Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 6. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
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43 bäudes, ohne dass es seiner Stelle enthoben und dahin getragen zu werden brauchte. Hiernach gestaltete sich auch die Missionsthätigkeit Israels ganz verschieden. Israel ist nach dem weisen Plane der Vorsehung unter die Völker gesandt und lebt unter ihnen, auf dass der Geist Gottes und seiner Lehre sich in solcher Weise über alle Welt ergiesse (Joel 3, 1). Israel soll diesen Geist unter die Völker tragen, deren Augen auf Israel gerichtet sind, um dessen Reden und Thun zu beobachten und zu beurtheilen. Israel 8011 nicht überredend wirken, sondern überzeugend gewinnen, nicht mit äusserer Gewalt zu sich her überziehen, sondern durch־ seine musterhaften Thaten, seine vorbildliche Denk- und Lebensweise die Wahrheit seiner Lehre predigen und die Völker von selbst veranlassen, innerlich gezwungen, sich Israel und seinem Gott anzuschliessen. Israel ist ja auch ein schwaches Völkchen, oder eigentlich kein Volk und keine nationale Sonderheit, sondern nur eine religiöse Gemeinschaft. Als solche existirt es, zerstreut und gemischt unter die Nationen der Erde. Es hat nicht einmal Gewalt, •sich der Angriffe zu wehren; es wirkt und 8011 nur durch den Geist Gottes und seiner Lehre wirken. So hat es ihm schon im Namen Gottes der alte Prophet aufgegeben und ihm zugerufen: ״Wer du dann auch seiest, hoher Berg von Hindernissen, du wirst zur Ebene“ (Zach. 4, 6 und 8). Die Hindernisse werden schwinden, und das Werk wird gelingen. So begreifen wir Israels Geschichte und Stellung unter den Völkern. Niemand sage darum, Israel habe keine religiöse Aufgabe, keine civilisatorische und culturelle Thätigkeit mehr in der Welt. Zwangsbekehrungen, ein Wüthen mit Feuer und Schwert im vermeintlichen Interesse Gottes und der Religion liegen weder im Geiste noch im Interesse des Judenthums. Deine Weisung, Israel, zur Verherrlichung Gottes und seiner Lehre zu wirken, lautet anders. Von Dir, dem Knechte Gottes, berufen in seinem Dienste zu stehen, heisst es (Jes. 42, 1 ff.): ״Meinen Geist, spricht Gott, lege ich auf meinen Knecht, das Recht zu verkünden den Völkern. Er schreit nicht und erhebt nicht laut seine Stimme. Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, und dunkelnden Docht löscht er nicht aus; nach Wahrheit verkündet er das Recht. Er wird nicht müde, bis er das Recht festgestellt auf Erden, und seiner Lehre die fernen Lande harren. So spricht Gott, der Ewige: Ich habe Dich in Gerechtigkeit berufen und zum Bündniss für das Volk und zum Lichte für die Nationen Dich eingesetzt. Blinde Augen zu öffnen und die Gefesselten aus der Finsterniss zu befreien. Ich, der Ewige ist mein Name, ich gebe meine Herrlichkeit keinem Andern und theile meinen Ruhm nicht mit den Götzenbildern. Ihr Tauben, höret, und ihr Blinden, schauet auf, dass ihr sehet! Aber wer ist blind, wie mein Knecht, und taub, wie der Bote, den ich sende? Wer ist blind, wie der, welcher tadellos sein soll, blind, wie der, welcher Knecht des Ewigen sein soll?“ Hier ist demnach Israel zur Pflicht gemacht, nicht mit Gewalt oder Zwang Gotteserkenntniss und GotteBlehre zu verbreiten, nicht zu überreden, sondern zu überzeugen, nicht zu schreien, sondern sanft zu reden, glimmenden Docht nicht auszulöschen, sondern das dämmernde Fünkchen aufleuchtender Gotteserkenntniss anzufachen, geknicktes Rohr anfzurichten, nicht zu zerbrechen, nicht gegen Schwache und Wehrlose Gewalt anzuwenden, sondern Blinde sehen und Taube hören zu machen, das heisst, aufznklären und zu belehren, und mit all dieser Arbeit nicht zu ruhen, bis das Recht festgestellt ist auf Erden. Indess wird Israel schon beim Propheten der Vorwurf gemacht, dass es als Knecht Gottes der Pflicht seiner Berufung nicht treu nachkomme. Israel sei selbst noch blind und taub gegen die Lehre Gottes; es sei weder aufgeklärt, noch folgsam und tugendhaft; es solle Anderer Vorbild und Beispiel sein, und es sei selbst nicht tadelfrei. Gott aber begehre um seiner Gnade gegen Israel und die Menschheit willen, dass seine Lehre gross und verherrlicht werde (V. 21)“. Gott will Israel und der Welt das Heil bringen und begehrt, dass seine Lehre, das Recht und die Wahrheit, er- und anerkannt werde. Wenn auch Israel und die Menschheit sich von Gott entfernen, Gottes Gnade nähert sich ihnen immer aufs neue wieder. Wie beschämt muss nun Israel dastehen, wenn es auf Vergangenheit und Gegenwart blickt 1 Es ist in unserer Zeit unter Israel nicht besser geworden, im Gegentheil, es ist seiner Lehre und seinem Berufe noch mehr entfremdet. Es wird nicht gefordert, dass ganz Israel der Welt, ihrer Lust und ihrem Geschäft entsage, und statt dessen gelehrte Gottesstudien treibe, dass Alle Haus und Heiinath verlassen und zu Missionszwecken in die fernen Lande gehen. Sie leben alle zerstreut unter den Völkern, Gottes leitende Hand hat sie, sich und den Völkern zum Heil, dorthin geführt. Hier sollen sie im Stillien wirken, in ihren Reden und Handlungen den Einfluss der Gotteserkenntniss und Gotteslehre auf Denken und Thun kund geben, selbst Sünde meiden und zu allem Guten sich geneigt zeigen, Muster und Vorbilder der Wahrhaftigkeit, Rechtlichkeit, Tugend und Sittlichkeit, Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit sein und zur Nachahmung anspornen. So begreifen wir, warum die Völker auf den der Schlechtigkeit und Unmoralität verfallenen Juden hinweisen, ״Sehet“ sagen sie, ״so sind die Juden, die uns Muster und Vorbilder sein sollen!“ Dies ist eine Entweihung des göttlichen Namens, Gottes und seiner Lehreunserer Religion und unsere Berufs. Jeder Einzelne bringt in solcher Weise der Gesammtheit Schaden und Schande (Chillul Laschem), denn wir sind Alle gleichsam Bürgen für einander und tragen gemeinsam Verantwortlichkeit für den Erfolg unsere Berufs (kol Jisroel arewim). ln gleicher Weise soll die Musterhaftigkeit unsers Lebenswandels, deren sich jeder Einzelne in Israel zu befleissigen hat, den Völkern die Augen öffnen und sie anregen zu verkünden: ״Sehet doch hin auf den Tugendwandel Israels; dies ist der Einfluss ihrer Gotteslehre, in der That die wahre Religion!“ Darin liegt eine Huldigung Gottes und seines Namens; diese führt zur allgemeinen Anerkennung unserer Religion (Kiddusch haschem). So soll die Weise von Israels beruflicher Tbätig. keit sein. Andern Religionen, die in aufdringlicher und auf gewaltsamer Weise den Völkern Gottesglaube