Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 1. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 seines Wesens und göttlichen Inhalts zu erwecken. So 8011 mm die Welt eine harmonische Erscheinung des Menschengeistes werden; dann wird sie in Wahrheit ein Kosmos d. h. ein Kunstwerk, nicht blos Gottes — das ist sie von Anfung an — sondern auch des Menschen, des Ebenbildes Gottes. Die Kunst der Griechen hat daher nur solange in ßlüthe gestanden, als diese ideale Verklärung zu Grunde ging, sank auch die Kunst, diente zur Lust der Menschen und konnte nicht mehr aus dem Born idealer Schönheit, sondern nur noch aus der prosaischen Wirklichkeit schöpfen. Der Inhalt der Kunst ist freilich die wirkliche Welt und die Natur; aber sie verliert ihr göttliches Wesen, wenn sie nur Nachahmung der Natur wird und nicht mehr die Kraft hat, die Welt mit dem Aetherliclit der Verklärung zu umgeben. Die herrlichsten Werke der Kirnst sind aus einer Begeisterung erwachsen, die sich in die Welt des ewigen Lebens hinübergeschwungen und von dort Kräfte verklärten ewigen Lebens empfangen hatte. Wo ßeliginn und Anbetung Gottes ist, da ist auch Glaube an die Verklärung der Welt. Das moderne Hoidentlmm. das die übernatürliche und persönliche Natur der Gottheit leugnet, hat nur Spott über diesen Glauben und zeigt sieh darin nicht nur gänzlich gottlos, sondern auch unfähig, die Kunst in ihrem tiefsten Grunde und in ihrem wahren Wosou zu erfassen. Ein gleiches Verhältnis« ergiebt sich, wenn wir die Parallele ziehen in Bezug auf systematische Wissen- Schaft und Philosophie bei den Hebräern. Das Volk der Hebräer, so unfähig zu philosophieren, hat dennoch ein tieferes Princip der Philosophie, als selbst Plato. Ohne Methode der Erkenntnis«, ohne Dialektik und ohne alle philosophische und wissenschaftliche Anlage, wie sic den Griechen und Römern eignete, hat dieses Volk einen offenen Sinn gehabt für die überirdische Welt, den Urgrund alles Seins, ein offenes Herz für den allmächtigen Gott, in dem allein die Gründe und Zwecke alles Seins und Werdens, darum auch aller Erkenntniss ruhen. Und warum musste dies so sein? Warum musste das unphilosnphische Volk das letzte Princip aller wahren Philosophie der Welt mittlieilen? Weil das höchste Leben und die höchste Wahrheit nicht zuerst intellektueller, sondern ethischer Natur ist, weil die tiefste Wahrheifserkenntniss des Menschen nicht in seinem Verstand und in seiner Vernunft, sondern in dem sittlichen und religiösen Mittelpunkt seines Wesens, in dem Herzen liegt, das gut und böse unterscheidet. Mit Recht sagt Steinthal (Zeitschrift für Völkerpsvchologie I, (>,040): ״Dächten wir uns die Griechen noch begabter, als sie waren, so hätten wir vielleicht zehn Sophokles und zehn Phidias statt des einen, oder vielleicht noch schönere Tragödien und vollendetere Bildsäulen. aber keinen — Monotheismus.•' Denn der Monotheismus besteht nicht in der philosophischen Ansicht, dass die Gottheit, als das Absolute, die Einheit des Idealen und Realen, die höchste Idee und zugleich die unendliche Ursache alles Endlichen sei; zu dieser phantastischen Spekulation und Abstraktion bringen es freilich die andern Völker. Indem aber so ein ab- Struktur Gott gefunden wird, verliert man ihn zugleich. Denn dieser Gott ist wohl ein philosophisches Absolutes aber im Sinne des Volkes der Offenbarung nur ein Gedankenriug und ein Götze. Er ist weniger als ein Mensch, denn er ist kein Ich; er ist weder Liebe noch Gerechtigkeit, noch Heiligkeit; denn dies alles setzt eine Persönlichkeit voraus. Den lebendigen und heiligen, allmächtigen Gott, der die Liebe ist, hat nur das Volk Israel erkannt, weil es mit ihm in Gemeinschaft gestanden hat. Die Hebräer haben nicht in gemeinschaftlichem Suchen nach Lösung der Rüthsei zu forschen und darüber zu philosophieren angefangen, sondern die Furcht Gottes ist bei ihnen Anfang und Ende, Prinzip und Zweck aller Weisheit. Die Schilderungen von Thieren und Naturvorgäugen, die das Buch Hiob enthält, haben durchaus keinen wissenschaftlichen Zweck, sie dienen nur dem Beweis der Erhabenheit und der Macht Gottes; und diese Eigenschaften Gottes werden grade durch die Unbegreiflichkeit jener Dinge, die ein Erkennen unmöglich macht, für das Gefühl der Menschen gesteigert. Die Frage, wie das Uebel, das den Menschen trifft, zu seiner Rechtschaffenheit und wiederum zu Gottes Gerechtigkeit sich verhalte, ist der Inhalt des Buches Hiob, das den Gipfel hebräischer Philosophie enthält. Aber es wäre sehr übel gethan, dieses Buch ein philosophisches zu nennen Das Buch enthält nicht Spekulationen, sondern Erfahrungen; es enthält nicbtTheorie, sondern Leben, nicht Philosophie, sondern Religion. Die Gedankenbewegungen darin sind den Herzens- und Gennithsbewcgungen untergeordnet; so sind auch die Rätlisel der Natur, die darin auftreten, den Räthscln des religiösen Lebens untergeordnet, und da sie in ein unmittelbares Verhältnis« zur Allmacht Gottes gesetzt werden, so liegt für Hiob, wie für den Hebräer überhaupt, in ihnen keine Schwierigkeit, also auch keine Aufforderung zur Wissenschaftliehen Erforschung. Die Hebräer sind ein Volksstamm ohne die Wissenschuft der Philosophie, und dennoch kommt von ihnen die Erkeuutniss der höchsten aller Wahrheiten, des .Princips der volllkommenen Philosophie. Denn die höchste Wahrheit kann nur auf eine ethische Weise erkannt werden, durch Glauben und Liebe, weil sie Gott selbst ist. l'i'itlirn, im .lammr ll>02. 1 >r. II. Seli };ko w i t z. Bemerkungen zum ״Midrasch Schir-hasch-Schirim sutta“. Von Rabliiucr 1 >r. (i 01 <1 f :11111. Am 13. Januar vollendet der um die Edition bandschriftlicher rabbinischer Werke so hochverdiente Herr Salomon Buber in Lemberg sein 75. Lebensjahr! Da seine Ausgabe des .,Midrasch sutta“ zu den vier Megilloth: Sch. 11. Sch., Ruth, Eelia und Koheletli (Berlin 1894) erst im Mai 1895, während welcher Zeit im Erscheinen des ״Jüd. Litteraturbl.“ eine Unterbrechung eingetreten war, zur Versendung gelangte, eine Besprechung des Werkes in diesen Blättern daher nicht erscheinen konnte; so dürften die nach-