Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 6. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Der XVI. Psalm. Von Oberrabbiner I)r. Caro in Lemberg. Nirgends ist eine rationelle Textkritik glücklicher, als wo sie auf historischem Boden sich bewegen kann. Seit inan die Psalmen angefangen hat aus geschiehtliehen Verhältnissen und ■Stimmungen heraus zu erklären, ist man iin Verhältniss derselben um ein gutes Stück vorwärts gekommen. Nur scheinen die neuesten und nacligebendsten Exegeten in der oft bewährten Theorie geschichtlicher Anpassung doch oft zu weit gegangen zu sein So ist z. B. die von Graetz man möchte sagen entdeckte und geistvoll durchgeführte Anawimthe8e ein glänzendes Ergebniss tief eiudringender Geschichtsauffassung, allein, unter נו;; und ענוים überall, wo es vorkommt, die Graetz’sehen ״Anawini“ zu finden und daran gerichtliche Beziehungen zu knüpfen, muss auf Abwege führen. Es wird doch wohl ausserhalb des Anawim-Kreises demüthige und geduldige Männer gegeben haben, von deren Eigenschaften in in den Psalmliedern die Rede wird gewesen sein. Auch dein vorliegenden Psalm hat man wegen eines Ausdruckes לקדשים אשר באדן eineu historischen Hintergrnnd gegeben und eine Auswanderung treugebliebener Priester construirt. Muss denn nun, fragen wir, jedes der gottbegeisterten Brust■ eines frommen und gläubigen Sängers entströmende Lied auf historische Ereignisse Bezug nehmen, können wir uns keinen von Zeitverhältnissen losgelösten Dichter denken, der sein unverrückbares Gottvertrauen denen gegenüber besingt, die zwar Gott zu kennen vorgeben, das Heil ihres Lebens aber von irdischen Machthabern erwarten? Ein solcher Gedankengang liegt nun in unserem Psalnie vor. Der Dichter hofft nur allein auf Gottes Schutz (V. 1). Andere erkennen auch Gott als solchen an, erwarten aber ihr irdisches Heil nicht von ihm. sondern von geistlichen und weltlichen Machthabern (V. 2—3). Mit solchen blutgierigen Menschen mag der Dichter weder berufliche noch sonstige Gemeinschaft haben (V.4). Er findet in Gott alles das und noch viel mehr, als was ihm Menschen gewähren können (V. 5—6). Darum vermögen ihn selbst Leiden nicht in seinem Vertrauen und in seiner Treue wankend zu machen (V. 7—8). Dieses Gottvertrauen bewährt sich auch siegreich an ihm, sowohl in irdischer Beziehung (V. 9—10) als auch in Bezug auf geistige und seelische Erhebung (V. 11). Nach der aus den Klammern ersichtlichen Diortho&e des Textes lautet der Psalm wie folgt: 1. Behüte mich Gott, denn ich vertraue Dir. 2. Du sprichst THCR) zum Herrn: Mein Gott bist Du, aber mein Glück ist ausser Dir (כלעד״ד statt בל עליך) 3. Die Heiligen auf Erden sie werden mir helfen (zu erganzen hinter הסה ist: יצזרוני) und meine Mächtigen (mit Graetz zu lesen: ואדירי) alles was ich wünsche, habe icli bei ihnen. 4. Möge ihrer Leiden viel sein, da sie dem Blute nacheilen (אחר דם מהי״ו: das דם hinter נסכיהם ist hierher zu setzen); ihre Opferspenden will ich nicht giessen und ihre Namen nicht auf meine Lippen nehmen. 5. Gott ist meines Theilcs Maass, mein Geschick, Du hältst mein Loos. 6. Liebliche Loose sind mir zugefallen (נעימים ohne '3 gehört zu חבלים mein Erbtheil (נחלתי nach Gr.) ist mir auch theuer. 7. Aber ich preise auch Gott, selbst wenn er mich plagt (^3X3,),auchwennmich in denNächten meinlnneresquält. 8. Denn ich halte mir den Herrn stets gegenwärtig, denn von seiner Rechten (מימינו) werde ich nicht wanken. 9. Darum freuet sich mein Herz, meine Ehre jubelt, auch mein Körper wird sicher weilen. 10. Denn Du wirst meine Person nicht der Gruft überlassen, Du giebst nicht zu, dass Dein Frommer das Verderben schaue. 11. O thu mir kund den Pfad des Lebens, dann werde ich vor Deinem Antlitz satt sein lieblicher Freuden (אשבע את פניך שמהות נעימות) durch Deine Rechte ewiglich. Litteraturbericht. Recensionen. Joseph, Dr. M. Zur Sittenlehre des Judenthums. Verlag von M. Poppelnuer. Berlin 1902. (50 S. - 80 Pfg.) Wir müssen uns von vornherein damit begnügen, die Thatsache zu urgiren, dass der Verfasser des vorliegenden Schriftchens weit entfernt davon sein dürfte, die Sittenlehre des Judenthums erschöpfend und abschliessend behandelt zu haben, oder neue Gesichtspunkte beleuchten zu wollen. Und doch liefert seine Arbeit für die Aufgabe der heutigen Zeit, die welterschütternden, erhabenen Ideen des Judenthums in populärer allgemeinverständlicher Weise über alle Herzen und Gemiither sich ergiessen zu lassen, einen beachtenswerthen Beitrag, indem dieselbe den Weg mitanbahnen hilft, dass endlich eine rechte, dem Geiste des Judenthums entsprechende Auffassung der Sittenlehre desselben erzielt werde im Gegensätze zu den alten Culturreligionen sowohl, als auch zum Christenthum. Indem der Verfasser den gelehrten Apparat bei Seite geschoben, und die mannigfaltigsten Gegenstände in erwärmender Sprache mittheilt, hat er der Nothwendigkeit, das Wesen der israelitischen Bittonlehre durch fassliche Behandlang dem gebildeten Laien nahe zu bringen, völlig genügt. Und solche Schriften sind heutigen Tages, wo die Unwissenheit in Dingen unserer Religion und der daraus resultirende lndifferentismns unter unsern Glaubensgenossen immer mehr um sich greift, und noch obendrein falsche und verkehrte Auffassungen des Judeuthuras von Aussen in jüdische Kreise hineingetragen werden, für unser Volk ein wahres Bedürfniss. Die jüdische Ethik, wie sie uns aus Bibel und Talmud entgegenleuchtet, ist eine theologische. Im Vordergründe alles Nachdenkens über das Sittliche steht dem jüdischen Geiste ihre theistische Begründung. Sittlich-gut und gottgefällig sind für das Judenthum untrennbare Begriffe. Das ist das culturhistorische Colorit der jüdischen Sittenlehre. Einen so hohen Flug dio alten Culturreligionen und philosophischen Systeme in der Ethik zu nehmen scheinen, das Bleigewicht ist an die Fiisse gebunden und zieht den Menschen nieder zur Erde. Der Mensch kann von sich selbst nicht los kommen, sondern dreht sich beständig um seine eigene Achse; der Mensch bleibt sein eigenes Ideal.!Selbst im Christenthum ist die Glaubenslehre von der Sittenlehre getrennt; sowohl dio Glaubensals die Sittenlehre bilden jede einen abgesonderten selbstständigen Theil der Religionslehre. — Was wollen alle die Philosophien gegen jenes einfache: ״Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“, durch welcher der Mensch über sieh selbst hinaus-