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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 4. (1902) · p. Seite 29

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 4. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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fiihruug gebracht. Gesetze verboten den Christen bei Strafe der Excomiuunication jüdische Aerzte zn nehmen, weil es besser sei za sterben als einem Juden sein Leben zu verdanken. Da es aber bei der damaligen Roheit und Unwissenheit der Christen an brauch baren christlichen Aerzten fehlte, so machten die Würdenträger in Staat und Kirche für ihre Person eine Ausnähme und hatten immer nur jüdische Aerzte. — Im Jahre 130<i erliess König Philipp ein Decret, das die sämmtlichen Juden ans Frankreich verbannte und dem habsüchtigen stets geldbedürftigen Despoten die willkonunene Gelegenheit bot. sieb ihres Vermögens zu bemächtigen. Damit waren auch die jüdischen Aerzte aus Montpellier entfernt; zwar erfolgte unter dem Nachfolger Philipp des Schönen die Aufhebung des Verbannung»-Edikts und ward, wenn auch unter beschränkenden Bestimmungen, den jüdischen Aerzten und Studenten die Rückkehr nach Montpellier gestattet; aber der Glanz und Rubin, dessen die Hochschule bis dahin genoss, kehrte nimmer wieder. Während diese Ereignisse sich in Frankreich ab spielten, batten auch in Spanien die politischen Verhält11i88e eine den Juden ungünstige Veränderung erlitten. Das einheitliche mächtige Reich der Miihaminedauer hatte sich in einzelne kleinere Staaten aufgelöst, die einander befehdeten und dadurch es den Christen erleichterten, einen Theil des islamitischen Besitzes nach dein anderen in ihre Gewalt zu bringen. Im 14. Jahrhundert war alles bis auf den südlichen Theil, wesentlich die Provinz Granada, von den Christen zurückerobert. Der Wechsel der Regierung hatte zwar nicht immer oder doch nicht sogleich üble Folgen für die jüdischen Bewohner des eroberten Landes. Zur Zeit der Kreuzzüge. w<> die Juden in fast allen Ländern Europa’s, namentlich Frankreichs und Deutschlands, unter den grausamsten Verfolgungen der fanatischen Menge schwer zu leiden hatten. blieben die Juden des christlichen Spaniens ziemlich verschont. Auch noch während des 13. bis 14. Jahrhundert« zeigte sich die Mehrzahl der mächtigen christliehen Beherrscher Nordspaniens, theils weil sie über die gehässigen Vorurtheile ihrer Zeitgenossen erhaben waren, theils aus politischem oder persönlichem Interesse den Juden wohlgeneigt und gewährten ihnen Schutz gegen ihre Verfolger Das that unter Anderen einer der besten Könige Kastiliens. Alfons der Weise, ein Freund von Wissenschaft und Kunst, der von 1251—1284 regierte. Um seinen Fürstenhof sammelte er stets eine Schaar gelehrter Männer, unter denen auch sein jüdischer Leibarzt nicht fehlte. Er duldete in seinem Lande keine Ungerechtigkeiten und Gewaltthaten gegen die jüdischen ITnterthanen und erklärte die von einem hochgestellten Priester erhobene Blutbeschuldigung d. h. das Juden t'bristenblut zu ihrem Osterfeste gebrauchten, für. das Hirngespinst eines Verrückten. Auch die auf Alfons zunächst׳ folgenden Fürsten Kastiliens waren überwiegend den Juden wohlgesinnt. Insbesondere gilt dies von dem einerseits als Tyrann und Gluubonsverächter vom Kleriis verschrieenen, andererseits jedoch als freidenkender und streng gerechter Fürst gelullten Peter dem Grausamen (135(1 1300). Auch, an seinem Hofe hatten gelehrte Juden freien Zutritt; er hielt einen jüdischen Leibarzt und vertraute einem Juden Samuel ha-Levi längere Zeit hindurch das Amt eines Finanzministers an; dann aber erfolgte plötzlich die Amtsentsetzung des namentlieh" der Geistlickeit .verhasstem Günstlinge, er wurde auf Befehl des Königs ob seines Reichthums unter der Anklage des Unterschleifs in den Kerker geworfen und nach kurzem Prozess hingerichtet. Levi liess, auf der Höhe seiner Macht, in Toledo einen Tempel erbauen, der später in .eine christliche Kirche umgebaut, neuerdings aber restaurirt ist und zu den Sehenswürdigkeiten Toledo’s gehört. An einer der mit Arabesken reich verzierten Wände des Tempels, den auch ich vor fünf Jahren auf meiner spanischen Reise besuchte, prangt der Name des unglücklichen jüdischen Erbauers. Ob er des Verbrechens, wegen dessen er die Todesstrafe erlitt, schuldig war oder nicht, ist ungewiss. Dagegen steht es fest, dass die Juden Kastiliens auch nach dem Tode Levi’s dem Könige ihre Anhänglichkeit und Treue bewahrten und in dem schrecklichen Bruderkriege gegen seinen Halbbruder Heinrich von Trastamare Gut mul Blut opferten. Letzterer liess sodann, nachdem er Pedro besiegt und ermordet und selbst den Thron bestiegen hatte, die Juden seine Rache schwer empfinden. Aber wie sehr er auch im Allgemeinen sie bedrückte und knechtete, so erstreckte sich doch sein Judenhass nicht mit auf die jüdischen Aerzte. Er widerstand beharrlich dem Drange seiner klerikalen Rathgeber, den jüdischen Aerzten die Ausübung der Praxis zu verbieten und antwortete auf ein dahin gehendes Gesuch, man dürfe ihnen doch nicht eine Wissenschaft verbieten, in welcher sie sich der Menschheit nützlich erwiesen hätten. Er trug deshalb auch kein Bedenken, einen jüdischen Arzt, den durch wissenschaftliche Arbeiten rühmliehst 1־-״ kannten Don Meyer Alguadez, zu seinem Leibmedikus zu machen. Alguadez bekleidete diese Vectrauens- Stellung bis zum Lebensende seines königlichen Gönners. Aber kaum hatte letzterer seine Augen geschlossen, so fiel die Meute der Judenfeinde über ihn her und lieferte ihn unter ebenso unsinnigen als schändlichen Anklagen begangener Hostienentweihung den Blutriclitern in die Hände. Unter den Qualen der Folter erpresste man von dem unglücklichen Arzte das Geständniss. das man haben wollte, um ihn schliesslich den grausamen Märtyrertod durch Viertheilen erleiden zu lassen. Das geschah im Jahre 1401». Von da ab wurde die Lage der spanischen Juden von Jahr zu Jahr eine schlimmere, ihre Bedrängnis» und Notli wuchs in dem Maasse, als die Macht der strenggläubigen Kirche und der durch den fortdauernden Krieg gegen den ungläubigen Nationalfeind aufgestachelte religiöse Fanatismus sich steigerte. Die im Jahre 1474 erfolgte Verheirathung des Königs Ferdinand von Arragonien mit lsabella. der Königin Kastiliens, vereinte das gesummte christliche Spanien unter dem Scepter eines bigotten Herrscherpaares, das ganz unter dem Einfluss iles Jesuitenhoichtvaters und Grossiinpiisitors stehend, die gründliche Reinigung des christlichen 1 Reichs von den Ketzern für die heiligste, Gott wohl-; gefällige Aufgabe ihres Herrscherberufes erachtete. ן Als nun Anfang des Jahres 1402 das christliche Heer | Granada, das letzte Hollwcrk der l'ngliiuhigcn in

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