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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 9. (1901) · p. Seite 67

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 9. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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67 drangt glauben, den öffentlichen Gottesdienst mehr deutsch zu gestalten, deutsche Sonntagsgottesdienste einzurichten, von maassgebender Bedeutung ist, war an das Präsidium der Versammlung gerichtet und lautet wie folgt: .,Die Erhaltung des Jmlentlnims ist das innerste Element meines Iiebe118 nnd das Ziel aller meiner Bestrebungen, dem ich von meiner Seite jedes Opfer zn bringen bereit bin, sow ie ich von der anderen mich mit Tendenzen, die das Gegeiitheil herl>eifiihre11, in einem nie auszugleichenden Widerspruche befinde. Ich brachte schon in der zweiten Sitzung den 16. d. Mts. die Frinzipienfrage zur Sprache, damit man sich untereinander verständige und über den Geist der Versammlung zur Klarheit komme; doch wurde auf diesen Funkt nicht näher eingegangen. Die gestrige Sitzung führte zu einem Kcsultate, dessen ich nur mit Kummer gedenken kann; nur mit tiefem Schmerze rufe ich mir zurück, dass in einer Uabbinerver- Sammlung eine Frage zur Abstimmung kommen konnte, eine Frage sogar durch fiel, die einen mit den religiösen Interessen des .Indentlmius auf's innigste verwachsenen Gegenstand behandelte und von den lteligionsfülirern des Volkes doch zumeist in Schutz genommen werden musste. Die Frage: ״ob, wenn auch keine gesetzliche, «loch eine objeetive, d. i. eine ans dem religiösen Moment hervorgehende Nothwendigkeit zur Beibehaltung des hehriiischen Elements beim Gebete sich finde,“ wurde, als man die praktische Seite einer derartigen Erörterung in Frage stellte, dahin erklärt, dass es sieh hier darum handle, oh die Kabbiner streben sollen, dass was für jetzt — nach der Berathung hierüber — noch Hebräisches im Gebete beibehalten werden wird, zu bewahren, dem Hebräischen sein Recht einznräumen, oder ob die Beibehaltung nur eine rathsame, d. i. eine in den l'mständen der Gegenwart bedingte Concession sei und das Streben also dahin gehen solle, diese Rathsamkeit überflüssig zu machen, das Hebräische aus dem Gehete ganz zu entfernen. Vergebens war gezeigt worden, wie das Hebräisehe, dieses durch so viele Jahrtausende geheiligte Alterthum, dem Gebete Weihe und Erhöhung gebe, vergebens darauf hingewiesen, wie die hebräiche Sprache als ein thenres Kleinod, da in ihr die heiligen Urkunden niederlegt sind, bewahrt werden müsse, bewahrt, dass nicht das Verständniss dieser heiligen Urkunden, wie einst den hellenistischen Juden, uns abhanden komme; vorgeben« hervorgehoben, wie, schwindet sie aus dem Gebete, sie sich endlich ganz verlieren, sie auch aus der Schule verbannt und so abermals ein religiöses Element aus den schon ohnedies ziemlich gelichteten Bestandtheilen getilgt werdo, vergebens appellirt an das religiöse Gefühl (und dieses ist doch beim Gebet beachtens wertli!), das durch diese heiligen Töne sich erhöht, geweckt fühlt; vergebens hervorgehoben, wie gerade in dem hebräischen Gebet ein Kennzeichen der Ueligionsgcmeinde, die die Juden bilden, sich finde, au dem der Jude, unter welchem Himmelsstriche er dem Juden begegne, in ihm den Glaubensgenossen, in seinem Tempel sein Gotteshaus, in seinem Gebete das eigene wiedererkenne; vergebens der Einwnrf, dass die Jugend nur mit Widerwillen das Hebräische erlerne, mit den einfachen Worten widerlegt, dass, wenn nicht die Eltern diesen Widerwillen nähren und wenn die Schule redlich für den Unterricht wirkt, dieses Hindnrniss von selbst schwinde, und nun wurde auch solches an Beispielen nachgewiesen; vergebens dargestellt, wie selbst für die weibliche Jugend das Verständniss der hebräischen Gebete, die doch nicht in zu grosser Zahl beibehalten werden sollen, erleichtert werden kann; vergebens wurde zum Schlüsse auf die Innigkeit, auf die religiöse Kraft und Weihe des hebräischen Gebetes und die Erhebung in ihr hingewiesen: die Majorität der Uahhinorversummlnng entschied dafür, dass das hebräische Gebet mir rathsam sei, die Aufgabe der Rabbiner, es allmühlig ganz zu entfernen. —Von einem solchen Beschlüsse weiche ich nicht nur nach einer Verschiedenheit der Ansicht, sondern nach der Verschiedenheit der Tendenz ab. Dieser Geist, der so viele wichtige Elemente unbeachtet lässt, der das, was in jeder Konfession Gewicht nnd Kraft hat, das Historische, verdrängt, ist in meinen Angen nicht der der g Erhaltung, sondern der der Zerstörung des positiv-historischen Jndenthums, dass ich der Versammlung laut als das nteinige erklärte. Dieser Geist muss nun zugleich den ferneren Beschlüssen der Versammlung jede Gültigkeit in den Augen Jenes, der sich auf dein positiv-historischen Standpunkt befindet, entziehen, da, wie ich ebenfalls der Versammlung bemerklich machte, es nicht allein auf das Stimmabgeben, sondern auf das Motiv der Ab- Stimmung ankomme, und nur wer schon vorher mit sich abgexchlo.!sen nnd bloss eine formelle Bestätigung sucht, kann in einer allgemeinen Abstimmung eine scheinbare Beruhigung finden. — Ans diesen Gründen sehe ich mich veranlasst, nicht nur gegen obigen Beschluss laut zu protestireu, sondern zugleich zn erklären, dass mein Standpunkt ein ganz anderer als der der Versammlung sei uud dass ich in ihrer Mitte nicht Sitz und Stimme haben kann. Ich drücke aber auch mein Bedauern aus, dass die Ver- Sammlung, statt das Ziel, ״allgemeines Vertrauen zu erwerben und hierdurch eine Vermittelung herbeizuführen,“ im Auge zu behalten, sich von Neuem von ihm entfernt und viele Tausende, die ein solcher Beschluss tief verwundet, von sich abgestossen. Wie sehr ich dieses Ziel im Ange hatte, dokumentirt meine Erscheinung hei der Versammlung, und liess der Wunsch, das Meinige zu einer Vermittel u ng beizutrageu und mit Anderen mit vereinten Kräften dahin zn arbeiten, dass dieses junge Institut zu einem versöhnenden uud die allgemeinen religiösen Interessen vertretenden heranreife, mich über manche Missverständnisse, die dieser Schritt hervorrufen konnte, so wie über manches meinem persönlichen Interesse Widersprechende wegsehen. Die höhere, heilige Rücksicht veranlasst mich nun, mich von dieser Versammlung losznsagen; wo ein Göttliches, dem unser ganzes Leben angehört, mahnt, wo eine innere Ueberzeugung ruft, da muss, ohne Rücksicht, auf Missdeutung und Unterstellung von Motiven, Folge geleistet werden. Dem redlielieu Manne geht sein Bewusstsein über Alles; er befragt vor Allem seinen innern Richter, uud ist er vor diesem gerechtfertigt, findet er hier sein Urthcil bestätigt, dann geht er fest seinen Weg, treten alle andern Rücksichten vor denen der Religion nnd der Wahrheit in den Hintergrund. — Ich habe die Ehre mich mit Hochachtung zu zeichnen Frankfurt a. M., 18. Juni 1845. Oberrabbiner Dr. Z. Frankel.“ Durch diesen Absagebrief, der in den Kreisen der Rabbinerversammlnng sehr verstimmend wirkte, in den gemässigten und conservativen Gemeinden aber allseifige Zustimmung fand, wie die eingelaufenen Adressen bekundeten, wurde Frankel das Haupt und der Führer der positiv-historischen Richtung. In seiner ersten (und einzigen) Rede, die er in der Rabbiner- Versammlung am 16. Juli 1845 hielt, spricht er sich sehr bestimmt darüber aus: ״Mein Standpunkt ist das positiv-historische Judenthum. Entwicklung ist nur im Geiste des bisherigen Judenthums möglich. Zwischen der Schrift und uns ist eine zn weite Kluft; die Exegese ist stets subjectiv; der Geist der Zeit hat nichts Bestehendes, nichts Dauerndes, wohl die Macht zu verneinen, aber nicht aufzubauen, weil er eben wechsle wie die Zeit. Der Geist der Zeit besitze nur Willkür, die Verhältnisse haben den Einfluss. Auch das Volk hat den positiven Standpunkt inne, rauben

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