Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 10. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 Worten — vielleicht thaten sie hier gar des Guten zu viel — sie rafften sich aber nicht zu strafenden Thaten auf. So wären Eltern und Erzieher auch nicht ganz frei von Schuld zu sprechen. Bezeichnend mag in dieser Hinsicht das Beispiel des Priesters Eli sein. Seine entarteten Söhne verursachten ihm Gram und Herzeleid. Er züchtigte sie auch — aber nur ״mit der Zuchtruthe seines Mundes“. Gegen ihre Gewaltthaten und Schändlichkeiten hatte er Worte, Worte, nichts als Worte. So war auch er nicht ganz von Schuld bei den Verirrungen seiner entarteten Söhne freizusprechen Breslau im October 1901. I)r. Immanuel Deutsch Litteraturbericht. Recensionen. Ehrlich, Arnold. מקרא כפשוטו־ (Die Schrift nach ihrem Wortlaut). Scholien und kritische Bemerkungen zur heiligen Schrift. I. Theil: Der Pentateuch (384 S.) — II. Theil: Die prosaischen Schriften (470 . S.) Verlag der M. Poppelauer’schen Buchhandlung in Berlin. Den Vorwurf, welchen man den jüdischen Gelehrten wiederholt von christlicher Seite gemacht hat, dass sie, was ehedem ihr Vorzug und ihr Stolz gewesen, die Erforschung des Litteralsinnes der heiligen Schriften, das ganze Gebiet der alttestamentlichen Exegese, sich haben ans den Händen winden lassen, indem ihre grossen mittelalterlischen Exegeten der spanischen und französischen Schule fast ganz ohne Nachfolger blieben, ein Vorwurf, den erst jüngst wieder Dahlmann gegen uns erhob, hat der Verfasser des obigen umfangreichen bibel-exegetischen Werkes, Herr A. B. Ehrlich, z. Z. in New York wohnhaft, zu nichte gemacht, er hat — biblisch geredet — ״die Schmach von uns genommen“, dass wir unser heiligstes Erbe vernachlässigt, die wissenschaftlische Erforschung der Bibel uns nicht hätten angelegen sein lassen, als ob die Triebkraft bei uns versiegt wäre. Der Verfasser des vorliegenden Werkes widerlegt diesen Verwurf aufs glänzendste. Er ist ausgerüstet mit einem feinen Sprachgefühl und beherrscht auch die Schwestersprachen des Hebräischen, er kennt die bibelkritischen Probleme und dringt mit unbefangenem Sinn tief in den Wortsinn der heiligen Schriften ein; es gelingt ihm auch viele dunkle bisher unverstandene oder missverstandene Stellen in ein klares Licht zu setzen und dem Verständniss näher zu bringen. Er ist von inniger Liebe zu unserem heiligen Schriftthum beseelt, aber ebenso sehr von einem heissen Streben nach Wahrheit durchdrungen. Letzteres lässt ihn auch nicht vor der massoretischen Umzäunung des biblisehen Textes Halt machen, er weist nicht selten die irrthümliche Auffassung dieser ältesten Hüter des Schrift- Wortes nach und schreckt nicht vor einer Inversion oder Conjectur zurück. Unzweifelhaft ist der Verfasser nach S. D. Luzzatto, dessen 100 jähriger Geburtstag im vorigen Jahre vom Verbände der jüd. Litteraturvereine durch Herausgäbe eines Gedenkbuches begangen wurde, der bedeutendste jüdische Exeget; ja in zwei Punkten überragt er ihn; während Luzzatto nur den Pentateuch, Jesaja und einzelne Kapitel anderer Bücher commentirte, erstrecken sich die Scholien Ehrliche über alle 24 Bücher der heiligen Schrift — der III. Theil, die poetischen Bücher umfassend, hat soeben die Presse verlassen — und während Luzzatto's Kritik vor dem Pentateuch Halt macht, sind vor Ehrlich’s kritischem Auge alle Bücher der heiligen Schrift gleichwerthig. Schade ist es nur, dass Ehrlich (wie Luzzatto) sein dreitheiliges Werk in — wenn auch klassischem — Hebräisch geschrieben hat, dass den meisten christlichen Gelehrten nicht geläufig ist. Darum ist voranszusehen, dass diese davon keine Notiz nehmen und den alten Vorwurf trotzdem weiter wiederholen werden. Wir lassen einige Proben aus dem verdienstvollen und sehr gut ausgestatteten Werke hier folgen. Wer des Hebräischen mächtig ist, sollte sich den Genuss, das Original zu studiren, nicht versagen. M. K. Proben ans Ehrlich’• Bibelcommentar• 1. Dass es Genes. 1,5 יום אחד und nicht ראשון erklärt er einfach durch den hebräischen Sprachgebrauch, wonach der erste der Tage der Woche oder des Monats nie mit der Ordnungszahl, sondern mit der Cardinalzahl bezeichnet wird, 80 אחד לחודש ,אחד בשבת, (wir fügen hinzu יום אחד לעומר); erst bei den folgenden Tagen treten die Ordnungszahlen in Kraft. Das entging allen Commentatoren von Raschi bis Luzzatto. Dagegen findet sich seine Erklärung zu למינו (ib. Vers 11), dass es sich nicht auf עושת »די, sondern auf ne עץ beziehe, auch schon bei Luzzatto, der sehr richtig auch auf den Baal ha-Taamim hinweist, der durch die Tonzeichen denselben Sinn andeutet. 2. Dass die Schöpfungsgeschichte und noch andere Erzählungen im 1. B. M. doppelt nach einer verschiedenen Relation berichtet werden (Elohist und Jehovist), nimmt auch Ehrlich an, meint jedoch, dass dies auch schon in dem talmudischen Grundsatz תורה מגלח מגלה נתנה ausgedrückt sei. 3. Zur Erklärung des לעשות (Gen. 2,3) bemerkt er nach einer längern Darlegung der verschiedenen Bedeutungen des Lamed, dass es nach Analogie von Prov. 21,25 zum vorhergehenden verbum finitum שבת gehöre. 4. Gelegentlich des trotz der defektiven Form richtig punktirten וינחהו macht er darauf aufmerksam, dass an 4 Stellen (I. Sam. 22,4; I. Könige 10,26; II. Könige 18,11; Hiob 12,23) die Massoreten die rad. נוח mit נחת verwechselt haben; es müsse an allen Stellen wajanniehern statt wajanchem heissen. Man ersehe hieraus, dass sie bei andern Büchern der heiligen Schrift nicht so sorgfältig zu Werke gingen, wie beim Pentateuch. 5. Das וחיו לבשר אחד erklärt er, nicht wie Raschi sexuell, sondern ethisch sehr schön; Mann und Frau sollen Freud und Leid, Wohl und Weh gemeinsam so empfinden, als wären sie eine Person. Er zieht hieraus auch den Schluss, dass die heilige Schrift an dieser Stelle die Monogamie als Grundlage des ethischen Familienlebens hinstelle. 6. Für ואירא schlägt er die LA. וארא vor; ״da ich (nach Genuss der verbotenen Frucht) sah d. h. einsah, (nach V. 7 ״da waren ihnen die Angen aufgegangen u. s. w.), dass ich nackt bin, so verbarg ich mich“. 7. Für וחרונך (V. 16) möchte er ״) וחרונוdeinen Aerger“) lesen, denn die Vermehrung der Kinder zahl sei ja nach jüdischer Auffassung kein Fluch, sondern ein Segen; das Folgende sei die Erklärung u. z.: ״ עבבונךmit 8chmerzen' wirst du Kinder haben“ und dein Aerger (8011 (וחרונו darin bestehen, ״dass dn unter der Botmässigkeit deines Mannes stehen sollst“. 8. Den Namen חוח (V. 20) will er mit תויא (aram. Schlange) zusammenbringen, wie schon der Genes, rabba Absehn. 20 es thut; deshalb stände auch die Namengebung dör Frau nach der Erzählung von der Schlange. Die biblische Begründung des Namens (אס כל חי) stimme zwar damit nicht überein, aber bei dergleichen Namenerklärungen gehe die Bibel überhaupt nicht grammatikalisch zu Werke, sondern sie begnüge sich mit einer Wortähnlichkeit, wie נח u. ינחמנו u. a. m.