend und einigend. War doch die particularistische Hoffnung so fest und naturgeniiiss mit der universalen vereinigt und letztere wieder durch die Schrift, wie durch die Erlebnisse und das Geschichtliche der Vorzeit so verbürgt, dass ein Zweifel gar nicht rege werden konnte Diese Stütze der Exilirten und Zerstreuten, sowohl zur Aufrechthaltung ihres Mutlies als zur Einigung in ihrer Zerstreuung, wurde darum auch mit Recht und weislieh sorgsam gepflegt und befestigt. In allen Gebeten den täglichen, wie den Festgebeten, dem Tischgebete, wie den Gelegenheitsgebeten, wird an die Verheissung der messianischen Zeit erinnert und um deren Erfüllang gebetet. In welchem Sinne und in welcher Weise man diese sich dachte? Es bedarf nur einer Hinweisung auf den Inhalt des Alenu-Gebets, welches den Schluss einer jeden obligatorischen Gebetsverrichtung bildet und am Neujahr- und Versöhnungstag ausserdem noch den Mittelpunkt, 11m die unumstüssliche Gewissheit zu erlangen, dass der uni Versale Messiasgedanke der eigentliche Kern, der particularistische dagegen, wenn auch wesentlich und unzertrennlich mit ihm verbunden, doch ein ihm untergeordneter sei. Ja, das Alenu-Gebct, gegen weiches die Apostaten des Judenthums ihre giftigen Verliiumdungen und Anklagen sehr häufig und nicht selten mit Erfolg richteten, war für den gedrückten und verfolgten Juden ein mächtiger, unerschütterlicher Stützpunkt seines Glaubens und Höffens, ist auch heute noch ein Schild gegen Verliiumdung und Aufreizung, denn kein vorurtheilsfreier Nichtjude wird, wenn er es in wortgetreuer lieber- Setzung liest, in Abrede stellen, dass es eines der humansten, das Wohl der ganzen Menschheit erflehenden Gebete sei! So war während einer langen Reihe von Jahrhunderten, während welcher die schrecklichsten Verfolgungen gegenJuden undJudenthum stattfaiiden.die blut diirstigsten, grausamsten und schonungslosesten Misshandlungcn, die inessianisclie Hoffnung der einzige Stützpunkt in allen Welttheilen und ein znsammenhaltendes Band der in den verschiedensten Ländern und unter den verschiedensten Völkern zerstreuten jüdischen Gemeinden. Kann man das auch jetzt noch sagen? Die Stellung im bürgerlichen und socialen Leben ist nicht mehr die traurige von ehemals und sowie diese sich veränderte, so hat sich auch die religiöse Gesinnung verändert, hat auch die Hoffnung auf Erfüllung der messianischen Verheissung sich verändert und ihr Einfluss auf das religiöse Verhalten. Wie war und ist es möglich, dass ein so wesentlicher, einst in der Gesammtheit und im Herzen eines jeden Einzelnen so tief und so fest wurzelnder ßestandtheil so rasch und in einem 80 hohen Grade gelockert und geschwächt werden konnte, wie es doch unverkennbar der Fall ist? In Folge des langen und schweren Druckes, der auf den jüdischen Gemeinden lastete, war es natürlich, dass die particularistische Anffassuug sich mehr des Geistes und des Herzens bemächtigte Die universale war wohl nicht vergessen und wurde von den hervorragenden Gelehrten auch in ihren Schriften mit Nachdruck betont, aber in den Gemeinden, in der grösseren Gesammtheit war es doch in hervorragender Weise die Erlösung Israels, die erwartet und erfleht wurde. Die ״Ankunft des Moschiaeh“ (ביאת המשיח) bedeutete die Rückkehr nach dem heiligen Lande, den Aufbau des Tempels mit Wiederherstellung des Opferdienstes wie ehemals, und einen jüdischen Staat mit der Hauptstadt Jerusalem, in der ein Sprössling aus dem Hause David auf dein Throne sitzt und noch glanzvoller regiert, als einst sein Stammvater David. In Folge dieser particularistischen Auffassung, wobei man über das Wie nicht weiter nachdachte, oder der Phantasie den freiesten Spielraum liess; in Folge dieser Auffassung erhoben sich mehrmals falsche Messiase, die Viele bethörten und mehrmals Druck und Verfolgnng noch vergrösserten. Auch die phantastische Schwärmerei der Kabbalisten trug dazu bei, die Ankunft des Messias sich phantastisch auszumalen und dem Wahne sich hinzugebeh. als ob durch eine gesteigerte Asketik dieselbe beschleunigt werden könnt(״. Hiervon ausgehend glaubte man, wie es nach der Katastrophe der Fall war, man müsse, in beständiger Er- Wartung der Erlösung, die Gesetze, soweit es möglich ist, in derselben Weise befolgen, wie es zu der Zeit geschah, als noch Staat und Tempel bestanden. Dass durch Beseitigung Beider auch die Verbindüng nicht mehr politischer Natur, dass zwischen einer politischen Gemeinschaft und einer religiösen ein bedeutender Unterschied sei, wurde nicht beachtet und so kam es, dass man die Befolgung religiöser Vor- Schriften, wie ehemals, als dieselben gleichzeitig Staatliehe Gesetze waren, erzwingen zu dürfen und zu müssen geglaubt hat; dass man in jeder Uebertretung nicht blos ein religiöses Vergehen erblickte, man legte dem Uebertreter auch die Schuld bei, die Ankunft Messias zu verhindern, also gegen die Gesammtheit sich schwer zu versündigen. Da wir nun aber sachlieh nur eine Religionsgemeinschaft bilden, in einer solchen aber die Beobachtung nur Werth hat, wenn sie dem freien Wällen, aus religiöser Gesinnung, entspringt und nicht wie bei den bürgerlichen Gesetzen die üuHserliche Beobachtung dem Staate genügt, so entstand — religiöser Fanatismus. Demi was ist religiöser Fanatismus? Was ist überhaupt Fanatismus? Diese der schreckliebsten Geissein und Krankheiten der Menschheit eine? WTer gegen Andere in der Meinung sein Bestes oder doch etwas Gutes zu fördern einen Zwang ausiibt, ohne dazu berechtigt zu sein, ist ein Fanatiker. Der Mangel an Berechtigung charakterisirt den Fanatismus. Rührt dieser unbe-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.