Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 26 (1902)
- Issue
- No. 1. (1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Bedürfnis» ans, Aristoteles das philosophische — und beide in Einklang miteinander zu setzen, war die Hauptauf gäbe der bevorzugtesten Geister. So entwickelte sich durch alle Perioden, welche die Wissenschaft der Schriftauslegung durchlief, ein doppeltes Bestreben, neben dein richtigen grammatischen auch das religionaphilosophische Verstündniss zu gewinnen. Jenes hatte es mit «lern Wortsinn, dieses mit dem Lehrinhalte der heiligen Schrift zu thun, jenes bearbeitete das Feld der hebräischen Linguistik und Lexicographie, dieses das Gebiet der Glaubens- und Sittenlehre. In der ersten Periode (950—1050) ist die grammatische Riehtung überwiegend, die hebräische Sprache wird ungemein bereichert und erhebt sich zu einer Bildsamkeit, von welcher die morgenländischen. mit dem Talmud beschäftigten Gelehrten keine Ahnung hatten. In der darauf folgenden Periode (1050—1300) bewegt sich die biblische Exegese bereits auf sicherem Boden, denn die grammatikalischen und lexikalischen Vorstudien sind gemacht; auch in der Religionsphilosophie wird Grosses geleistet; es ist die Glanzzeit der Schriftauslegung, die Zeit der Vollendung. Doch auch der Keim des Verfalls ist schon gelegt. Der giftige Wurm der Kabbala nagt bereits am innersten Mark und zerfrisst die Seele der gesunden, blühenden Exegese. Diese letztgenannte Periode ist es, in welche das Leben uud Wirken des Rabbi Mose ben Nachman (Nachmanides) fällt. Bevor wir auf seine exegetische Thätigkeit näher eingehen, vergegenwärtigen wir uns das Bild der religiösen Strömung der Zeit kurz vor seinem Auftreten. Denn seine literarische Wirksamkeit erhält erst Richtung und Gepriige von dem Charakter seiner Zeit, diese bildet gleichsam den Commentar zu seinem Oommentare. : Kurts. fol>;t.) Das hebräische Volk in seinem Verhältniss zur bildenden Kunst und zur Wissenschaft. Es ist für jeden Menschen die wichtigste Frage, ob er in seiner ganzen Entwickelung dem unveränder liehen und unzerstörbaren Leiter seines Wesens, der unausweichlich, wie die Magnetnadel nach dem Pol, 80 nach Gott hin weist, und den wir das Gewissen nennen, die Herrschaft über die Mannigfaltigkeit aller geistigen Bewegungen übergeben will oder nicht. Dieser Leiter des menschlichen Wesens ist eine Stimme, die unablässig und unveränderlich dasselbe ruft und in ihrer Unveränderlichkeit den Eindruck macht, dass sie aus der Ewigkeit stamme und darum ewig sei. Auch darin ist diese Stimme eintönig, dass sie als unveränderlicli sich selbst gleicht, in Bezug auf sich keinen Unterschied der menschlichen Stellung an inneren wie an äusseren Vorzügen gelten lässt. Ihr gegenüber erscheinen alle Menschen absolut gleich. Gerade weil vor ihr alle irdischen Vorzüge verschwinden, behauptet sie, dass sie sich auf das innerste und eigentlichste Menschenwesen beziehe und es von seiner ewigen Seite erfasse. Hiermit hängt auch ihr Anspruch zusummen, die Herrschaft über die mannigfaltigen Stimmen zu führen, die sich ausser ihr im Inueru des Menschen vernehmen lassen, den Grundton darzustellen, wenn anders eine wahre Harmonie aus dieser Menge von Tönen entstehen solle. Auch andere Stimmen nehmen in Anspruch, den Reigen menschlicher Thätigkeiten anzuführen. Reizend und anziehend ist die der Phantasie uud der kirnstlerischen Gestaltung; sie fordert auf, allen Thätigkeiten des menschlichen Wesens als letztes Ziel das Schöne und Anmuthige zu setzen, uud wenn darüber jene oft ernste und düstere Stimme verstummen müsse und ihre Forderungen abgewiesen würden Sie sagt, wenn nur die schöne und erhabene Ausgestaltung des menschliehen Wesens und Lebens der letzte Zweck unseres Daseins ist. so dürfe als Mittel auch die Uebertretung jenes einen Gebotes des Gewissens stattfinden; die Uebertretung sei sogar geboten, weil das Schöne nicht ohne Mannigfaltigkeit der Gegensätze und ohne den Durchgang durch den Widerspruch erreicht wird, wie zum vollständigen Musikstück auch die Dissonanzen gehören. So haben die Griechen ihr Gewissen in der Phantasie und in dem Streben nach Schönheit untergehen lassen; und weil ihre Religion das Göttliche mit dem Menschlichen vermischte, ist sie dem Schicksal alles Menschlichen, dem Untergang, verfallen. Die Dichter und Künstler Griechenlands haben die Religion ihres Volkes geschaffen, wie Herodot sagt; mit ihnen ging auch die Religion der Griechen zu Grunde. Wie Homer die Götter geschaffen, so hat sie Lucian vernichtet Wiederum eine andere Stimme im Menschen ti'itt auf, ernst und selbstbewusst, nicht ohne den Anspruch auf Vorrang. Es ist die Forderung, alle menschliche Thätigkeit auf den Einen Zweck hinzurichten: auf das Forschen nach der Wahrheit und dem letzten Grund der Dinge. Sie macht für ihren absoluten Werth geltend, dass wer ihr gehorche, dem eitlen Treiben der grossen Masse entsagen und seine Kräfte wie seine Zeit in den ernsten Dienst der Wahrheit stellen müsse. Soweit die Sünde dem Suchen nach Wahrheit nicht hinderlich sei, soweit sei sie keine Sünde. Denn nach der Lehre dieser Stimme giebt es nur eine Sünde: die Sünde an der Wissenschaft. So ist die Religion Indiens von der Philosophie verschlungen worden, und noch ist sie in dieser Gestalt vorhanden. Aber gerade ihr Vorhandensein lässt recht erkennen, wie furchtbar der Mensch gegen sich selbst wiithet, wenn er an die Stelle eines göttlichen Geschenks die eigene Gabe setzt. Noch andere Stimmen werden im Innern des Menschen laut; eine vierte Stimme stellt die Herrschaft über die Erde und den Besitz als den letzten Zweck des Menschenlebens auf. So haben die Römer die Religion zur Dienerin des Staats gemacht, und gemeint, ihre Stellung sei hoch genug, wenn sie dazu diene. Roms Volk zum