Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 9. (1901) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 9. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492408-5990879-5999242--2952-5369616
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

69 Hier im Kreise lernbegieriger Jünger entfaltete sich des Meisters Wissen zu herrlichster Blütlie und reifer Frucht. Er erüffnete seine Seminarthätigkeit init der berühmten Schrift: ,.Ueber palästinische und alexandrinische Schriftforschung•1859) ־). in welcher Richtung er noch manch andere Arbeiten in der ..Monatsschrift‘1 folgen liess. Kurz vorher war seine Schrift: ,.Ueber den Einfluss der palästinischen Exegese auf die alexandrinische Hermeneutik׳‘ erschienen (1851). Diese Schriften sind weitere Ausführungen seines bereits in den ,,Vorstudien zur Septuaginta‘־ niedergelegteil Planes, eine Entwickelungsgeschichte der Halncha zu liefern. Hierher gehören auch seine gründ• liehen Forschungen über die Targumim. die ihren Abschloss mit der Progrummarbeit: ״Ueber das Targum zu den Propheten" (1872) fanden. Mit den ״Grundlinien des mosaisch-talmudischen Eherechts" (1 SG()) eröffnete er die Sechszigerjahre, die meist der wissenscliaftlichen Erforschung des Talmuds gewidmet waren. 1859 hatteer bereits seine ״Einleitung in die Mischtia‘‘, (Hodegetica in Mischnam), die Grundschrift, der jüdisclienGesetzent Wickelung, vorangeschickt, dieer hebräisch schrieb, um die grosse Zahl der schviftkundigen, aber nur hebräisch lesenden Glaubensgenossen ebenfalls zum Lichte wissenschaftlicher Erkenntnis emporznziehen. Wegen einiger missverstandenen Worte in diesem Werke über den Begriff von הלבה למשה מסיגי erhob sich von jüdisch zelotisclier Seite ein gewaltiger litterarischer Sturm in jüdischen Zeitschriften und Broschüren pro und contra, in welchen besonders seine Freunde Beer, Rappaport und Kämpf warm für Fraukel, den man als Traditions-Ungläubigen (!) zu verketzern suchte, eintraten. Er brach dem Federkrieg durch folgende ״Erklärung" (Monatsschrift 18t;1. S. 159) die Spitze ab: ״Meine Schrift ״Hodegetik in die Misclina— ‘־ דרבי המשנה — hat in jüngster Zeit Angriffe erfahren, wie sie in solcher UnWürdigkeit die Litteratur selten aufzuweisen bat, und auf die zu erwidern mir mein Ehrgefühl verbietet. Ich darf es mit Bestimmtheit aussprechen, dass, wer meine Schläft mit unbefangenem Sinne liest, in ihr keinen Grund zu den gegen mich vorgebrachten Verdächtigungen finden wird.• sowie ich Den, der die Gedanken prüft und kennt, zum Zeugen anrufe, dass mir bei Abfassung dieser Schrift jede Absicht, die Tradition zu untergraben, oder in Abrede zu stellen, fern lag. Die unverkennbare Tendenz meines Werkes ist, den tieferen wissenschaftlichen Gehalt der Misclnia und ihr hohes Alter nachzuweisen, jede Seite athmet die tiefste Verehrung für die mündliche Lehre, und dieses alles sollte unternommen sein, um der Tradition die Basis zn entziehen!*) u. s. w. Ferner: ״Die Tradition, die, nach meiner innersten Ueberzeugung, kein mit tieferem religiösen Ernst an das Studium Gehender je in Abrede stellen wird, u. s. w.“ Wie sein Geist die Gesammtheit des jüdischen Wissensschatzes umspannte, so hatte er auch in seinem *) Er sei hier überdies auf eine leicht übersehbare Stelle in seinen hebräischen ״Zusätzen und Index zur Hodegetik“ (I.!cipxig 1867) hingewiesen, wo er (8.1) zu der vielbesprochenen Stelle p. 20 erklärend hinzufügt: ועני; ה,1׳׳מ הוא כמשמעו שנאמר •1משה מסיני ,אך סעמים נאמר ער1 דבר שהוא ברור הרנה עיין רא״ש וכו׳.‘• ״Entwurf einer Geschichte der Litteratur der nachtalmndischen Responsen“ (1865) einen neuen Weg gegewiesen, das scheinbar unfruchtbare Gebiet der bis auf die Neuzeit reichenden Talmuderzeugnisse Wissenschaftliclt nutzbar zu machen. Aber die Krone seines wissenschaftlichen Ruhmes hat mit seiner itn Greisenalter mit Jugeudniut.h unternommenen Erforschung des selbst in den Zeiten der talmndischen Gelehrsamkeit stiefmütterlich behandelten jerusalemischen Talmuds sich erworben. 1870 erschien in hebräischer Sprache die ״Einleitung in den jerus. Talmud־‘, der in der jüdischen Gelehrtenwelt Bewunderung über die erstaunliche Vertrautheit Frankels auf diesem selbst den grossen Talmudlehrern fernliegenden (j!ebiete des Talmuds erregte. Er stand im Zenith seines wissenscliaftlichen Ruhmes, als eine Anzahl Männer verschiedener Richtung von nah und fern, aus Deutschland, Oesterreich. England, Holland. Dänemark, Frankreich und Amerika — an ihrer Spitzt' der Chief-Rabbi Dr. Nathan Adler in London — im Stillen sich rüsteten, Frankels 70. Geburtstag als Festjubiläum in würdiger Weise zu begehen. Als Simchns Thora 5662 (1871) herannahte, da fand nach dem Festgottesdienste in der Seminarsynagoge, welche die Schüler, Genossen und Freunde Frankels vereinigte. Empfang der zahlreichen Deputationen von Behörden, Collegien und Gemeinden aus nab und fern im grossen Saale der Anstalt statt. Se. Majestät der deutsche Kaiser Wilhelm I. verlieh dem Jubilar den rotben Adlerorden vierter Klasse, Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich ernannte ihn zum kaiserlichen Rath. Das Curatorium derCommerzienrath Fränkel’sehen Stiftungen gründete eine ״Frankel- Stiftung", auch das Fest-Comite stellte dem Jubilar eine nicht unbedeutende Summe zu einem wohlthiitigen und wissenschaftlichen Zwecke zur freien Verfügung. (Frankel vereinigte beide Stiftungen zu einer und widmete sie den Zwecken des Seminars.) Das Lehrercollegium edirte ihm zu Ehren eine Jubelschrift. Die Alliance Israelite Universelle ernannte Frankel zum Mitgliede ihres Central-Oomites, um damit zu bezeugen, ״welch' gerechten Anspruch derselbe auf die Hochachtung und Verehrung der Israeliten auf dem ganzen Erdeurunde habe.“ Es waren über 600 Adressen, Glückwunschschreiben und Telegramme eingelnufen. Wir drucken hier nur das von liebenswürdigem Humor durchwehte Briefchen des Nestors der jüdischen Gelehrten, Leopold Zuuz, ab: ״Hochverehrter Herr und!,’reund! Ucstutten Hie mir an Ihrem Freudentage שמהת תורה mich unter die Schnur der Hegliickwünschenden zu drängen. Sie zählten noch nicht siebzig Semester als ich das Vergnügen hatte, Hie in Teplitz kennen zu lernen; seitdem sind wieder etwas über siebzig Halbjahre vergangen. Darum sollen wir rufen : ברוך שהחיינו! — Da Hie die Feier der Hiebzig schon um der ״Keptuaginta“ Willen verdienen und die גבורות des ״gerichtlichen Beweises־‘ das achtzigjährige Alter fordern, so sollte für sonstige Leistungen mindestens ein Jahrhundert׳ gewährt werden. Ho möge der Himmel Ihnen עד מאה שנים Ucsundhcit und Freude vergönnen und eine Zeit lang als Zuselianenden zulassen den Ihnen hochachtungsvoll ergebenen ilerlin, 6. Oktober 1871. Zunz,“ So war das Frankel-Jubiläum ein Ehrentag der jüdischen Wissenschaft.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.