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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 6. (1901) · p. Seite 42

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 6. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 thätigkeit Israel unterdrückt haben, dass Gott es verwarfen und die Christen an seiner Statt erwählt und berufen habe. Wenn Israel die Verbindung mit Gott, in der es bisher seit Jahrtausenden gestanden, auf- und seinen priesterlichen Lehrberuf, mit dem es Gott für die Völker beauftragt hat, preisgiebt; so leistet es hiermit gleichsam dieser angenommenen Meinung der Christen Vorschub. Ist dies deine Meinung und dein Wille, Israel? Wenn nicht, so gieb deine religiöse Gleichgültigkeit, die Vernachlässigung deiner religiösen Interessen auf! Kehre zu Gott und deinem Beruf zurück! Auch dem Christenthum ist ein providentieller Beruf für die Völker des Occidents nicht abzusprechen, wie ihn der Islam für die Völker des Orients hat. Die Stifter beider Religionen waren Juden; Jesus ist in Israel geboren und Mohamed hat Ismael, den andern Sohn Abraham’s, von Hagar geboren, zum Stammvater. Beide Religionen entstammen auch inhaltlich dem Judentlium, sind Töchter unsrer gemeinsamen Mutterreligion. Auf sie deutet der Prophet hin (Zach. 14,8 u. 9): ״Lebendes Wasser wird von Jerusalem ausgehen, zur Hälfte in das östliche und zur Hälfte in das westliche Meer fliessen; Sommer und Winter wird es fliessen. Und so wird Gott zum Herrn auf der ganzen Erde werden; dereinst wird Gott einzig sein und sein Name einzig.“ Unsere Tochterreligionen haben ihre Bedeutung für die Völker, deren gewohnten Anschauungen sie Concessionen machten, um ihnen die Gottesreligion nahe zu bringen, Für Israel haben sie eine direkte Bedeutung nicht. Israels Aufgabe bleibt es, die Gottesreligion in ihrer ursprünglichen Wahrheit uud Reinheit zu erhalten. Israel ist in jener neutestanientliclien Predigt das Salz und das Licht der Völker genannt. Diese Worte sind zu Israel, ganz im jüdischen Geiste, gesprochen, denn damals gab es noch keine Christen. Es wird aber auch gleichzeitig davor gewarnt, den Bekelirungseifer nicht ausarten zu lassen, denn die Völker, damals noch Heiden, zum Theil rohe und wilde, werden ״Säue“ und ״Hunde“ genannt, denen man das Heiligthum der Religion und die Perlen ihrer Lehren nicht vorwerfen solle; sie würden ihren Werth nicht verstehen, und missachtend würden sie solche mit ihren Füsseu zertreten, oder gar in Zorn und Undank sich gegen euch wenden und euch zerreissen (Matth. 7, 6 ff.). Die jüdische und christliche Geschichte hat die Wahrheit und Nothwendigkeit einer solchen Warnung vor frühzeitiger und übereilter Aufdrängung religiöser Lehren, wie vor gewaltthätiger Einführung der Religion bei den Heiden, bestätigt. Juden und Christen haben durch solchen falschen ßekehrungseifer gelitten, schwere Gefahren waren die Folgen, Tod und Untergang drohte den Einzelnen wie der Gesammtheit, denn die neue, aufgezwungene nicht begriffene Religion benahm den Heiden nicht sofort ihre angeborene Roh- und Wildheit. Auch der Talmud warnt mit Recht vor diesem falschen Bekehrungseifer. Ein Weib, das sich bekehren will, wird von Jesus förmlich zurückgewiesen, mit den Worten: ״Es ist nicht fein, dass man den Kindern das Brod nehme und es den Hunden vorwerfe•‘. Erst, als sie geistesgewandt erwidert: ״Aber die Hündlein essen doch von den Brosamen, die vom Tische des Herrn fallen,“ wird sie in ihrer guten und gläubigen Gesinnung erkannt und angenommen (das. 16,26 ff ). In solch geist^er Verkommenheit und sittlicher Verworfenheit wn& te man damals noch die Heiden. Da begreift man Israels Bevorzugung und Erwählung. Israel wird das Salz und Licht der Völker genannt. Salz ist das erhaltende Element, welches vor Fäulniss schützt. Die Völker waren geistig und sittlieh faul, Israel sollte zu ihrer Erhaltung als Salz beigemischt werden. Entzieht sich Israel seinem Beruf, will es nicht als Salz der Völker dienen, so ist das Salz gleichsam dumpf, fade geworden und zu nichts nütze. — Israel hat nur dann eine gesonderte Bedeutung unter den Völkern behauptet, wenn es seinen Gott, seiner Religion und seinem Berufe treu lebt. Im andern Falle verschwindet es und verliert sich unter den Nationen und verdient gar nicht, besonders genannt und gesondert erhalten zu werden Israel wird auch das Licht der Völker genannt. So heisst es schon nach den Begriffen und Be- Zeichnungen der Bibel. Die Religion, Gottes Lehre, wird als ״Licht“ bezeichnet (Sprüch. 6,23). In gleicher Weise heisst auch das Bündniss, in welches Israel mit Gott durch diese Lehre getreten ist, ״Bündniss des Salzes“ (Num. 18,19). Licht also wie Salz sind biblische, altjüdische Bezeichnungen; sie erklären sich nur aus der Gotteslehre, der Religion .Israels und seinem Gottesbündnisse, sie passen deshalb auch nur und ausschliesslich auf und für Israel. Licht war auch im mosaischen Tempelzelte Symbol der göttlichen Religion. ״Im Lichte Gottes wandeln“ (Jes, 2,5) heisst: Nach der Lehre Gottes handeln. Wie im Tempelzelte, so brannte auch im späteren Tempel Licht als Sinnbild der Religion, und ähnlich ist es heute noch in Israels Gotteshäusern. Das Christenthum hat dieses Sinnbild entlehnt. Licht und Feuer war auch den Heiden heilig, aber als göttliche Naturkraft. Im jüdischen Tempel stand ein goldener Leuchter mit 7 Lampenlichtern; 7 galt als heilige Zahl. Das natürliche Licht vertritt hier sinnbildlich das geistig-religiöse Licht. Die Lampen des Tempellichts wurden von einem Leuchter getragen. Dieser ist wiederum ein Symbol, und zwar des Volks Israel, welches die Aufgabe hat, das Licht der Religion zu tragen, für sich zu bewahren und zu den Völkern zu bringen. Eigenthümlich waren die Lichter des Tempellencliters gestellt, derart, dass sie nach innen leuchteten, ihr Licht nicht zunächst und zumeist nach aussen, sondern auf den Leuchter selbst falle (Exod. 20, 38. Num. 8, 2). Hiermit ist Israel der Weg seiner propagandistischen Thätigkeit vorgezeichnet. Israel ist der Leuchter, der Träger des religiösen Lichts. Dieses Licht sollte zunächst den Leuchter beleuchten; dies will sagen: Zunächst 8011 Israel von dem Lichte der Religion erleuchtet sein, dann dringt ihr Licht durch Vorbild und Beispiel von selbst zu der Aussen weit, ohne dass es mit Absicht und Demonstration dahin getragen werde. Das Licht des Tempels, welches nach innen den Leuchter bestrahlte, warf seine Strahlen auch nach aussen, ganz von selbst, sogar bis in die weitesten Fernen und verborgensten Ecken des Ge-

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