Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 7. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 heraus. Das Judenthum ordnet diese auf dem Wege der Gesetzgebung, durch vorgeschriebene Zehntenabgabe und andere Einrichtungen, begnügt sich aber nicht damit, sondern erklärt: ..Hiermit wird die Arinuth noch nicht vollständig beseitigt werden: wodusie daher findest, verhärte nicht dein Herz und verschliess nicht deine Hand, sondern gieb noch dazu aus freiem Antriebe, aus ,,Liebe“, so fiel nöthig ist״. Und so ist Wohlthätigkeit von jeher ein dauernder und allgemein anerkannter Vorzug in den Herzen und dem Leben der Juden, sogar nach dem eigenen Geständnisse, mehr als bei den Christen. Erst in der jüngsten Zeit kommt man auch cliristlicherseits darauf, der Noth der Armen auf gesetzlichem Wege zu steuern. Man nennt dies zwar .,praktisches“ Christenthum, im Gegensatz zu dem ״theorethischen“, welches sich auf die ״freie Liebe“ beschränkt; in Wahrheit ist dies aber eine Rückkehr zu dem jüdischen System der ,,Gesetzesvorschrift“. Zunächst muss gegeben werden, die Armen können nicht auf die ״freiwillige“ Gabe warten; diese würde nur ausreichen, wenn Alle auf der gleichen Höhe sittlicher Vollendung ständen. Die Armenunterstützung ist im N. T. zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber doch empfohlen; hier aber ist sie nach communistischem Principe geordnet, bei Moses nach socialistiscliem. Auf diesem beruht auch die moderne Armengesetz־ gebung; man ist demnach auf Moses zurückgegangen. Im Judenthurn heisst die Armengabe sehr bezeichnend Zedakah d. 11. ,,Pflichtgabe“, die dev Arme ein Recht hat, zu fordern, und der Reiche die Pflicht hat, zu geben. Almosen (ein griechisches Wort ״Mitleid“) ist dagegen eine Gabe, welche dip Barmherzigkeit reicht. Erst die moderne, socialistische Gesetzgebung legt einen Werth darauf, dass die Gaben der Hülfskassen Pflichtgaben und Rechtsforderungen seien, Kenten, nicht Armenunterstützungen. Unser Religionsbuch heisst Tora (Lehre). Zunächst wirkt für die gute That die ״Lehre“ auf die Gesinnung. Aber mit der Theorie ist es nicht genug, da diese die praktische Ausführung noch ungewiss lässt; desshalb wird die gute That gleichzeitig durch das ״Gesetz“ vorgeschrieben und gefordert. Unser Religiousbuch ist demnach ebenso ״Lehre״ (Tora), wie ״Gesetz“ (Mizwah). Die Mission Israels ist eine friedliche. Hiermit soll aber dem Christenthum durchaus nicht der Verdienst abgesprochen werden, zunächst den Boden in der grossen Völkerwelt für eine friedliche Mission geebnet zu haben. Dass, so traurig es auch ist, hierfür oft Gewaltmittel in Anwendung gebracht werden mussten, ist unverkennbar; der ausschliesslich friedliche Weg würde hierfür nicht immer zum Ziele geführt haben. Sogar für die einfache und unentbehrliche Schul- und Volksbildung, die Grundlage zu aller Civilisation und Cultur, ist Schul-Z waug erforderlich und unentbehrlich. Auch bei der Erziehung der Kinder ist der friedliche Weg nicht in allen Fällen ausreichend, Anwendung von Zwang ist oft unvermeidlich. Die Bildung und Erziehung von Erwachsenen ist noch schwieriger; friedliehe Mittel reichen hier oft noch weniger aus, Zwangs- und Gewaltmittel sind hier oft noch dringlicher. Denn auch Völker haben ein Kindesalter, uud die Führung erwachsener Völker ist erst recht schwierig. Irnless ist ein propagandischer Uebereifer und die gewaltsame Aufzwingung von neuen, unbegriffenen Religionslehren nicht nur unangemessen, sondern auch gefährlich. Es heisst dies, Obst brechen, ehe es reif ist, und der Genuss einer so unreifen Frucht gefährdet Geist und Leib, Religion und Leben. Eine erzwungene und erheuchelte Begeisterung für Lehre und Erkenntniss, die man selbst nicht begreift, sondern im Auftrage uud Dienste Anderer vertlieidigt, erzeugt Fanatismus der Verfolgungssucht gegen Andersdenkende. Wie für den Inhalt und •las innere Wesen der Religion Kenutniss und Unterricht erforderlich sind, so auch für die äusserliche Form, worin dieselbe in die Erscheinung tritt. Ideen, Lehren, Meinungen, welche irgend einen Gedanken ausdrücken, geben sich nicht nur in Worten und Thaten zu erkennen, sondern werden auch durch Formen. Zeichen, Ceromonien zum* Ausdruck gebracht, Schon im gewöhnlichen Umgang und Verkehr giebt es derartige Zeichen und Gebräuche zum Ausdrucke bestimmter Gedanken, wie Hutabnehmen oder Handbewegung zum Grusse, schwarze Kleidung oder Binden zum Ausdruck der Trauer; im geselligen Leben schliessen sich Vereine in besonderen Weisen und Formen ab, welche jedes Mitglied kennen und beobachten muss. Im socialen, politischen und militärisehen Leben ist dies ebenso herkömmlich und nothwendig. Und wenn Religionsgesellschaften und -Verbände sich auch nicht feindlich gegegenüber stehen und bekriegen, sie müssen aber doch ihre Untersclieidungslehren und -Weisen für dich und Andere äusserlieh kennzeichnen. Gesonderte Religionsschulen und -Vereine (Kirchen) müssen von denen, von welchen sie innerlich und wesentlich geschieden sind, auch äusserlieh und formell getrennt sein. Dies kann und soll geschehen, ohne den Boden zu verkennen oder zu schädigen, auf welchem sie einig sind uud gemeinsam arbeiten Die äusserliche Kennzeichnung dessen, worin sie noch nicht zur Einigung gelangt sind, führt bei richtiger Behandlung um so schneller dazu. Aber U11kenutniss darüber und Gleichgültigkeit dagegen hält die Trennung um so länger aufrecht und hindert die Einigung. Eine äusserliche und formale Vermischung aus Unkenntniss und Gleichgültigkeit ist weder eine innerliche und wesentliche, noch eine dauernde Einigung. Das mag genügen, um zu erkennen, dass das Judenthum seine Bedeutung in der Religions- und Culturgeschichte der Menschheit noch nicht verloren hat, und es Pflicht Israels ist, dasselbe im eigenen uud allgemeinen Interesse zu erhalten. Wie stimmt aber dazu die Stellung, welche das moderne Israel seiner Religion gegenüber einniinmt? Wir gewahren fast durchgängig Ignoranz und Indifferentisnms, Unkenntniss über und Gleichgültigkeit gegen die Zwecke der Religion. Gleichgültigkeit ist eine Folge der Unkenutniss, denn man kann nichts werthschätzen, für nichts Interesse haben, was man nicht kennt. Eine oberflächliehe Kenntniss genügt hier nicht; die Religion muss nach ihrem Inhalt und Wesen, nach ihrer Geschichte und Entwickelung unterrichtet werden. Dies aber geschiebt an den wenigsten Orten und in den wenigsten Schulen genügend und vollständig. Man begnügt sich in der Regel mit dem biblischen Religions- und Ge-