Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 5. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 erkannt, der in seiner Exegese die ersten Keime zu dem unheilvollen Rationalismus, wie er im Eingänge geschildert worden, gelegt hatte4). Hatte nun Nachmani Raschi gegenüber sein Wissen bekundet, so betonte er Jbn Esra gegenüber destomehr den Glauben. Den zu weitgehenden Ansichten des Ihn Esra Schranken zu setzen, sie zu widerlegen und in Tbn Esra die ganze ratioalistische Exegetenschule zu bekämpfen und ihrem kritelnden und rüttelnden Geist etwas Positives entgegenzustellen, war die zweite Aufgabe, die Nach mani sich in seinem Pentateuchcomqientar gesetzt hatte. Natürlich konnte Nachmanides in diesem Werke auch die brennende Zeitfrage, den Kampf um Mainmni'8 ״Führer“, nicht unberührt lassen; er musste sein Verliiiltniss zum More in ein klares Licht setzen. Sein Eifer für dieses viel angefeindete Buch, den er durch den Protest gegen den Montpellier’sehen Bann bewies, konnte die falsche Meinung anfkommen lassen, dass er alle darin ausgesprochenen Ansichten Maimuni’s tlieiie. Um nun zu zeigen, dass dies nicht der Fall sei, geht er in seinem Commentare mit diesem religionsphilosophischen Werke scharf zu Gericht und unterzieht es, wo sich ihm nur eine Gelegenheit dazu darbietet, einer strengen wissenschaftlichen Prüfung, wozu seine oben erwähnten Glossen (השגות) zu Maimuni’s ס׳ המצות ihn besonders befähigten5). — Soweit die polemische Tendenz seines Connnentars; doch hatte derselbe selbstverständlich auch eine hervorragend positive. Naclimani wollte die Resultate seiner vieljährigen Forschungen auf dem Gebiete der Exegese, der Religion und der Philosophie in einem diese drei Fächer umfassenden Werke niederlegen; in einem Pentateuchcommentnr bot sich ihm die beste Gelegenheit, seine diesbezüglichen Kenntnisse darzulegen und seinen Glaubensgenossen nutzbar zu machen. Diesen innern wissenschaftlichen Drang zeichuet er in markigen Worten im Vorworte zu seinem Commentar: ״Was soll ich tliun?“, so ruft er, wie einst der Prophet und und Priester von Anathot aus, ״meine Seele fand Lust am Gesetze, und dächte ich sie zu unterdrücken, und mein Wort in meiner Brust einzuscliliessen, da brennt es in meinem Innern, wie ein verzehrend Feuer und will sich Luft schaffen und liinausdringen. Ich will in die Fusstapfeu der Altvordern treten und diesen bestmöglich naclizueifern streben, will den einfachen Sach- und Wortsinn des Bibelwortes darlegen und zugleich die Halaeha wie die Hagadu je an den Stellen, wo sie hineingehören, damit verknüpfen“. Hier hat der Autor uns seinen Plan entdeckt, den hagadischen, wie den halachisehen Midrasch mit dem einfachen Wortsinn zu vermählen. Er will keine blosse äusserliehe Verbindung derselben mit dem Textworte, sondern eine innere Verschmelzung beider, er will den Nachweis führen, dass der Midrasch seine Berechtigung nicht nicht nur neben, sondern in dem einfachen Schrift- 4) Die Belegstellen folgen im /.weiten Theile. 6) ..In, an vielen Stellen im 1‘entatenelicommentar, an welchen er gegen Maimonides ]»)lemisirt, bedient er »ich derselben Beweise, oft desselben Wortlauts, wie in den ״Glossen“. (Jfr. l’ent.-Coium. zu Exoil. 20,2 u. 23, zi> mit Glossen .■>11111 5. Gebot; zu Levit•. 21, 12 mit Glossen zum 5. Grundsatz; zu Levit. 22, 17 mit Glossen zum 85). Verbot»•: zu Levit. 10,(! mit Glossen zum 1(53. Verbote; zu Levit. 10,0 und Glossen zum 73, Verbote; zu Deut. 20,8. 21, 1(1. 23,10 mit Glosse zum 10., 11. und 12. Verbot n. a. m. sinn habe und sich aus demselben entwickele. Das war das hohe Ziel, das Nachmanides in seinem Comrnentar anstrebte und, wie wir sehen werden, auch erreichte. Noch einen nicht gering anzuschlagenden Zweck verfolgte er mit seinem Commentar, nämlich einen erbaulichen. Er legt einen grossen Werth darauf und betont es ganz besonders am Schlüsse der Einleitung zum ersten Buche Mose’s (die eigentlich die Einleitung zum ganzen Pentateuch ist) mit den Worten: ״Und nun vernimm, mein lieber Leser, meine Antwort auf die etwaige Frage, was ich mit meinem Commentar beabsichtige. Ich will meinen lernbegierigen Glaubensbriidern, die im Exil sich schwer abmühen und so viel Leiden erdulden müssen und an Sabbath- und Festtagen die Bibelabschnitte lesen, ein Buch in die Hand geben, dass sie erbauen und von dessen einfachen Erklärungen uud lieblichen Auslegungen ihr Herz sich angezogen fühlen solle“. Also auch ein Erbauungsbuch für sein Volk sollte der Commentar seinl Aber wie liess sich dies mit dem wissenschaftlichen Zweck verbinden? Auch diese Aufgabe hat er glücklich gelöst, indem er oft zur Form der Homilie greift und seinen leidenden Zeitgenossen das Leben der Patriarclien und die Leiden der Vorfahren als Spiegel vorhält, in welchem sie das Bild ihrer jetzigen Leiden erblicken konnten. In einer Zeit der Bedrückung und Verfolgung, wie es das Mittelalter für die Juden war, findet das Unrecht leidende Herz in ähnlichen Zeitläufen der Vergangenheit, und in den Leiden und Tröstungen der Früheren Trost und Kraft zum Ertragen. — Auch diese Kunst den leidenden Glaubensbrüdern zum Tröste analoge Vorkommnisse in der Geschichte ihrer Vergangenlieit vorzuführen, verstand Naclimani meisterlich. So ist sein Commentar zugleich ein Gelehrtenwerk und ein Volksbuch; es gewährt dem Gelehrten durch seine vielseitige, das Verständniss des Gotteswortes fördernde Wissenschaftlichkeit geistige Nahrung und Befriedigung, und gleichzeitig der grossen Menge Herzensnahrung, Trost und Erquickung durch die eingestreuten hagadischen und historischen Homilien. (Fortsetzung folgt.) Zur Erklärung einer Midraschstelle. Von Kabbiner Dr. Goldfahn. Im Tancliuma (Chaje Ssoro, § 8, ed, Buber) wird Koheleth 11,6 von R. Dosithai1) auf Abraham bezogen, der im Alter sich wieder ein Weib nahm und während ihm in der Jugend nur ein Sohn geboren, wurden ihm im Alter zwölf Söhne geboren. Im Tanchuma ed. Stettin § 6 findet sich dieselbe Agada, nur lautet dort der Name des Tradenten R. Jose und wird gesagt: Abraham seien in seiner Jugend zwei Söhne geboren worden. Die Stelle hat den Commentatoren bereits viele Mühe bereitet. R. Chanocli Sondel emendirt eiufacli י״ב in ששה nach Genesis 25, 2. Diesem stimmt auch Buber 1. c. Anmerkung 67 bei, indem er noch zu erklären versucht, wieso aus ששה das י׳ב entstanden war. Chanoch Sondel, dem die •) Hiernach ist Bacher. ״Agada der Tannaiten“, I, S. 160 — 67, Aura, 0 zu berichtigen.