Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 3. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2U Der Thurm von Babel nach babylonischer Keilinschrift, spätem Skhriftsteliern und neueren Reisenden. Im ersten Buch Mose Cap. 11 wird bekanntlich erzählt, wie die Nachkommen Noahs gen Osten zogen, in ein Land mit Namen Sinear und daselbst aus gebrannten Ziegelsteinen eine Stadt erbauten nebst einem Thurine. dessen Spitze ״bis in den Himmel“ reichen sollte. Aber noch bevor sie ihr Unternehmen vollendet hatten, sei der Herr niedergefahren, habe ihre Sprache verwirrt und sie in alle Länder zerstreut, ,,dass sie aufhören mussten die Stadt zu bauen“. Diese erhielt davon den Namen Babel, der von den Einen aus der semitischen Wurzel בלל oder balbal, d. h. ,,stammeln, stottern, verwirrte Reden führen,“ von den Andern durch bab-Bel, ״Thor des Bel oder Bai“, erklärt wird. Die Griechen machten daraus Babylon, das, wie der semitische Name Babel, später von der Stadt auf die ganze umliegende Provinz übertragen wurde. Dieser berühmte Thurm von Babel wurde früher allgemein der Sage zugeschrieben, neuere Forschlingen und Entdeckungen haben aber ergeben, dass dieses Wunderwerk nicht nur wirklich erbaut worden ist, sondern sich sogar, wenn auch nur als Ruine, bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Von grösster Wichtigkeit für die Urgeschichte des Tlmrmes ist eine babylonische Keilinschrift, die in den Ruinen vor einiger Zeit gefunden wurde, die sogenannte .,Inschrift von Borsippa“, die wir deshalb, zugleich als eine interessante Probe des altbaby- Ionischen Lapidarstiles, in der Uebersetzung des berühinten Assyriologen lulius Oppert wörtlich mittheilen: ״Nebukadnezar, König von Babylon, wahrhaftiger Völkerhirte, der Zeuge der standhaften Gunst Merodachs, der hohe Fürst, Anbeter des Nebo, der einsichtige, der wissende, dessen Ohren den Lehren des höchsten Gottes lauschen, der nie ruhende Statthalter, Wiederhorsteller der Pyramide und des Thurmes, ältester Sohn Nabopolassars, König von Babylon, Ich.“ ״Wir sagen: Merodach, der grosse Meister, hat mich selbst gebildet, er hat mir auferlegt, seine Heiligthümer wieder herzustellen. Nebo, der Aufseher über die Schaaren des Himmels und der Erde, hat meine Hand mit dem Scepter der Gerechtigkeit belastet. ״Die Pyramide, der Palast des Himmels und der Erde, ist der Wohnsitz des Herrn der Götter, Merodach; die Orakelzelle, das Ruhelager seiner Herrlichkeit, habe ich mit glänzendem Golde domförmig hergerichtet. ״Den Thurm, das ewige Haus, habe ich neu gegründet und gebaut, mit Gold, Silber, glasirten Ziegeln, Steinen, Bronze, Tamarisken und Cedern habe ich seine Pracht vollendet. ״Das Haus des Grundsteins des Himmels und der Erde, den Urbau Babylons, habe ich neu gebaut und vollendet׳ in Ziegel und Marmor habe ich sein Haupt erhoben. ״Wir sagen von diesem hier: den Tempel der sieben Sphären des Himmels und der Erde, den Urbau Borsippas, batte ein alter König angefangen und 42 Fnss hoch erbaut, doch sein Haupt nicht erhöht. Von der Zeit der Sintflut her war er verlassen und ohne Ordnungen waren die Ableitungon der Wasser. Regen nud Erdbeben hatten die Rohziegel gelockert. Die Brennziegel der Bekleidung waren gespalten, die Rohziegel des Kernes hatten sich im Hügel ringsum ergossen. Zu seiner Herstellung feuerte Merodach, der grosse Herr, mein Herz an. Ich rührte nicht an dem Platze, ich .änderte nicht den Grundstein. Im Monate des Glückes, am Tage des Heils fügte ich die Rohziegel des Kernes und die Brennziegel der Bekleidung zu Stockwerken zusammen; die gewundenen Aufgänge erneuteich und die Schrift meines Namens brachte ich in den Friesen der Tliürme an. Um den Tempel zu bauen und sein Haupt zu erhöhen, erhob ich die Hand. Wie er vor Alters gewesen, so gründete ich ihn, baute ich ihn, wie er in einstigen Tagen dagestanden, so erhob ich sein Haupt . . .‘, Wir ersehen aus diesen authentischen Mittheilungen, dass der Ursprung des Thurmes von Babel sich in einem fabelhaften Dunkel verliert und dieser beim Regierungsantritt Nebukadnezars, regierte von (507— €»61 v. dir., von diesem auf das Prächtigste wiederhergestellt und ausgebaut wurde und als ״Tempel der sieben Sphären“ das vornehmste Heiligthum des alten Babylon bildete. Bei der Eroberung Babylons durch Kyros 538 v. Chr. oder durch Dareis I. 516 v. Chr. scheint auch der Thurm von Babel grosse Beschädigungen erlitten zu haben und damit verwechselt es vielleicht, der griechisch Geograph Strabon, der kurz berichtet, dass ihn Xerxes, ״wie man sagt“, zerstört habe. Wie dem auch sei. jedenfalls kann die Zerstörung nur einen Theil des Thurmes betroffen haben oder der Tempel ist baldigst restaurirt worden, denn Herodot, der unter der Regierung Artaxerxes I. regierte, 465—425, das persische Reich nach allen Richtungeu bereiste und dabei auch־ nach Babylon kam, sagt ausdrücklich, dass das ״erzthorige Heiligthum des Zeus Belos“ noch zu seiner Zeit vorhanden gewesen sei und ein grosses Quadrat gebildet habe, dessen Seiten je zwei Stadien lang waren. Er fährt dann wörtlich fort,: ״ln der Mitte des Tempelsbezirkes erhebt sich oin massiver Thurin, dessen Länge und Breite je ein Stadion beträgt•. (Das Stadion bei Herodot setzt man nach den neuesten Berechnungen auf 148 Meter an.) Auf diesem Thurme steht ein anderer, auf diesem wiederum einer bis zur Anzahl von acht Thürmen. Zu diesen führt von aussen her eine ringsherumlaufende Treppe empor und in der Mitte derselben befinden sich allenthalben Absätze mit Ruheplätzen, auf denen sich die Hinaufsteigenden niederlassen, um Athem zu schöpfen Der oberste Thurm aber umfasst einen grossen Tempel . . Strabo, ein Zeitgenosse des Kaisers Augustus, sagt, das Heiligtlium sei eine vierseitige Stufenpyramide aus Ziegelsteinen gewesen, dessen Höhe wie Seitenlänge ein Stadion betragen habe; er nennt es das ״Giab des Belos־ . Schon Alexander der Grosse fand den Belosthurm, wie St. weiter berichtet, als eine Ruine vor, wenn auch noch immer von gewaltigem Umfange, und fasste