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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 4. (1902) · p. Seite 27

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 4. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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27 alterlichen Medicin nennt, will ich nunmehr einige besonders charucteristische Gestalten an Ihrem Auge vorüberziehen lassen. In der Mitte des 10. Jahrhunderts lebte und wirkte am Hofe des Khalifen von Cordova, der damaligen prächtigen Hauptstadt des gesammten spanischen Maiirenreiclis, der Arzt Ibn Schaprut. Er bekleidete nicht nur die Stellung als Leibarzt des Khalifen Abdnlrahman III., sondern gelangte durch das Vertrauen seines Pürsten in das Amt des höchsten Staatsbeamteu d. i. des Grossveziers, oder wie wir es bezeichnen würden, eines Ministerpräsidenten. Er verfasste eine Anzahl gelehrter, medicinischer Schriften, unter denen besonders eine über Arzneipflanzen handelnde hervorgehoben wird, fand aber ausserdem noch Zeit, sich erfolgreich mit Philosophie. Astronomie und Dichtkunst zu beschäftigen. Dieser wunderbaren Universalität des Wissens begegnet man überaus häufig bei den jüdischen Aerzten jener Zeit. Sie wird auch gerühmt von dem etwas später, gegen Ende des 10. Jahrhunderts gleichfalls in Cordova seine ärztliche Thätigkeit ausübenden Arzte Harun. Er war ein gefeierter Lehrer an der Hochschule zu Cordova, die damals neben Bagdad den Weltruf als beste Bildungsanstalt für Mediciner genoss und deshalb einen ungeheuren Zulauf von Studirenden aus allen Theilen der Erde hatte. Dem 11. und Anfang des 12. Jahrhundert gehört die berühmte Gelehrtenfamilie Ebn Zohar an, aus der hintereinander ganze Generationen angesehener Praktiker und Lehrer der Arzneikunst hervorgingen. Der letzte und bedeutendste Arzt aus diesem Geschlecht hat eine grosse Anzahl von Lehrbüchern über Medicin und Diätetik geschrieben, die, ins Lateinische übersetzt, noch bis ins 16. Jahrhundert hinein in den medicinisehen Schulen sehr geschätzt wurden. Er war somit der erste Arzt des Mittelalters, der auf Grund selbstständiger, eigener Forschungen es wagte, einzelne Lehren des Galenus, der allgemein als höchste medicinische Autorität, so zu sagen als unfehlbarer, medicinischer Papst verehrt wurde, zu bekämpfen. Mit ihm ziemlich gleichzeitig, also auch Anfang bis Mitte des 12. Jahrhunderts lebte zu Toledo, das zu dieser späteren Zeit des Mittelalters bereits Cordova’s sinkenden Ruhm als Universitäts- und Gelehrtenstadt zu verdunkeln angefangen hatte, der scharfsinnige Bibelerklärer und Religionsphilosoph Ibn Esra. der aber auch den Ruf eines bedeutenden Mathematikers, Astronomen und Arztes hinterlassen hat. In seinen medicinisclien Werken zeigt er denselben kritischen, von den Fesseln der Ueberlieferung freien Sinn, wie Ebn Zohar, den er an umfassenden Wissen und genialer Begabung noch übertrifft. Er gehörte zu der Zahl jener auserlesenen Geistei־, die ihrer Zeit voraneilend, neue und fruclitbare Ideen in die Welt setzen. In Toledo erblickte etwas später als Ibn Esra das Licht der Welt der Dichterfürst Jeliuda Halevy. Den meisten von uns Juden ist er wohl in dieser Eigenschaft bekannt; wir verehren in ihm, wie es in dem seinen Namen tragenden Gedicht von Heinrich heisst, ״eine wunderbare, grosse Feuersäule des Gesanges, die der Sclnnerzenskarawane Israels voraugegangen in der Wüste des Exils". Indess betrieb er als eigentliche Berufsthätigkeit behufs Gewinnung des Lebensunterhaltes auch die ärztliche Praxis und war einer der angesehensten und gesuchtesten Aerzte Toledo’s. Auf die Dauer gewährte diese ihm freilich keine Befriedigung, er wurde sich nur zu sehr der engen Schranken bewusst, zwischen denen das Wissen uud Können des Arztes gebannt ist. In einem Briefe an einen Freund spricht er von der Eitelkeit der Heilkunde, deren Leistungen so ungenügend wären. Er klagt über die theilweise Zeitvergeudung, die ihm durch das Curiren erwächst, und sehnt sich nach der Freiheit und Ruhe, um zu einem Orte lebendigen Wissens, zur Quelle der Weisheit, wandern zu können. Das eigentliche Ziel seiner Sehnsucht war aber die heilige Stadt Jerusalem, hier am Grabe der Patriarchen in frommen Gebeten und in theils erhebenden, theils in wehmütigen Erinnerungen an die einstige Grösse und Herrlichkeit, an die glücklichen Zeiten und das traurige Geschick der Stadt und ihrer Bewohner, hoffte er Ruhe und Befriedigung zu finden. Schon im vorgerückten Lebensalter begab er sich auf die Reise nach Jerusalem, um, nachdem er enttäuscht und gebrochenen Herzens endlich vor den Thoren angelangt war, durch den Lanzenstich eines räuberischen Beduinen den Tod zu finden. Wenn Jehuda Halevy unbestritten der grösste Dichter gewesen ist, den das Judenthum seit seiner Verbannung aus Palästina hervorgebracht hat, so ist sein späterer Zeitgenosse Moses Maimonides der anerkaniit grösste Religionslehrer, der seit Moses dem Gesetzgeber in Israel auf erstand. Er nimmt aber auch als Arzt in der Wissenschaft eine sehr bedeutende, ungleich höhere Stelluug ein, als Jehuda Halevy. Am itU. März 1136 zu Cordova geboren, widmete er sich zunächst ausschliesslich theologischen Studien mit solchem Erfolge, dass er schon in seinem 27. Jahre in seiner Vaterstadt den Ruf einer rabbinischen Autorität genoss. Eine plötzlich auftretende Judenverfolgung nöthigten ihn und seine Angehörigen zur Auswanderung aus der spanischen Heimath; nach mannigfachen Irrfahrten und schweren häuslichen Schicksalsschlägen lies er sich in Kairo nieder, wo damals ein weiser und toleranter mohamedanischer Fürst, der aus Lessing's Nathan den Weisen bekannte Saladin, residirte. Maimonides fing eigentlich erst hier an, den ärztlichen Beruf behufs Sicherung seines Lebensunterlialts auszuüben. Obgleich er die Hauptaufgabe seines Lebens und Wirkens nie aus dem Auge verlor, so ebnete ihm doch seine ungewöhnliche Begabung und Arbeitskraft auch in der Medicin den Weg zu Ansehen und Ehre', er wurde Leibarzt des Sultans und erwarb daneben eine umfangreiche Praxis. Ueber seine ärztliche Thätigkeit schreibt er in einem Briefe an einen Freund: ״Als Leibarzt des Sultans liegt mir die Pflicht ob, mich jeden Tag mit dem Frühesten in das von meiner Wohnung ziemlich entfernte Hoflager zu begeben. Ist der Sultan selbst oder eines seiner Kinder oder eine seiner Gemahlinnen nicht krank oder erfordert keiner der vornehmen uud ersten Hofbeamten meinen Beistand, so dass ich den Tag über dort verweilen muss, 80 kehre ich jeden Mittag in meine Behausung zurück. Hier wird mir kaum soviel Zeit gestattet, mich von dem Wege zu erholeu und etwas zu gemessen,

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