Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 5. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Amoritern, Jebusitern und anderen kleinen Stämmen genannt, und würden wir sie nur ans der Bibel allein kennen, so könnten wir sie eher für einen kleinen semitischen Stamm halten, als für ein einst mächtiges, grosses Volk. Ganz anders aber erscheinen uns diese ״Hethiter“, wenn wir sie im Lichte der anthropologischen Forschung betrachten. Ich habe nämlich gefunden, dass wir für die älteste Zeit und für das ganze siidliehe Kleinasien sowie das nördliche Syrien eine durchaus einheitliche Urbevölkerung .annehmen müssen, welche u. A. durch extrem kurze und hohe Schädel und durch sehr grosse, schmale, gebogene Nasen ausgezeichnet und sicher brünett war. Die Reste dieser alten Bevölkerung sind in den heutigen Armeniern noch fast unvermischt vorhanden, aber auch unter den Türken und Griechen sowie auch unter den heute arabisch redenden sesshaften Syriern lässt sich ein sehr hoher Procentsatz von Individuen nachweisen, welche ihren anatomischen Eigenschaften nach durchaus nichts mit wirklichen Türken, wirklichen Griechen oder wirkliehen Arabern zu tliun haben, sondern physisch ganz und gar zu jener Urbevölkerung gehören. Teil darf zum leichteren Verständnis» dieser wichtigen Thatsache hier vielleicht anführen, dass sich z. B. auch von 1111seren modernen Juden sehr leicht zeigen lässt, wie I mehr als die Hälfte von ihnen den physischen Eigenschäften nach gar nichts mit wirklichen Semiten zu thun hat. sondern sich durchaus an jene alte, nichtsemitische Urbevölkerung ansehüesst. So ist z. B. gerüde die sogenannte ,,echte Judennase'' durchaus 1111semitisch; sie findet sich heute fast regelmässig bei den Armeniern, aber niemals bei richtigen Beduinen oder bei anderen Stämmen, die wir als typisch echte Semiten betrachten müssen. Die Sache liegt einfach so. dass wir auch in Palästina so gut wie sonst in Syriern jene den heutigen Armeniern ähnliche Urbevülkerung annchmcu müssen, welche später, anscheinend erst am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, oberflächlich somitisirt worden ist, das heisst Schrift und Sprache von semitischen Einwanderern angenommen hat. Dies!‘ durch ihre anatomischen Eigenschaften sehr gut definirbare Urbevölkerung habe ich armenoid genannt, und war dabei hauptsächlich bemüht, mit dieser Bezeichnung lediglich eine anatomische Uebereiustimmung anzudeuten und jeden Hinweis auf liistorische oder sprachliche 'Verhältnisse zu vermeiden. Natürlich könnte mau diese alte vorsemitische Bevölkerung vielleicht ebenso gut kappadokisch nennen oder .,hethitisch" oder sonst׳ mit einem alten historisch gegebenen Namen, aber das würde immer über die ana tomiseh gesicherten Resultate hinausgehen und auf Gebiete übergreifen, auf denen die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind. Auch scheint ein Name zunächst für uns ganz gleichmütig zu sein; wichtig ist nur, dass wir die Thatsache kennen und deshalb wollen wir vor Allem daran festhalten, dass ein grosser Theil von Vorderasien ursprünglich von einer physisch einheitlichen Rasse bewohnt war. Zu diesen historischen, sprachlichen und anthropologischen Untersuchungen über die älteren Bewohner von Vorderasien ist nun seit mehreren Jahren eine neue und wahrlich sehr ergiebige Quelle der Belehrung hinzugekommen — die Ausgrabung alter Trümmerstatten. Nachdem man sich lange genug auf die Ausgrabung römischer und griechischer Orte beschränkt hatte, war es zuerst Schliemann, der in Troja den Spaten auch in ältere Schichten einsetzte. Für Syrien aber sind es die Airsgrabungen in Sendschirli, welche von so grosser Bedeutung für unsere Kenntniss des vorderen Orients geworden sind, dass ich sie hier eingehend besprechen möchte. Sendschirli ist׳ jetzt ein kleines Dorf in Nordsyrien, drei Tagereisen von der Küste bei Alexundrette entfernt. in einer sumpfigen Ebene zwischen dem Giaur- und Kurd-Üagh gelegen. Im Winter wohnen einige hundert Kurden da, im Sommer wird die Gegend von pernieiösen Fiebern heimgesucht und ist daher völlig verlassen; einige Dörfer in der Nähe sind von Türken und Armeniern bewohnt. Die Triimmerstatte hat die Form eines Hügels von etwa 20 m Höhe. 200 m Breite, und 320 m Länge und unregelmässig eiförmigen Grundriss. Umgeben ist der Hügel, den wir als Burgberg, als richtige Akropolis, betrachten können, von einer flachen Unterstadt-, die von einem doppelten Zuge kreisförmiger Ringmauern eingeschlossen wird. Jede dieser beiden Ringmauern hat hundert Thürme und drei Thore. Der Hügel besteht wahrscheinlich ganz aus Bauschutt, wenigstens wurde bei den Ausgrabungen bisher nirgends gewachsener Boden erreicht. Sämmtliches Malierwerk, sowohl für die Befestigungen als für die Paläste und Wohnriiume. war aus ungebrannten Ziegeln aufgeführt und nur die Fundamente dieser Mauern bestanden aus Stein. Die Mauern waren im Verhiiltniss zu den eingeschlossenen Räumen so dick, dass jeder Zusammenbruch eines Bauwerkes sehr grosse Schuttmengen ergab, deren Höhe schliesslieh etwa ein Drittel oder manchmal beinahe die Hälfte der Höhe des ursprünglichen Baues hatte. Für einen neuen Bau aber wurde gewöhnlich auch neues Material aus der Umgebung beschafft, während der Schutt des alten unberührt׳ liegen blieb — so konnte der Baugrund mit jedem Neubau leicht um 2 m und mehr in die Höhe wachsen. Die Ausgrabungen in einem solchen Schutthügel sind deshalb einerseits sehr schwierig, zeitraubend und kostspielig, weil oft ungeheuere Schuttmengen entfernt werden müssen, bevor erst die interessanten Schichten erreicht werden, au dererseits über oft sehr lohnend und dankbar, weil die älteren Schichten völlig ungestört sein und reiche Ausbeute an Bildwerken und Kleinfuiulen ergeben können. Den Plan, gerade Sendschirli auszugraben, hatte ich schon 1883 gefasst, als ich mit O. Puchstein da war und eine Reihe von sehr alterthiimlicheii Reliefs sah, welche, durch einen Wasserriss freigelegt, noch an ihrer ursprünglichen Stelle sichtbar waren. Ei'st 1888 konnte die Ausgrabung beginnen, nachdem inzwischen in Berlin das Orient-Co mite gegründet worden war, eine Vereinigung von Gelehrten und Geldleuten, welche unter dem Vorsitze des Geh. Reg.-Ruthes v. Kaufmann die Erforschung alter Trümmerstütten im Oriente sich zur Aufgabe gemacht hat. Der ersten Expedition folgte 18ÜÜ/91 eine grosse, nur durch die nöthige Sommerpause unterbrochene Doppel-Campagne