Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 3. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 ihre erste und vornehmste Bestimmung, die im folgenden Verse wieder angedeutet, im Hi. stark betont, im 17. wieder angedeutet, im 18. wieder stiirk betont wird. Der Unterschied /wischen Tag und Nacht ist die vierte Unterstufe. Dieser Kreislauf innerhalb 24 Stunden ist erst für das Thierleben vom Bedeutung. Die Pflanzenweit bedarf seiner nicht, sie bedarf nur der Lichter im Allgemeinen, aber nicht des 24 ständigen Wechsels von Nacht und Tag. Das ist ein sehr feiner Blick in den Bau der Natur! Er erscheint so fein, dass man im ersten Augen blick /weifein möchte, ob dieser Zug in der Natur auch wirklich von dem nicht wissensehafltich gebildeten, nur intuitio die Natur durchschauenden Naturmenschen gefühlt werden konnte. Und dennoch können wir es ihm nachemptimlen. wie er in der Natur das einför-, mige Leben. Gedeihen und Vergehen der Pflanzenwelt fühlend schaut. Da erscheint keine Veränderung in ihrem täglichen Leben; nur die Einflüsse von aussen ändern sich mit Anbrechen der Nacht und aufgehendem Tage; dagegen wird er an dem Tliiere an sich selber inne. wie dieser vierundzwanzigstiindige Wechsel von Tag und Nacht mit seinem eigensten Organismus harmonirt. wie er in diesen Kreislauf der Gestirne gebannt ist mit seiner Thatkraft und ihrer Krschlnft’ung. Dasselbe Naturgefühl spricht der 104. Psalm aus. der in seinem ersten Theil. wo er die gegenwärtige Naturordnung im Lichte des Sc’ ' gsberichtes betrachtet, das 4.. ü. und <>. Tagewerk mit den Worten zusammen fasst: ..Du machest Finsterniss. dass es Nacht wird; da regen sich alle Tliiere des Waldes. Die jungen Löwen, die da brüllen nach llaub und ihre Speise suchen von Gott. Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen. So geht denn der Mensch an seine Arbeit und an sein Ackerwerk bis an den Abend.־• Wir haben hier die klarste Antwort auf die Frage, warum an den Wechsel von Tag und Nacht die Erschaffung der Thierweit sich anschliesst und zugleich die schönste BestiLtigung dafür, dass unsere Auffassung des Schöpfung«- berichte« als eines tiefen Blickes in die gegenwärtige Naturordnung und ihre Stufen die richtige ist. Der 104. Psalm selbst beruht auf dieser Betrachtungsweise Dieser Zug in der biblischen Naluranschnuung ist schön und tief; das wird Niemand leugnen, der sich in die Poesie der obigen Stelle versenken kann. Enthält er aber auch Wahrheit? Die Naturforschung antwortet, mit einem entschiedenen Ja. Selbstverständlich werden nicht irgend welche Einflüsse der Nacht auf die Pflanzenwelt in Abrede gestellt. Da diese einmal in die allgemeine Naturordnung, zu der auch der Wechsel von* Tag und Nacht gehört, eingeordnet ist, und da in der Natur Alles auf Jedes und Jedes auf Alles wirkt, so wird das Pflanzenleben auch durch diesen Wechsel berührt und modifizirt. Die Behauptung der Bibel und der Naturwissenschaft geht nun dahin, dass zwischen dem Organismus der Pflanze und dem Wechsel von Tag und Nacht innerhalb 24 Stunden keine Harmonie besteht, während das Thierleben in engster Harmonie mit jenem Lauf der Gestirne an jedem Tage einen Kreis durchläuft von Wachen und Schlafen, entsprechend dem Wechsel von Tag und Nacht. -- Drücken wir diese Thatsaclie in der Sprache des kopernikanisclien Weltsystems aus. Des Menschen Wachen und Schlafen vollzieht sich nicht entsprechend dem jährlichen Umlauf der Erde um die Sonne auch nicht entsprechend dem Umlauf des Mondes um die Erde, sondern sein Organismus ist mit der Umdrehung der Erde 11111 ihre eigene Achse aufs Engste verflochten; er kann nicht dreiviertel Jahr, nicht dreiviertel Monat wachen und nicht ein viertel Jahr, ein viertel Monat schlafen, sondern sein Organismus ist derartig konstruirt, dass er dreiviertel Tag wacht und ein viertel schläft. ־— Die Mittelglieder zwischen der Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse und dem täglichen Kreislauf des menschlichen Organismus hat die Wissenschaft bis jetzt nicht anniihrned erforscht; nur die Thatsaclie, dass hier eine Harmonie existirt. steht fest und ist von der Biebel in der Stellung des vierten Tagewerkes als Zwischenstufe zwischen Pflanzen und Thierwelt ausgesprochen und vom 104. Psalm anerkennend be- «tätigt. Von dieser Naturbetrachtung fort müssen wir uns beim vierten Tagewerk noch gegen einen nicht pliiliströsen Eimvand wenden, den man aus der Planeten- Stellung der Erde gegenüber der Sonne als Fixstern entnommen hat. Man sagt: ,,Die Astronomie hat die Anmassung der Erdbewohner zerstört, ihren Planeten und sich selbst nicht blos als Mittelpunkt des Sonnen- Systems, sondern der ganzen grossen Fixsternen weit zu betrachten; denn sie bildet gegen diese nur einen verschwindend kleinen Teil, einen Tropfen im Weltmeer. und man müsste z. B. anderthalb Millionen Erden zusammen ballen, um nur eine einzige Sonne zu bekommen.־־ Wir erwidern dagegen: welche Anmassung ist es. den Massstub des Grossen und des Kleinen, der fiir die Astronomie seinen Werth hat, auch auf die geistigen Verhältnisse ausdehnen zu wollen! Diese Anmassung ist nur erklärlich, wenn man nur Materie kennt und keinen Geist. Wie winzig ist der Mensch, wenn wir die Gewichtsmenge aller menschlichen Körper auf Erden zusammeurechneten, im Vergleich zur Thienvelt, oder gar gegen den grossen Erdball; und doch ist er faktisch ihr Herr. Und wieder: wie gross ist der Mensch, welchen Raun! nehmen die Anne und Beine ein: und siehe da — wir werden materialistisch — ein wenig Nervensubstanz im Gehirne, vielleicht ein einzelnes, mit allen Mikroskopen nicht wahrnehmbares Atom, ist der Herr dieses grossen Leibes; der mit seinen Gedanken über die Erde und in die Sternenweit schweift! Mag immerhin die Sonne der Mittelpunkt jener ungeheuren Dunstmusse gewesen sein, dessen Rollen um sich selbst die Planeten aus sich entlassen hat, - und doch halten wir die Sonne der Erde durchaus untergeordnet, dienstbar. Die Mathematik ist nur Dienerei, aber nicht Richterei der Naturbetrachtung. ('oothci,, iia .11111111111902 ׳. I>r. It. Sei ick<>" i 1 /.. 41