Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 12. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
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93 mag die ungewöhnliche Redewendung הנפש אשר עשו entscheidend gewesen sein. Den Besitz von Knechten und Mägden wollte Onkelos darunter nicht verstehen, weil die hl. Schrift noch nicht berichtet, Abraham habe Viehheerden besessen. Hier ist nur ganz allgemein die Rede von כל רכושם אשר רכשו, von mobilem Vermögen, welches nicht die Verwendung von Knechten und Mägden erheischte. Daraus ergab sich für Onkelos . der Anlass, die obigen Worte nicht in einfachem Sinne, sondern nach Analogie des Midrasch in religiös-ethischem Sinne zu fassen und zu paraphrasiren: 1&שתא דשלבידו באוריתא. 2. I. B. M. c. XXIII, 6. שמעני אדני. Onkelos übersetzt ״ רבוננאunser Herr!“ Adler wundert sich mit Recht darüber, dass anscheinend ganz unmotivirt der numerus pluralis statt des singularis hier gebraucht wird. Adler sucht in seiner Glosse z. St. diese Frage umständlich zu beantworten. (Vergl. die Glosse ib.) Vielleicht ist der numerus pluralis deshalb gewählt, um dem Abraham zu zeigen, in welcher hohen Achtung er bei allen Bewohnern der Stadt gestanden. Nicht nur der Redende erkennt ihn als seinen Herrn an, sondern der Redende spricht gleichsam im Namen Aller Abraham als ״unsern Herrn“ an. 3. I.B.M. c. XXIII, 13. אם אתה לו שמעני. Onkelos paraphrasirt diese Worte mit: אם את עבד לו טיבו קבל מני. Mit Recht bemerkt Nathan Adler in seinem Targum- Commentar z. St., עבד לי טיבו sei die Paraphrase des Wörtchens לו. Auch der Accentsetzer schliesst mit לו den Vordersatz ab, während mit שמעני der Nachsatz gebildet wird. Raschi, Ibn Esra, Nachmanides und fast alle mittelalterlichen Erklärer erblicken im Wortchen לו eine (Jonditionalpartikel, analog dem vorangebenden אם. Dadurch wird die Stelle aus logischen und syntaktischen Gründen zu einer crux interpretum. Vergl. die Erklärung Raschi’s und die der andern mittelalterlichen Commentatoren z. St. Die kategorische Imperativform שמעני kann nicht als Bedingung aufgefasst werden und verträgt nicht die Construction mit אם und לו Die ältern Uebersetzungen er. der Accentsetzer erblicken mit Recht in den Worten: אד אם אתה לו den Vordersatz und in שמעני den Nachsatz. Die Septuaginta übersetzen: ärcetSrj 7tpd; dpoü el, äxouadv pou. Sie lesen demnach:אך אם אתה לי♦ Sollte Onkelos in seiner Verlegenheit vom massoretischen Texte abgewichen, der Version der Septuaginta gefolgt und לי paraphrastisch durch עבד טיבו erläutert haben? Wir sind der Meinung, Onkelos habe auch hier lediglich den massoretischen Text respectirt. Wolff Heidenheim geht — was Adler nicht beachtet hat — in seinem הבנת המקרא sehr gründlich auf unsere Stelle ein. Schon er vertritt die Ansicht, welcher auch wir uns anschliessen, לו sei hier ein nomen adjectivum, wenn auch vielleicht ein dhcal־ leydpevov, von der Wurzel לוה (vergl. ילוה אישי} und bedeute etwa ״verbindlich“. ״Wenn du verbindlich sein willst (sc. mir), mich höre an!“ Diese knappe, kurze ungewöhnliche Redewendung ״ לוverbindlich“ paraphrasirt Onkelos zum leichtem Verständnisse des hörenden und lesenden Volkes in seiner Weise mit: אם עבד לי ט*בו» Damit schwindet in unserem Satze jede logische Schwierigkeit und syntaktische Unregelmässigkeit. Dr. Immuuuel Deutsch. Litteraturbericht. Recensionen. Dr. Fr. Frank, katholischer Pfarrer in Königshofen (Unterfranken.) Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und der Gerechtigkeit. (Regensburg 1901, Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz, Gr. 8°, VIII u. 327 Seiten.) Schon in seinen früher erschienenen Werken: ״Die Schächerfrage vor der Bayerischen Volksvertretung“ (Würzbürg, I.!eo Woerl, 1894, Gr. 8* 46 S.) und ״Die Kirche und die Juden“ (Regensburg, 1893 G. J. Manz, Gr, 8°, VII tu 88 S.), bekundet der Herr Verfasser sein Streben und Forschen nach Wahrheit und in seinem neuesten Werke weist er nach, dass das Judenthum immer nur durch falsche und grundlose Beschuldigungen zu leiden hatte und dass das Blutmärchen nicht nur auf Aberglauben beruhe, sondern eine lügenhafte Erfindung der Antisemiten sei. Fest und sicher tritt Dr. Frank diesen Anklagen entgegen. In der Einleitung zu seinem gross angelegten Werke schreibt er: ״In der Gegenwart will man ans glauben machen, dass ein gewaltiger, ganz unerhörter Umschwung in den religiösen Anschauungen und Gebräuchen der Juden eingetreten sei; während bei allen Völkern, unter denen die Juden gegenwärtig wohnen, die Menschenopfer längst abgeschafft sind, die Darbringung derselben als Mord, Verbrechen, Wahnsinn betrachtet wird, sollen die Jaden die Abschlachtung von Christen als eine religiöse, dem wahren Gott wohlgefällige Handlung betrachten, und besonders zur Osterzeit darauf ausgehen, Christliebe Kinder zu fangen und rituell abzuschlachten; welcher gewaltige Umsturz aller religiösen Begriffe und Anschauungen im jüdischen Volke muss da vorausgegangen sein, ehe ein solcher Gebrauch, wie der Ritualmord, bei ihm Eingang finden und sich einbürgern konnte! Weise die Geschichte uns einen Zeitraum anzngeben, in welchem diese geistige Revolution sich vollzogen hat? Nein! Mir wenigstens ist es nicht gelungen, eine solche Zeit in der Geschichte aufznfinden. Sind die Jaden vielleicht Götzendiener gewordeu, wie in den alten Zeiten, da sie den Götzen Menschenopfer darbrachten? Nein! Seit der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft sind die Judeu, wie die Geschichte bezeugt, nie mehr zura Götzendienste zurückgekehrt. Haben die Juden vielleicht ein anderes Gesetz angenommen, in welchem die zehn Gebote, insbesondere das Gebot: Dn sollst nicht tödten, nicht mehr enthalten sind? Nein! Zwar sind die steinernen Gesetztafeln, auf welche die zehn Gebote geschrieben waren, nicht mehr vorhanden, aber die zehn Gebot« selbst, wie sie auf dem Berge Sinai gegeben wurden, gelten den Juden auch heute noch als hochheiliges, göttliches Gesetz; oder hal>en die Judeu vielleicht ihre heiligen Schriften abgeändert und vielleicht die Strafeu daraus entfernt, die Gott für Menschenopfer angedroht hat? Nein! Mit ziemlicher Sorgfalt hütet das Judenvolk seine heiligen Schriften; alle Buchstaben in ihnen sind gezählt, dass keiner derselben verloren geht. Und trotzdem sollen die Juden, die Thora, das göttliche Gesetz und die heilige Schrift vor Augen, ihre Mitmenschen, die wie sie nach Gottes Ebenbild geschaffen sind, kaltblütig tödten, rituell abschlachten, also Menschenopfer durbringen? Wie ist das möglich? Das weiss ich nicht. Und so lange mir nicht ein Anderer eine befriedigende Antwort auf diese Frage geben und den Widerspruch lösen kann, der zwischen dem Ritualmord und den heiligen Schriften und dem göttlichen Gesetze liegt, bleibe ich bei meiner Ueberzcugnng, die jeder Kenner der jüdischen Geschichte mit mir theilen wird: ,,Es ist unmöglich, dass ein Jude, der bei gesundem Verstände ist, den Ritualmord billigen, ein Jude, der sein göttliches Gesetz nicht vollständig verleugnen will, einen Ritualmord verüben kann.“ Hierauf geht Herr Dr. Frank daran, ״den Blutgenuss“ historisch zu beleuchten. Er bringt Beweise aus Ovid,