Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 1. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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weltbeherrschenden zu machen. Aber noch ehe dieser Staat, wie alles Irdische, zu Grunde ging, und noch ehe er die Religion mit in die Vernichtung hineinziehen konnte, hatte sich diese schon in ihrer Unzulänglichkeit erwiesen. Der römische Staat setzte die Götter ein; da aber seine Götter nicht mehr im Stande waren, ihn zu erhalten, schaffte er die alten Götter ab und warf sich einem neuen Glauben in die Arme. Betrachten wir nach dieser Auseinandersetzung das positive Verhältniss der Hebräer znr bildenden Kunst und systematischen Naturwissenschaft und Philosophie. Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Hebräer des Sinnes und der Befähigung für diese Gebiete ermangelten. In der Plastik und Malerei haben die Hebräer nichts geleistet. Wenn nun auch bei ihnen das religiöse Gesetz die bildende Kunst entweder beschränkte oder gänzlich verbot, so fand dadurch keineswegs eine widernatürliche Verkümmerung vorhandener Anlagen statt, sondern das göttliche Verbot stimmte durchaus mit dem eigenthiimlichen Wesen des Volks- Stammes, dem es gegeben war. Indem den Hebräern verboten worden, das göttliche Wesen im Bild darzustellen, wie es die umwohnenden Völker gewohnt waren, wurde ihnen und der bildenden Kunst durchaus nichts entzogen, sondern nur die Welt von einer Vennehrung missgestalteter Götzenbilder bewahrt. In der Poesie, die eine geistige Zusammenfassung und Wiederholung der Plastik und Malerei ist, bemerken wir dasselbe Verliältniss der Hebräer. Für Epos und Drama, die Wurzel und höchste Bliitlie der Poesie, scheint ihnen Sinn und Anlage zu fehlen. Nur da, wo im Innersten des menschlichen Geistes die Kunst mit der höchsten Lebensmacht, mit der Religion und den ihr verwandteil sittlichen Mächten, sich unmittelbar berührt, da zeigt sich auch der hebräische Volksstamm ihrer fähig. Hierher gehören die Psalmen, nach ihrer poetischen und• musikalischen Seite, das Hohe Lied und das Buch Hiob. In gleicher Weise fehlt den Hebräern Philosopliie und Naturwissenschaft. Der systematisch-wissenscliaftliche Sinn, das Streben nach objektiver Erkenntniss der Welt und ihrer Erscheinungen fehlt dem Hebräer ganz. Der Hebräer führt alle Erscheinungen der Natur sogleich auf den letzten Grund alles Seienden, auf Gott, zurück. Er nennt den Donner die Stimme Gottes. Gott führt die Sterne hervor, und bestimmt ihre Bahnen, er schüttet im Regen die Schläuche des Himmels aus. Die Naturschilderungen in der Bibel dienen nur dem Beweis der Erhabenheit und Allmacht Gottes. Sind wir aber vom völkerpsychologischen Standpunkt berechtigt, diese Erscheinung als einen Mangel des hebräischen Volksstammes zu betrachten? Allerdings ermangelten die Hebräer der bildenden Künste; und ebenso fehlen ihnen die vornehmsten Gattungen der Dichtkunst, des Epos und Drama. Israel aber, das Volk der Offen barung, konnte und sollte auch kein Epos haben. Denn seine ursprüngliche heilige Geschichte durfte nicht willkürlich von dem epischen Dichter nach Kunstgesetzen umgestaltet werden; sie war heilige, unantastbare Geschichte. Noch weniger durfte seine Vergangenheit in ein gegenwärtiges Drama umgewandelt werden. Das hebräische Volk bedurfte auch weder eines Epos — denn viel mehr als das, was der Grieche an seiner dichterisch verklärten Vergangenheit hatte, besass Israel an seiner Heilsgeschichte — noch eines Dramps, denn es stand in einem gegenwärtigen Verhältniss zu Gott, der ihm durch seine Propheten eine herrliche Zukunft verhiess. Die hebräische Prophetie ersetzt die dramatische Poesie, wie die heilige Geschichte das Epos. Der Prophet erhebt sich über den Jammer und das Elend der Wirklichkeit nicht, wie die dramatische Poesie in eine scheinbar gegenwärtige ideale Welt, sondern in einen vollkommenen Zustand der Zukunft. Mit der Verherrlichung Israels und der Verklärung der Welt schliesseu alle Propheten. Das ist die Welt, die Gott schaffen will, und die Propheten schildern sie als Sprecher Gottes voraus. Besitzen die Hebräer einen so bedeutenden Ersatz für die mangelnde Kunst, so können sie auch nicht in einem blos negativen Verhältniss zu ihr stehen. Iin Gegentlieil sind sie es, die den tiefsten Grund, das wahre Wesen und den letzten Zweck aller wahren Kunst der Menschheit offenbart haben. Das kann auch nicht anders sein. Denn wenn das Wesen der Gottheit und wiederum das innerste und ewige, gottebenbildliche Wesen des Menschen von ihnen erkannt worden ist, so muss damit zugleich das Wesen der wahren Kunst, dieser hohen und edlen Thätigkeit des Menschen, offenbar werden, auch wenn es ihnen selbst ein Geheimniss geblieben sein sollte. Das Wesen der wahren Kunst, wie es nicht die Griechen, das kunstbegabte Volk, zu erkennen vermochten, liegt in folgenden Wahrheiten der israelitischen Religion: in der Weltschöpfung Gottes, in der Gottebenbildlichkeit des Menschen und in der Verklärung der Welt. Erst wenn man die Kunst mit diesen Wahrheiten in Zusammenhang gebracht hat, wird ihre ewige und göttliche Bedeutung offenbar. Indem Gott, der Ursprung alles Schönen, die Welt schuf, machte er sie zum schönen Ausdruck seines Geistes. Als das Ziel und als Herr der Welt ward der Mensch geschaffen: und wie er das Bild Gottes an sich trägt, so soll die ganze Welt zum Bild des Menschen verklärt werden; die ganze Welt 8011 in der Kunst eine durchaus menschliche werden; der Fels soll in der Architektur menschliches Maass und Harmonie und Rhytmus empfangen; die Landschaft in der Malerei soll menschliche Stimmungen und Gefühle aussprechen; der Marmor in der Plastik soll, von Aetherlicht umflössen, unvergängliche Menschengestalten aus den Händen des Künstlers hervorgehen lassen. Und wie in den bildenden Künsten das Aeussere der Dinge zur Erscheinung des Menschengeistes gemacht wird, so tritt in der Musik auch das Innere des Körpers in den Dienst des Menschen, um sem innerstes Gefühlsleben harmonisch auszudrücken. Die Dichtkunst endlich lässt noch einmal das All der Dinge in menschlich verklärter Gestalt als die praktische Welt erscheinen, die der Mensch durch ein gottebenbildliches Aussprechen des schöpferischen Wortes, des Dichterwortes, schafft. Was nun die Kunst als ewiges göttliches Ziel erstrebt, das umschliessen die inhaltschweren biblischen Begriffe der Herrlichkeit und Verklärung. Die ganze Natur ist auf den Menschen hin geschaffen, um einen Ausdruck