Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 9. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-5990879-5999242--2954-5369618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
71 (Tanchuma וארא ed.Stettin § 6; ed. Buber§4; Schenioth rabba cap. 5, § 18; Schocher Tobh 119,92 ׳{ז; Schenioth rabba cap. 1, §28 zu II. B. M. 2,11). Wegen dieser theilweisen Befreiung vom ägyptischen Joche noch vor der Befreiung aus Aegypten sei der Sabhath vor dem Pessaclifeste ,.der gepriesene Sabbath“, der dem Preise und Lobe des Schabbath bestimmte besondere Sabbath. Wenn man die Bezeichnung des ״Schabbath Haggadol“ 80 auffasst, so ist es auch ganz natürlich, dass dieser besondere Sabbath der vor dem Pessaclifeste sei; denn auch der Abschnitt über die Festordnung 3. B M. 23, 1—44 beginnt mit dem Sabbathe, auf den dann das Pessachfest folgt. Zunz (die Ritus S. 9) meint, der Name ״der grosse Sabbath“ sei aus dem Rituale der Kirchenväter, wo der Sonnabend vor Ostern so heisse, auch bei den Juden, vielleicht zuerst in Griechenland, auf den Sabbath übergegangen, der auf den 14. Nissan fällt; nach und nach hiess überhaupt der letzte Sabbath vor Pessach der ״grosseSabbath“ Ich kann dem nurtheilweisebeistimmen. Auch ich glaube, der Name sei von den Christen entlehnt worden; aber nicht die Juden in Griechenland, sondern die in Ungarn waren es, die diesen Namen für den Sabbath vor Pessach entlehnten. Ich lege darauf kein Gewicht, dass der Sonnabend vor Ostern, bei den Ungarn noch jetzt der ״grosse Sabbath“ heisst, sondern entscheidend für mich ist der Umstand, dass die älteste Erklärung für die Bezeichnung des ״Schabbath Haggadol“, die wir besitzen, die im ״Pardes“ der Schüler Raschi’s, im Namen Raschi's mitgetheilt wird (Pardes ed. Constantinopel 1802 Folio 60c), auf einen Vortrag eines pfpR. Isak 1)in Ungarn sich beruft, was sonst in jenen Zeiten, so viel ich weiss, nicht geschieht. Aus diesem Umstande würde sich auch leicht erklären, dass die Karaiten auch den ״grossen Sabbath“ beobachten. Die Juden Ungarns standen eben in jenen Zeiten in stetem Verkehr mit den Juden in der Krim, wohl auch mit den Karaiten daselbst. Aber es war keine einfache Entlehnung aus dem Christenthume, sondern hatte eine apologetische Tendenz, wie aus dem Inhalte des Berichtes im Pardes zu ersehen ist. Die Juden waren wahrscheinlich am Cliar-Samstage (ungarisch: grossen Sabbathe) vielen Vexationen ־ ausgesetzt, möglich, dass die ganze jüdische Gemeinde in Juskuntu (V) in grosser Lebensgefahr schwebte. Da rüstete das Oberhaupt (]קצי) der Gemeinde ermuthigende Worte an die Gemeinde, treu im Glauben auszuharren, indem er sie daran erinnerte, in welcher grossen Lebensgefahr die Israeliten am zehnten Nissan, nach der Tradition der letzte Sabbath vor der Befreiung aus Aegypten, schwebten, als sie. die Israeliten in Aegypten, die Abgötter der Aegvpter, die Lämmer zum Pessachopfer auswählten und dennoch nicht zurückschreckten und den Befehl Gottes an Moses vollführten, ohne dass ihnen, den Israeliten in Aegypten, ein Leid zugefügt worden wäre. Die Kunde von diesem Ereignisse wird sich wohl weit verbreitet haben und damit zugleich vrbreitete sich unter dem Volke, (der Bericht sagt: נהג* העם) der Gebrauch, den letzten Sabbath vor dem ■) Im שבל' ה^קב ccl. Buber, Wilnn 1886 § 206 lioisst derselbe: K. I. יוסקונטו Pessaclifeste ״den grossen Sabbath“ zu neunen. Die Erinnerung an das Ereiguiss ward später verwischt; der Gebrauch aber blieb und das Volk wusste nicht mehr, (ואינם יודעים sagt der Bericht) warum es gerade diesen Sabbath ״den grossen Sabbath“ nannte. Noch in späteren Zeiten waren die Juden am Char- Samstage Vexationen ausgesetzt. Es mögen fünfzig Jahre sein, dass ich ein f>—6 jähriger Knabe mit meinem Vater ע׳ה in meiner Geburtsstadt Zoinbor an einem Charsamstage Vormittags einen nahen Verwandten besuchen wollte. Der nächste Weg zu uuserem Verwandten führte au der katholischen Kirche vorüber. Als wir an der Ecke in die Strasse, in welcher sich die katholiche Kirche befindet, einbiegen wollten, bemerkte ich, dass auf dem freien Platze vor der Kirchenthüre einige Scheite Holz brannten. Auf meine Frage, was die brennenden Scheite bedeuten? antwortete mein Vater ״ :עיהWir müssen in eine Seitengasse einbiegen und auf einem Umwege unseren Weg fortsetzen, um nicht an dem Feuer vorüber zugehen. Heute ist Charsamstag, da verbrennen sie den Juden um 9 Uhr Vormittags. Wenn in den früheren Jahren ein Jude diesem Feuer nahe kam, wurde er hineingeworfen. Jetzt werfen sie den Juden, der in die Nähe kommt, wohl nicht mehr ins Feuer hinein; aber er, der Jude, ist vor Misshandlungen nicht sicher“. Zum Schlüsse erlaube ich mir noch nachstehende berichtigende Bemerkung. In seiner geschichtlichen Einleitung in die ״Pessachhaggada“ מניד מראשית Berlin 18f>6 (S. 21) sagt Landshut mit Berufung auf Jellinek (Litteraturbl. des Orient 18f>l S. 287), dass der Name ״der grosse Sabbath״ bereits in den Zeiten der Entstehung des Christenthums im Gebrauche war, wie aus Ev. Johannes 19,31 zu ersehen sei. Trotz der grossen Verehrung, welche ich dem Andenken des seeligen Dr. Jellinek zolle, muss ich erklären, dass diese Behauptung Jellineks ע׳ה unrichtig sei. Mag Freitag, am Todestage Jesu, der erste Tag Pessach, oder mag es. wie Johannes behauptet, der Rüsttag zum Pessach gewesen sein, der darauffolgende Sabbathtag war sicher Pessach, konnte daher nicht ״Schabbath Haggadol“ sein. So viel musste doch auch der Redacteur des Johannesevangeliums wissen. Güdemann in seinen ״neutestamentlichen Studieu“ (Sonderabdruek S. 13 ff.) hat übrigens wahrscheinlich gemacht, dass der Redacteur des 4. Evangeliums sogar sehr vertraut mit den religiösen Sitten und Gebräuchen der Juden gewesen sei. Man muss auch nur die betreffende Stelle im Johannesevangelium nachlesen, um sich ־Sofort von der Unhaltbarkeit der fraglichen Behauptung des seeligen Dr. Jellinek zu überzeugen. Dort wird erzählt, die Juden hätten auf die Beerdigung Jesu gedrängt., weil der Sabbath (des darauffolgenden Tages) gross war. Das ist doch klar gesprochen. In der Bibel selbst hat das Wort שכת neben der engeren Bedeutung des wöchentlichen Ru he-Festtages bereits auch die weitere, die des Festtages überhaupt (3 B. M. 23, 11; 13) Bei den Griechen und Römern bedeutet aber das Wort einfach: jüdischer Festtag. So heisst auch ״Rusch- Hachodesch“ sabbata. worüber das ,,Jüd. Litteraturblatt" 1886 (S. 116—117) zu vergleichen ist. Es gab kleinere und grössere Sabbathe, an denen die Be-