Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 4. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 weil Leute aus allen Ständen. Hoch und Niedrig, Reich und Arm. Juden und Nichtjuden, schon meine Ankunft sehnlichst erwarten und nicht selten hin ich bis in die Nacht hinein beschäftigt, nm nur jedem als Arzt nützlich sein zu können". Muss diese schon ausgedehnte ärztliche Thätigkeit, die Maimonides doch nur im Nebenamt neben dein Hauptberufe eines Re ligionslehrers leistete. Bewunderung erregen, so erscheint es geradezu unbegreiflich, dass er überdies noch die Zeit erbringen konnte eine Reihe medicinischer Werke zu verfassen, die an wissenschaftlichem Wertlie liiuter seinen unsterblichen Meisterwerken theologischphilosophischen Inhalts kaum zurückstehen. Von seinen Büchern, die zuerst in arabischer Sprache, später in hebräischer und lateinischer Uebersetzung in vielfach wiedei'holten Auflagen erschienen sind, wurden am meisten geschätzt ..Die Aphorismen der Medicin", das Auszüge aus Hippokrates, Galen und einigen ihrer vorzüglichsten arabischen Bearbeiter enthält, ferner eine Schrift über den Schutz der Gesundheit und über Gifte nebst Anweisung zur Behandlung von Vergiftungen. In allen diesen Schriften zeigt sich Maimonides als einen ebenso gründlichen Kenner der zu seiner Zeit zugänglichen Wissensquellen, wie als scharfsinnigen, klaren Beobachter, der das eigene Urtheil nicht dem blinden Autoritätsglauben aufopfert. Er kämpft muthig gegen herrschende Vorurtlieile und abergläubische Vor- Stellungen und verwirft namentlich mit aller Entschiedenheit die weitverbreiteten mystischen Vorstellungen über den Einfluss der Gestirne auf die Schicksale der Menschen. Maimonides war, wie aus allem Gesagten hervorgeht, ein wissenschaftlich hochstehender und praktisch tüchtiger Arzt; aber noch zu grösserer Ehre gereicht ihm der Adel und die sittliche Reinheit seines Oharakters. Dass die reinste Menschenliebe der Grundzug seines ärztlichen Fühlens und Handelns gewesen, zeigt das herrliche Gebet, das er jeden Morgen vor Beginn seiner Thätigkeit zu sprechen pflegte und das in der Uebersetzung etwa lautet: ,,Gieb Gott, dass mich beseele die Liebe zur Kuust und zu deinen Geschöpfen. Lasse es nicht zu. dass Durst nach Gewiun. Haschen nach Ruhm oder Ansehen sich in meine Thätigkeit mische. Denn diese sind der Wahrheit und Menschenliebe feind und sie könnten auch mich irreleiten in meinem Berufe, das Wohl deiner Geschöpfe zu fördern. Erhalte die Kräfte meines Körpers und der Seele, dass sie unverdrossen immerdar bereit seien zu helfen und beizustehen dem Reichen und dem Armen, dein Guten und dem Bösen, dem Feinde und dem Freunde. Lasse mich im Leidenden nur den Menschen sehen!״ Ein Arzt, der eine so erhabene Auffassung von den Pflichten seines Berufs besitzt, und im Sinne dieser Gebetesworte handelt,, der ist• das Ideal eines Arztes wie er sein soll. Maimonides starb im Jahre 1204. er war der glänzendste Vertreter der medicinischen Wissenschaft unter den Juden während der Bliithezeit, maurischjüdischer Cultur. die nach seinem Tode allmählich ihrem Verfall(* entgegenging. Bevor ich diesen weiter verfolge, möchte ich mit ein paar Worten der Leistungen der jüdischen Aerzte in den christlichen Staaten Europa’s während der eben betrachteten Zeiten des Mittelalters gedenken. Im südlichen Italien und in Südfrankreich waren die Araber auf ihren Eroberung»• führten schon im 8. und 0. Jahrhundert mit den christlichen Bewohnern vielfach in nähere Beziehung gekommen und hatten zum Theil auch ihre höhere Geistescultur dahin verpflanzt. Unter dem Einfluss der arabischen Einwanderer und ihrer jüdischen Gefolgschaft• entstanden nun an verschiedenen Orten Gelehrtenschulen. an denen auch die medieinische Wissenschaft nach den Grundsätzen Galen'8 und seiner arabischen Erklärer gelehrt wurde. Die erste und berühmteste dieser Schulen war das sogenannte ..collegium hypocraticum" zu Salerno unweit, Neapel eine Medicinerschule, die im Jahre 840 gegründet wurde. Die ersten Lehrer der Schule waren je ein griechischer, römischer, arabischer und jüdischer Magister, deren jeder in seiner Muttersprache unterrichtete. Die Schule zu Salerno, deren Bliithezeit in das 12. und 13. Jahrhundert fiel, hatte stets unter ihrem Lehr- und Schülerpersonal zahlreiche Juden und zwar sehr beinerkenswerther Weise nicht allein männlichen sondern auch weiblichen Geschlechts. Zu den angesehensten und wissenschaftlich thätigsten Lehrern Salernos gehörten u. A. der jüdische Magister Copho, die Rabbiner-Aerzte Rabbi Chananael und Hillel. auch eine jüdische Aerztin Namens Rebecca. Nicht minderen Ruhmes als Salerno genoss die Hochschule zu Montpellier, im südlichen Frankreich, an deren Gründung etwa im Jahre 1025 Juden sich betheiligt zu haben scheinen. Jedenfalls wurde auch hier anfänglich der Unterricht, in arabischer und jüdischer Sprache ertheilt, an deren Stelle erst, im Laufe des 12. Jahrhunderts die lateinische und die Landessprache d. i. das in der Provence gesprochene Französisch trat. Aber auch dann wurde die Schule noch zahlreich von Studenten jüdischer Oonfession besucht und lehrten jüdische Professoren, von denen einige durch ihre wissenschaftlichen Leistungen grossen Rufes genossen. Allerdings machten sich hin und wieder schon gegen Ende des 12. Jahrhuuderts judenfeindliche Strömungen geltend, die von der fanatischen Geistlichkeit, ausgingen, in Folge deren die Lehr- und Lernfreiheit der Juden an der Schule zeitweiligen Beschränkungen unterlag. Aber im Allgemeinen blieb bis Ende des 13. Jahrhunderts das friedliche Verhältniss zwischen den verschiedenen Confessioneu nugestört, wie daraus hervorgeht, dass noch im Jahre 1300 ein Jude Namens Profatius. der ein ebenso ausgezeichnet,er Mediciner wie Astronom war, als Dekan an der Spitze der medicinischen Fakultät gestanden hat. Nun aber begann, angestiftet von der auf den Glanz und; Ruhm Montpelliers eifersüchtigen Pariser Universität j eine vom damaligen Regenten Frankreichs. Philipp! dem Schönen, begünstigte Judenhetze; die von verschiedenen früheren Kirchenversammlungen beschlossenen, aber gewöhnlich nach kurzer Zeit wieder aufgehobenen oder von der weltlichen Obrigkeit lau gehandhabten Gesetze, dass die Christen nicht von jüdischen Aerzten behandelt werden dürfen und dass letzteren keine öffentlichen Aemter eingeräumt werden sollen, wurden nunmehr mit aller Strenge in Aus-