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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 8. (1901) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 8. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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herbeiführe; ferner glaubte ich, dass man deshalb nicht ein Stück Kraut aus dem Gebinde esse, welches der Gärtner gebunden hat, weil das wie Gefrässigkeit aussehe; jetzt wurde ich belehrt, dass es bei Zauberei schädlich sei; ferner glaubte ich früher, man giesse deshalb von dem Kruge, aus dem man trinken will, ein wenig Wasser ab, weil vielleicht Strohhalme und dgl. darauf herumschwimmen könnten; jetzt wurde ich belehrt, es geschehe wegen des ״bösen Wassers“, d. h. aus Besorgniss. es könnten Dämonen daraus getrunken haben. Diese wenigen Sätze genügen, um die Geneigtheit zu zeigen, mysteriöse Gründe selbst da anzunehmen, wo die natürlichen Gründe nicht entgangen waren. Man fing um diese Zeit an, alles, was ein früherer Lehrergelegentlich einmal ausgesprochen, insofern es nur einen mystischen Anstrich hatte, in ein vollständig mysteriöses Gewand zu hüllen und ganz ernstlich z\1r Norm zu erheben. Führen wir andere Beispiele an. R. Simon ben Lakisch sagte, der Mensch öffne niemals seinen Mund zum Bösen (Berachot Iba). Das kann ursprünglich die einfache Bedeutung gehabt haben, dass es in der Natur der meisten Menschen liegt, durch Erwähnung unangenehmer Dinge missgestimmt, wonicht gar ernstlich betrübt zu werden, was schon an und für sich schadet. Später verband man damit die Vorstellung, dass das Aussprechen eines unangenehmen, besonders die Zukunft des menschlichen Geschicks betreffenden Wortes eine gewisse mysteriöse Macht habe, zu schaden. Der Amora Abaji macht es so sehr ernst mit dieser Norm, dass er sogar auch bei poetischen Ergüssen vor solcher Redeweise sich zu hüten mahnt. Wenn z. B. ein Leichenredner der Redeweise sich bedient: ״Meine leidtragenden Brüder, bedenket, es ist das der Lauf der Natur, es sind das die ewigen, von Gott eingesetzten, unwandelbaren Gesetze; viele haben schon diesen Kelch getrunken, viele werden ihn noch trinken; wie es den Frühem ergangen, so wird es den Späteren ergehen...“ (Ketubot 8b), so bemerkt Abaji dazu, ״viele haben den Kelch getrunken“, dürfe man wohl sagen; ״viele werden ihn noch trinken“, sage man nicht; ״denn man öffne nicht seinen Mund zum Bösen“. Diese Besorgniss scheint allerdings, selbst von dem mystischen Standpunkte etwas zu weit zu gehen; denn es wird ja in jener Rede nur der gewöhnliche Lauf der Dinge geschildert, der doch nicht geleugnet werden kann. Und doch kann Abaji der Besorgniss sich nicht erwehren, dass eine solche Redeweise zum Schaden ausschlagen könnte. Wenn auch diese Anschauung nicht von Allen getheilt wird, so ist sie doch bis auf unsere Zeit auf jüdische Reden nicht ohne Einfluss geblieben. Es wird noch jetzt nicht leicht ein jüdischer Redner von Eventualitäten der Zukunft im ungünstigen Sinne sprechen. Auch in Privatgesprächen wird es in jüdischen Kreisen vermieden. Man wird nicht leicht von einem eventuellen Erkraukungsfalle sprechen, ohne hinzuzufügen: ״was Gott verhüten möge“. Ebenso wird man nicht von seinem eigenen oder von eines Anderen bevorstehendem Tode sprechen, ohne hinzuzufügen, ״was Gott noch fern sein lasse“. Diese letztere mystische Anschauung hat nebenbei auch ihren berechtigten völkerpsychologischen Grund. Je mehr nämlich die Juden im Laufe der Jahrhunderte gedrückt und verfolgt wurden, desto mehr zogen sie sich auf sich selbst zurück und übertrugen die ihnen innewohnenden Gefühle der Liebe auf den Kreis ihrer Familie und Glaubensgenossen, die sie mit der rartinnigsten Aufmerksamkeit behandelten, wobei sie alles vermieden, was sie unangenehm berühren oder betrüben konnte. Es entstand daraus im jüdischen Leben jenes Zartgefühl, das selbst in den untergeordneten bürgerlichen Kreisen sich kund giebt. Eine andere in der amoräischen Zeit herrschende mysteriöse Vorstellung ist die über das Wesen des Traumes. Auch hier scheint der Einfluss des persischen Mystizismus auf die babylonischen Amoräer wirksam gewesen zu sein, was um so erklärlicher ist, als ja auch die Bibel mitunter prophetischer Tränme Erwähnung thut. Allerdings liessen sich die älteren Rabbiner, d. h. die Mischnalehrer, davon nicht beirren, setzten vielmehr die prophetischen Traumgeschichten in ein ganz anderes Gebiet und erklärten die Träume im Allgemeinen für nichtig. So lehrt R. Meir: ״Träume können weder nützen noch schaden“ (Gittin 52). R. Jonathan sprach die richtige Ansicht aus, dass der Traum nur eine Kombination der den Menschen im wachen Zustande beschäftigenden Ideen oder der aufgenommenen sinnlichen Eindrücke sei. (ibid.) Aber trotz dieser gesunden Ansichten nahm der Mystizismus zur Zeit Abaji’s und Raba’s so sehr überhand, dass sie sich von einem sogenannten Traumdeuter, einem gewissen Bar Hedjia, düpieren liessen, bis man endlich dahinter kann, dass dieser die Träume, je nach dem ihm gewordenen Honorar, gut oder schlecht deute (ibid. 55). Wir könnten noch viele andere Fakta und Beispiele anführen, die den mystischen Einfluss der Perser auf Sitten und Gewohnheit der Juden betreffen, allein meine Aufgabe war durchaus nicht, die Lehren des Judenthums überhaupt in ihren Beziehungen zu andern Religionen, sondern nur die Stellungnahme der nachbiblischen Theologie speziell zur Mystik und ihren Konsequenzen zu beleuchten. Resümieren wir jedoch das, was den Einfluss der persischen Mystik auf die nachbiblische Theologie und speziell zur Zeit der babylonischen Gemara betrifft, so müssen wir eins konstatieren; dass selbst in diesen düsteren Zeiten alles das von den Rabbinern aufs strengste abgewiesen wurde, was irgendwie die ererbte Lehre in ihren Grundlagen hätte trüben können. Das jüdische Volk hat von jeher zwei scheinbar einander widersprechende, in Wahrheit aber leicht ihre Erklärung findende Eigenschäften an den Tag gelegt. Auf der einen Seite die hartnäckigste Abwehr alles Fremdartigen, insofern der reine Monotheismus irgendwie gefährdet schien, auf der andern Seite die Geneigtheit, neuen Ideen sich anzuschmiegen, wenn diese sich mit den Grundan- Behauungen des Judenthums verschmelzen liessen, diese vielleicht gar noch zu stützen geeignet schienen. Während jedoch die Mischnalehrer selbst da, wo sie harmlos scheinende neue Ideeen nicht gerade zurückwiesen, doch äusserste Reserve beobachteten und nur leicht verhülltes Misstrauen an den Tag legten, zeigt sich der babylonische Amora direkt empfänglich für derartige mystische Ideen und Phantasieschöpfungen.

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