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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1902-01-01 · No. 4. (1902) · p. Seite 26

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
26 (1902)
Issue
No. 4. (1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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Ausbildung beruhte wesentlich auf dem Studium und der Auslegung des Inhalte dieser Schriften. I11de88 blieben diese in griechischer Sprache geschriebenen Meisterwerke in der ersten Hälfte des Mittelalters im christlichen Abendlaude fast ganz, unbekannt und in Folge dessen lag hier die medicinischc Wissenschaft und Kunst sehr im Argen. Die christliehe Kirche in ihrer damals vorherrschenden Richtung that aber nichts, was zu einem Fortschritte auf diesem Gebiete förderlich sein konnte, ja es stellte sich der dazu nöt.higen freien Geistesbewegnng zum Theil sogar feindselig gegenüber. ,.Die Vertreter der Kirche hegten oder duldeten doch, so bemerkt Biernacki, An Behauungen. die jedem weiteren Forschen nach den Krankheitsursachen und dem Streben nach rationeller Krankheitsbehandlung hemmend im Wege standen. Man sah in der Krankheit, nicht sowohl eine uiate rielle Schädigung als vielmehr die Strafe für begangene Sünden oder eine göttliche Prüfung, die man ohue Murren hinnehmen soll. Gott allein könne Krankheiten heilen, aber beileibe nicht ein Mensch. Eine Krankheit durfte man eigentlich nur mit Gebeten oder Be- 8chwörungen behandeln. Darüber hinaus lag die Me dicin beinahe ausschliesslich in den Händen der Mönche, und wie schlecht sie bei diesen sogenannten Mönchsärzten aufgehoben waren, lehrt allein schon die Thatsaclie. dass es verboten war, chirurgische Eingriffe zu machen, bei denen Blut austritt. Die Geistlichkeit unterstützte und förderte wohl die Werke barmherziger Menschenliebe und betheiligte sich lebhaft an der Armen- und Krankenpflege, inan baute Zufluchtsstätten für Aussätzige, Spitäler, in denen sich Diakone und Diakonissinnen der Kranken annahmen. aber von einer eigentlichen Behandlung konnte da keine Rede sein; man betete, berührte die Kranken mit Reliquien und heiligen Gegenständen u. s. w.״ Während somit im christlichen Abendlande, wenigstens in den früheren Jahrhunderten des Mittelalters, zur Förderung des medicinischen Wissens so gut wie nichts geschah, kam vom Orient her Hilfe und Rettuug in der Notli. Zwei stammverwandte Völker, die Araber und die Juden, theilen sich in den Ruhm, in jenen düstersten Zeiten der Weltgeschiohte die treuen Pfleger der gefährdeten Wissenschaft gewesen zu sein. Bezüglich der ersteren äussert sich der be- 1’iihmte Anatom Hyrtl in Wien wie folgt: ״Die Araber, bis Anfang des '2. Jahrhunderts des Mittelalters ein fast unbekanntes, rohes Beduinenvolk, hatten sich durch die Macht religiöser Begeisterung in kurzer Zeit nicht blos zu Eroberern der halben dnmals bekannten Welt emporgeschwungeu. sondern auch eine Culturstufe erreicht, welche sie weit über die Völker des Abend landes erhob. In den von ihnen eroberten Ländern, in Syrien, Palästina und Aegypten, wurden sie mit den griechischen Geistes werken bekannt. Ihre angeborene Achtung vor der Wissenschaft, besonders vor der Me dicin, bestimmte sie durch Uebersetzungen sich dieselben anzueignen, rhre edlen uud aufgeklärten Herrscher, zahlreicher als sie je in einem christlichen Staate gefanden wurden, waren Freunde der Wissenschaft und (Jönner der Gelehrten. Sie förderten die geistige Ausbildung ihres begabten und entwickelungsfähigen Volkes mit aller Macht, wenngleich nur in jenen Gebieten des Wissens, welche wie Naturlehre, Geschichte, Mathematik, Astronomie und Medicin. mit den Satzungen im Koran nie in Conflikt gerathen konnten". Die Araber verpflanzten Cultnr und Wissen nach allen von ihnen im raschen Siegeslauf eroberten Läudem, und die Juden waren dabei ihre tliätigsten und fähigsten Mitarbeiter. Ihnen war in Folge eifrigen Studiums von Bibel und Talmud eine gewisse Vorliebe für Lehre und Wissenschaft überhaupt und für die Medicin insbesondere gewissermaassen anerzogen, zudem waren sie frühzeitig im Orient, besonders in Syrien und Aegypten mit der alt ägyptischen Culturweit in nähere Beziehungen getreten. Schon im 7. und 8. Jahrhundert lebten und praktizirten in den Städten des Orients neben den arabischen auch zahlreiche jüdische Aerzte, die zum Theil den Ruf grosser Gelehrsamkeit uud Geschicklichkeit besasseu. An den Höfen der Kunst und Wissenschaft, liebenden Khalifen waren häufig jüdische Leibärzte und an den medicinischen Schulen, beispielsweis an der weltberühmten Hochschule zu Bagdad, die vom Khalifen Harun al Raschid, dem Zeitgenossen von Karl dem Grossen, Anfang des 9. Jahrhunderts gegründet worden ist, waren auch jüdische Aerzte als Lehrer thätig. Mehr aber noch als die Länder des Ostens, bildete Anfang des 8. Jalirhunderts'die von den Arabern eroberte pyrenäischeHalbinsel den fruchtbaren Boden, auf welchem die von diesem begabten Volke im Mittelalter emsig gepflegte Cultur und Wissenschaft zur schönsten Blütlie gelangte. Zur Zeit als die Araber von Afrika her das spanische Festland betraten, befanden sich die daselbst ansässigen Juden in der gleichen traurigen Lage, wie einst ihre Urahnen in Aegypten: sie seufzten unter dem harten Sclavenjoche der westgothischen. Christliehen Herrscher. Die Araber brachten ihnen die Erlösung und Befreiung aus den schimpflichen Banden Die neuen Herrscher behandelten die Juden mit Milde und Gerechtigkeit, hinderten sie nicht an der Ausübung ihrer Religionsgebrauche und gewährten ihnen überhaupt bei den gleichen Pflichten auch die gleichen Rechte wie den andersgläubigen Untertlianen. Sehr bald bildete sich zwischen den beiden stammverwandten Nationen ein friedlicher, geschäftlicher und geselliger Verkehr. Ungestört trieben die Juden neben ihren muhammedanischen Mitbürgern Ackerbau, Handel und Gewerbe, widmeten sich aber auch mit regem Eifer der Wissenschaft und Kunst, die an dem Fürstenhofe sorgsame Pflege und Förderung fanden. Die Epoche der vorherrschenden Maurenherrschaft in Spanien, die etwa den Zeitabschnitt vom 8. bis 12. Jahrhundert umfasst, war zugleich das goldene Zeitalter der spanischen Juden. Niemals und nirgends seit dem Falle von Jerusalem haben die Juden unter den Völkern der Erde einer gleich glückliehet) Stellung und gastfreundlichen Behandlung sich zu erfreuen gehabt. Aber auch niemals wieder sind aus dem alten Stamme des Judenthums so grosse, führende Geister auf fast allen Gebieten des Wissens hervorgegangen, wie in jener freilich kurz bemessenen Zeitepoche. Aus der glänzenden Reihe berühmter Aerzte Spaniens, welche uns die Geschichte der mittel-

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