Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 12. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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91 gute Trieb verstanden. Er heisst ״Kind“ (Knabe), weil er sich erst vora 13. Jahre an dem Menschen zugesellt; ״arm“, weil nicht alle auf ihn hören; ״weise“, weil er den Menschen auf den rechten Pfad leitet. — Unter dem alten und thörichten Könige ist der böse Trieb verstanden. Er heisst ״König“, weil alle auf ihn hören, ״alt“, weil er sich dem Menschen von seiner Geburt bis ins Greisenalter beigesellt, und ״thöricht“, weil er ihn den Weg zum Bösen führt; ״der sich nicht warnen lässt“, d. h. er weiss nicht, wie viel Schmerz und Leid seinetwegen über ihn kommen und er nimmt sich vor ihnen nicht in acht, lässt sich dadurch nicht warnen. ״Aus dem Gefängnisshause kommt er herauB um zu regieren“ er verleitet, versteckt unter Dornhecken, die Geschöpfe, ״auch in seiner Herrschaft wird der Arme geboren“ d. h. auch unter der Herrschaft des guten Triebes dehnt der böse Trieb sein Gebiet aus“*) Hieronymus nennt den ״guten Trieb“ den ״innern Menschen“, der nach dem 14. Lebensjahre, dem der Pubertät, in uns zu wirken beginnt; den ״bösen Trieb“ bezeichnet er als ״äusseren Menschen“, der mit dem Menschen geboren wird und vor keinem Laster zurückzuweichen versteht. Der aus dem Gefängniss des Mutterschosses heraustritt, um unterLastern zu herrschen, der aber in seiner Herrschaft doch ein Armer geworden ist, dadurch dass er alle Uebel zu erstreben sucht. Zum besseren Verständniss dieser Stelle muss man die agadische Auslegung von Kohelet IX, 14,15, die mit der oben angeführten einige Berührungspunkte hat, vergleichen. Wir stellen den hebr. Text (nach Nedarim 32b) dem latein. des Hieronymus gegenüber: Hebraeus ita liunc locum interpretatus est: ״Civitas parva“, homo est, qui etiam apud pliilosophos minor mundus**) vocatur ״et viri in ea pauci“, membra, de quibus homo contexitur ״cum autem venerit adversus eam rex magnus“ diabolus***) ״et quaesierit locum per quem possit irrumpere ״invenitur in ea humilis et sapiens“ et quieta cogitatio interioris hominis ״et servat urbein“, quae obsessa ab hostibus cingebatur. ״Cumque homo de periculo, sive persecutionis, sive angustiarum, sive cujuscunque adversae rei atque peccati fuerit erutus, homo Ule exterior, qui inimicus est illius pauperis hominis et sapientis, non recordatur interioris hominis, nec subdit se consiliis ejus, 8ed rursum fruitur libertate. *) Wünsche übersetzt ungenau: Kommt (1er gute Trieb zur Herrschaft, so ist die feindliche Macht längst geboren. **) Mikrokosmos .אדם עולם קטן הוא השמן הוא יצר הרע (••*• t) Im Jalkut z. St. II, 679 תורה — Im Midr. Kobel, r. z. 8t. sind einige Zusätze in der Mitte und Weglassungen gegen Ende. Eigenthümlich•ist es, dass Hieronymus hier sowohl, ,wie oben, den guten Trieb im Menschen ״homo interior“ (״den innern Menschen“) und den bösen Trieb ״homo exterior“ (äussern Menschen) nennt; sein jüdischer Lehrer scheint ihm diese Begriffe unter diesem Bilde klar gemacht zu haben, dass der Mensch gleichsam das unverdorbene reine Ideal des Guten in sich trage und nur durch Berührung mit der Aussen weit und ihren Beizen den sinnlichen Verlockungen unterliege, zum Weltmenschen werde. Es ist wohl zweifellos, dass die Erklärungen beider Stellen (Koh. IV, 13—14 und IX, 14—15) von einem und demselben Autor herrühren, denn sie athmen einen Geist und die der zweiten Stelle setzt die erste voraus. Hieronymus’ jüdischer Lehrer nennt als den Autor der ersten Stelle Babbi Akiba (od. Berechja), nach dem Talmud (Ned. a. a. 0.) ist Bami (d. i. Babbi Ami) b. Abba der Autor der zweiten. Dieser B. Ami war nach Lev. rabba c. 2 ein jüngerer Zeitgenosse des B. Berechja und des B. Chanina (b. Jizchak), der als Beferent vieler agadischen Wort- und Verserklärungen der Bibel vorkommt; während andrerseits ß. Berechja nicht nur als selbstständiger Autor zahlreicher exegetischer und homiletischer Erklärungen von Schriftstellen ist, sondern ebenso häufig als Beferent von Interpretationen älterer Amoräer und Tannaiten — ja auch B. Akiba’s — auftritt. — Obwohl sich nuu auch der Nachweis, dass obige Kohelet-Erklärungen auf B. Akiba zurückzuführen sind, nicht strikt führen lässt, so muss man doch sagen, dass sie gerade ihres philosophischen Inhalts wegen recht wohl dem Geiste des tiefen Denkers entsprossen sein können, dem wirso herrliche religions philosophische Aussprüche uud Gleichnisse über das Wesen der Gottheit, der göttlichen Weltregierung, über Präszienz und das liberum arbitrium, wie die in Aboth 3,15 und 16 ererhaltenen, verdanken. Aus Hieronymus’ Commentar zu Micha. Von Dr. M. liahiuer (Schluss.) 27. VII, 4. Zu מבוכתם, das H.mit ״vastitas eorum“ i. e. liabitatorum übersetzt, bemerkt er: sive obsidio, Mebuckaenimmagis7coX׳.opxt'avet9poüpr;atv, idest, obsidionem et custodiam,quam vastitateminHebraeosonat. Hier scheint H. wieder nach dem Gehör etymologisirt und מבוכה mit מביקה (Nachum 2,11) ״Leere, Oede“ (vastitas) verwechselt zu haben, und dieses wiederum mit!*מצוקי (und מצוק), das allerdings mit TtoXiopxia von der LXX zu Jerem. 19,9 übersetzt wird. An unserer Stelle haben LXX, Syrer, Sy ui. und Tlieodotion das מבוכתם von ״ כבהweinen, klagen“ abgeleitet. Das Targ. ערכו להק (s. h. עיבוליהק nach Baschi z. St.), leitet es von ״ נבח״verwirren“ ab; 80 übersetzt es auch נבוכים (Exod. 14,3) mit מערבלין. Wie beide Verse (3 und 4 dieses Cap.) zur tulmudisclien Zeit gedeutet wurden, ist aus einer uns erhaltenen sogen. Fasten- oder Bussrede ersichtlich, אמר רמי בר אבא וכו׳ עיר קטנה זה נוף, ואנשים בה מעט, אלו אברים, ובא אליה מלך גדול, זה יצר הרע. ובנה פייה מצודים ום, אלו עונות ומצא בה איש רסבן והכם, זה יצר טוב, ומלט היא את העיר בחכמתו, זו תשובות! ומעשים טיבים, ואדם לא ובר את האיש המפבן ההוא, דבשעת יצר הרע לית דמדכר ליה ליצר טוב: