Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 8. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 mystischen Phantasieschöpf ungen fort, indem er 80wohl eigene wie fremde Mythen und Weltansichten neben einander stellt und noch immer die Kritik erwartet, die den ganzen Schatz seiner Phantasie- Schöpfungen in diese zwei Rubriken scheidet. Die Methode der midraschischen Phantasieschöpfungen ist die, welche die Mystik im Allgemeinen beobachtet; sie leiht sich Bestandtheile der sinnlichen Wirklichkeit und combiniert sie zu einer übersinnlichen Welt; darum ist diese der Reflex jener; darum zeigt in ihr der Himmel so grosse Aehnliclikeit mit der Erde, dass sich in ihm sogar Lehrschulen befinden, ganz nach der Beschaffenheit und mit der Bestimmung der Lehrschulen auf Erden (Gittin 68, Baba mezia 59, 86). Zu dem Objekte seiner Thätigkeit auf dem Gebiete der mystischen Phantasie- Schöpfungen wählt der Midrasch die Begriffe von Gott, Engel, Welt, Seele, Freiheit und Fatum, und ist in ihrer Behandlungsweise theils didaktisch, theils dramatisch. Seine Schilderungen liefert er bald in der ungeänderten Gestalt, in der er sie von der heidnischen Mystik erhielt, bald mehr in ein jüdisches Gewand gekleidet, sodass die Aehnliclikeit mit ihren Originalen verwischt erscheint Die Grundlage dieser fremden mystischen Theologie innerhalb des Judenthums bildet der Glaube, dass der menschliche Geist die innere Oekonoinie Gottes erfassen und wissen könne, ein Glaube, den das Judenthum während des prophetischen Zeitalters steng ztirückwies. Aus der heidnischen Mystik nahm der Midrasch demnach alle jene Schilderungen, die das innere Wesen Gottes, dessen Gestalt, Grösse. Immanenz, Beschäftigung und Meinungen beschreiben, und er erlaubt sich dabei die kühnsten Metaphern (Aboda Sara 3, Berachoth 7. 59. Syuhedrin 95, Cliagiga 5. 15). Doch stellt er sie nicht als Glaubenssätze, sondern mehr als poetische Phantusiebider hin. Neben der Beschreibung von Gott befindet sich die von Engeln und Dämonen, deren Beschäftigungen, Entstehungs- und Fortpflanzungsweise genau angegeben wird, gerade wie bei den heidnischen Mythenerzählern. (Cliagiga 12— 16). Ganz nach Analogie der mystisch-pantlieistischeii Aulfassung wird einem jeden Wesen in der sichtbaren Welt ein Engel übergeordnet (Pesacliim 118), einem jeden Menschen ein ״Masol״ zugedacht (Cliagiga 16), und die hinunlirhe Familie so beschrieben, wie die persische Mystik sie darstellte (Pesikta rabba p. 35). Die midraschischen Ansichten über das Wesen und die Struktur der Welt sind ebenfalls eiue exotische Pflanze. Es wird erzählt, wie über der auf Säulen ruhenden Erde ein siebenfacher Himmel sich erhebt, in dem auf einem Altar Michael opfert, und das Höhenmaass von der Erde bis zum Gottesthrone genau angegeben (Cliagiga 13). Die prognostische Beobachtung, dass die Erde vor ihrer gegenwärtigen Gestalt mehrere Evolutionen und Revolutionen erlitt, war in der Hypothese dargestellt, dass Gott vor dieser Welt- Schöpfung mehrere Welten schuf und sie wieder zerstörte, bis ihm endlich diese Welt gefiel (Berescliith ״ab. 3.) Die Menschheit ist in Völker eingetheilt, von denen jedes Volk einen dem Höchsten untergeordneten Engel liut, nur Israel steht unter der 1111• mittelbaren Leitung Gottes (Sabb. 156). Die meuschliehe Seele hat eine Präexistenz seit der Weltschöpfung und weiss in diesem Zustande alle Geheimnisse der Weisheit, vergisst sie aber mit ihrem Eintritt ins Dasein wieder, weil ihr Genius dem Kinde auf den Mund schlägt (Nidda 30, Chagiga 5, cfr. Plato de leg. 1,10, p. 621). Das jenseitige Leben der Seele wird mit der grössten Ausführlichkeit geschildert, ihr einstiger Aufenthaltsort ist mit allen Vorzügen und Genüssen für den Frommen, mit allen möglichen Qualen und Mängeln für den Sünder, wie sie das Diesseits darbietet, versehen, sodass dort sogar die midraschische Gelehrsamkeit dieses Lebens wird fortgesetzt werden (Synhedr. 92). Neben der vollkommensten Willensfreiheit wird die Möglichkeit eines heidnischen Fatums angenommen, sodass Weisheit und Reichthum durch den Glücksstern bedingt sind (Sabb. 156), und dass Gott bei der Welt- Schöpfung sogar dk׳*»Thaten der Frommen und der Sünder voraussah. (Berescliith rabba 3.) Die vom Heidenthum aufgenommenen tlieosophischen und kosmologischen Ansichten und mystischen Phantasieschöpfungen zogen sehr oft aus der Theorie in die Praxis und machten im religiösen und asketischen Leben sich geltend. Die anthropomorphi8tische Vorstellung von den Engeln fordert für das Gebet nur die hebräische Sprache (Sabb. 12.) Die mystische Vorstellung von den Dämonen machte nothwendig, -dass von dem Wasser das obere abgeschüttet werde, ehe es getrunken wird (Chulin 105). Im Schlafe ruhe ein böser Geist auf den Händen; daher wurde eine Vorschrift eingeführt, des Morgens unmittelbar nach dem Erwachen die Hände zu waschen, ebenso nach der Verrichtung eines Bediirfnisses (Sabb. 109, Gittin 70). Die nächtliche Befleckuug wurde ebenso wie im Mystizismus des Magierthums als ganz besonders verunreinigend betrachtet, weil ein böser Dämon dahinter gedacht wurde. Wer dadurch verunreinigt wurde, sollte sich nicht blos von Opfer mul Tempel, sondern auch vom Lesen in der heiligen Schrift fernhalten, bis eine Reinigung durch Wasser erfolgt sei. (Berachot 22). Ueberhaupt ist es charakteristisch, wie gerade die babylonischen Amorüer für dergleichen mystisch superstitiöse Jdeeen empfänglich sind. Es lässt sich das vielleicht dadurch erklären, dass seitdem das Verhältniss zwischen Juden und Neupersern sich freundlicher gestaltete, zwischen Magiern und jüdischen Gelehrten ein reger Verkehr sich nach und nach einstellte. Und in der That erreichte dieser mystische Einfluss seinen Oulminationspunkt zur Zeit dev Amoräer Abaji und Raba. Wir wollen uns hier nur auf einige Stellen beschränken. In Chulin 105 erwähnt Abaji gewisse Bräuche, die er sich vormals auf eine ganz einfache Weise erklärt hatte, bezüglich deren er aber später eines Besseren belehrt worden sei. ,,Anfangs glaubte ich, man vermeide es nur aus Sauberkeit bei der Händewaschung nach der Mahlzeit das Wasser unmittelbar auf die Erde zu giessen, jetzt wurde ich belehrt, dass es «leshalb geschieht, weil sonst ein böser Geist seine Ruhestätte finde; ferner glaubte ich anfangs den Grund dafür, dass man die herabfallenden Brotkrumen sorgfaltig aufzulesen pflegte, darin zu finden, dass mau den Fu88boden rein erhalten wolle; jetzt wurde ich belehrt, dass das Liegenlassen der Brotkrumen Armuth